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Stormarner Tageblatt

13. Dezember 2017 | 01:20 Uhr

    Unsere Heldinnen des Alltags

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

   Die Oldesloer Wollschwalben sind Stormarns „Menschen des Jahres 2016“ und für den sh:z-Landesentscheid nominiert

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erstellt am 01.Dez.2016 | 09:58 Uhr

Stricken mit zwei oder mit vier Nadeln, meistens „blind“, aber immer in einen Schnack vertieft mit den anderen strickenden Damen – das ist Helga Denkelmanns Passion seit mehr als 30 Jahren. Die Oldesloerin ist Gründerin und Chefin der „Wollschwalben“, einer lockeren Runde von momentan neun Seniorinnen, die alle gerne handarbeiten – und zwar ausschließlich für einen wohltätigen Zweck. Das klingt zunächst wenig spektakulär, doch wenn man den Geldbetrag sieht, den Helga Denkelmann in ihr Buch, das sie seit 30 Jahren führt, auf der letzten Seite eingetragen hat, traut man seinen Augen nicht. „In 32 Jahren haben wir insgesamt 76  445 Euro gespendet“, sagt die Seniorin nicht ohne Stolz.

Dieser riesige Betrag ist das Resultat unzähliger Basare und Weihnachtsmärkte, auf denen die 82-Jährige zusammen mit ihren unermüdlichen Mitstreiterinnen die selbst gestrickten, bunten Strümpfe, Handschuhe, Schals, Decken, Kinderpullover und Jacken verkaufte. Dabei sind die Preise für ihre warmen, wollenen Handarbeiten moderat, dennoch kommen die Wollschwalben pro Jahr auf rund 3500 Euro Einnahmen, die an Vereine, Einrichtungen und Organisationen gespendet werden. Wer einen Scheck bekommt, und in welcher Höhe, das entscheiden die Wollschwalben stets gemeinschaftlich.

 Kein Kindergarten und keine Schule in Bad Oldesloe, die nicht bereits profitiert hat von den fleißigen Strickerinnen, die sich alle zwei Wochen bei Helga Denkelmann im gemütlichen Wintergarten oder draußen im Garten zur Handarbeit treffen. Bevor es an die Nadeln und die Wolle geht, wird aber erst einmal Kaffee getrunken. Helga Denkelmann backt den Kuchen selbst, denn mit gefülltem Magen strickt es sich besser. „Meist sind wir nur noch zu Viert oder Fünft, einige sind verstorben, andere zu krank zum Kommen und manche stricken lieber allein zu Hause“, erzählt Denkelmann, die sich dann mit dem Fahrrad zu den „Außenposten“ auf macht, um ihnen Wolle zu bringen und die fertigen Strümpfe abzuholen.

 Antje Bruhn ist eine der Strickerinnen, die inzwischen lieber in ihren eigenen vier Wänden handarbeitet. Die 88-Jährige strickt und häkelt seit 30 Jahren, am liebsten Decken und Tücher, und kam früher regelmäßig zum Treffen der Wollschwalben, doch das ist der Seniorin inzwischen zu beschwerlich.  „Vor 30 Jahren kam Helga bei mir mit ihrer Enkeltochter in der Karre vorbei und sagte, sie würden bei ihr zu Hause so’n bisschen klönen und stricken, und ob ich nicht mal Lust hätte, vorbei zu kommen. Seitdem bin ich dabei“, erzählt Antje Bruhn. Genauso lange ist auch Jutta Graepel schon Mitglied in der munteren Strickrunde. Die 88-Jährige strickt am liebsten Wollstrümpfe, das beherrscht sie perfekt und blind, denn die Augen machen nicht mehr so recht mit.

 „Jutta Gräpel ist unsere Strumpfstrickmaschine“, lobt Helga Denkelmann, die ihrerseits als „Boss und Mittelpunkt“ bezeichnet wird. Als sie mit 48 Jahren krankheitsbedingt in den vorzeitigen Ruhestand ging, fiel ihr ziemlich schnell die Decke auf den Kopf. „Ich bin dann in den Hausfrauenbund eingetreten und habe dort gehandarbeitet. Zu Dritt haben wir uns dann 1985 selbstständig gemacht und bei mir zu Hause gestrickt“, erzählt Helga Denkelmann. Deren vor sieben Jahren verstorbener Mann Siegfried erfand auch den Namen der Frauengruppe, indem er mal zu seiner Frau sagte: „Na, sind deine Wollschwalben heute wieder da?“ Bis heute strickten mehr als 20 Frauen bei den Wollschwalben mit, die Hälfte ist inzwischen verstorben.

 Elfriede Storjohann stieß vor zwölf Jahren dazu. Die Spezialität der 80-Jährigen sind Socken und Kinderjacken, die fast immer ihre Abnehmer finden. „Wir haben viele Stammgäste, die extra wegen uns zu den Basaren kommen“, sagt Denkelmann, einige Kunden kämen sogar aus Hamburg. Die gestrickten Westen, Stulpen, Pulswärmer, Mützen und Schals verkaufen sich in der kalten Jahreszeit besonders gut.  „Unsere beliebten Strümpfe gibt es sogar für Männerfüße bis Größe 50“, betont die Chefin. Auch kleine Weihnachtsmänner und Puppenkleider werden angefertigt sowie lustige Kleidchen und Anzüge aus jeweils drei Geschirrhandtüchern. Der Renner sind aber immer die Wollsocken und -strümpfe, die verkaufen sich am besten.

Die strickt auch Manuela Bär am liebsten. Vor 13 Jahren „bewarb“ sich die 53-jährige Heidekamperin auf eine Zeitungsanzeige bei den Wollschwalben, die damals dringend Nachwuchs suchten. Allerdings war sie die einzige, die anrief, aber immerhin bis heute blieb. Mit 52 Jahren ist Regine Timm das Nesthäkchen der Wollschwalben und erst seit fünf Jahren als „Außenschwalbe“ mit Wohnsitz in Lauenburg dabei. Auf 120 Paar Strümpfe pro Jahr kommt die besonders fleißige Strickerin, außerdem fertigt sie Tücher, Mützen und Puppenkleidchen an. Monika Studt (72) arbeitet lieber mit der Schere und schneidet Stoff für Schürzen und Taschen zu. Friedel Rogall (82) und Waltraut Klaus (78) sind erst seit wenigen Jahren dabei. Beide stricken fast ausschließlich Strümpfe bei sich zu Hause, die in den großen Fundus für Basare einfließen.

 Die Wolle für die Handarbeiten wird vorwiegend gespendet, nur die spezielle Strumpfwolle muss Helga Denkelmann einkaufen. Früher brachten die Frauen die Ausrüstung für ihren Verkaufsstand selbst zu den Basaren, inzwischen übernehmen das die Ehrenamtler vom THW, das deshalb auch stets mit einem dicken Spendenscheck bedacht wird. Aber auch die Jugendfeuerwehr gehört zu den Nutznießern, die alljährlich einen Scheck erhalten.

Helga Denkelmann hat alle Vereine, Organisationen und Einrichtungen, die bisher eine Spende bekamen, in ihrem Buch notiert: Weißer Ring und Spielmannszüge, ASB, DLRG und Fußballmädchen, ja sogar die Stadt Bad Oldesloe bekam schon einen Scheck für ihre Weihnachtsbeleuchtung und die Musikschule für einen Flügel. Auch bedürftige Familien konnten sich über Geld und Geschenkkörbe freuen. Zugunsten der Kinderkrebshilfe Lübeck wurde ebenso gespendet wie für eine Typisierungsaktion. Und als vor zwölf Jahren der Tsunami in Sri Lanka wütete, spendeten die Wollschwalben 1500 Euro für ein neues Fischerboot, das den Namen „Wollschwalben“ trägt. Einen besseren Lohn kann es für die fleißigen Wollschwalben fast nicht geben! Höchstens noch die Wahl zum „Mensch des Jahres 2016“.

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