"Und die Leiter ist immer dabei"

Jürco Börner fotografierte Reinfelder Handwerker bei der Arbeit. Foto: Fotos: fsh
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Jürco Börner fotografierte Reinfelder Handwerker bei der Arbeit. Foto: Fotos: fsh

Jürco Börner (46) fotografiert Reinfelder Handwerker bei ihrer täglichen Arbeit

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05. Juli 2011, 07:36 Uhr

Reinfeld | "Ganz wichtig ist für den Fotografen eine Leiter. Die habe ich immer dabei", sagt Jürco Börner. Sein Auto ist voll gepackt mit Utensilien: zwei Digitalkameras mit fünf Objektiven, zwei Blitzlampen auf einem Stativ, ein Belichtungsmesser, eine Graukarte für eine neutrale Farbeinstellung und Aufheller für den perfekten Hintergrund.

Ob das alles in die Käserei von Monika Henne in Zarpen passt? Bevor der Fotograf überhaupt sein Equipment aufbauen kann, muss alles mit steriler Folie abgedeckt, die Stative eingewickelt werden. Da herrschen ganz strenge Vorschriften beim Käsemachen auf dem Redderhof. Endlich steht alles an seinem Platz. Jetzt gilt es, die zu fotografierende Person in die richtige Position zu bringen.

Authentisch soll Ziegenbäuerin Monika Henne auf dem Foto aussehen. Das ist gar nicht so einfach, denn in der Käserei ist wenig Platz, es darf nichts berührt werden und das Motiv muss sich auch erst mal ein wenig auf die ungewohnte Situation einstellen. "Ich rede ganz viel mit den Menschen. Dabei erfahre ich viel über ihr Leben und ihre Eigenheiten", sagt Börner. Eine Stunde voller Konzentration und etliche Fotos auf der Digitalkamera - dann ist die Fotosession vorbei.

Jürco Börner fotografiert Handwerker in Reinfeld und Umgebung. Bereits im letzten Jahr hat er für das Buch "Ein Tag in Deutschland" neun traditionelle Handwerker fotografiert (das Stormarner Tageblatt berichtete). Das war am 7. Mai 2010. Auf den Tag genau ein Jahr später setzte er sein Projekt fort und besuchte fünf weitere Handwerker. "Mir geht es vor allem um die Wahrnehmung der menschlichen Tätigkeit", sagt der 46-Jährige. Viele wüssten echte Handarbeit gar nicht mehr zu schätzen.

Börner fotografiert ganz bewusst alle Personen aus der gleichen Perspektive und in stehender Position. Zu jedem Portrait gehört eine Nahaufnahme der Hände bei der Arbeit. "Die Hände sagen sehr viel über das Leben aus", weiß Börner. Schwielen bei Tischler Detlef Raht, feine Lebenslinien bei Raumausstatterin Telse Ingwersen, feingliedrige Finger bei Töpferin Nadja Bierbaum und kräftige Sehnen bei Gas- und Wasserinstallateur Hans-Werner Struck.

"Ich möchte zeigen, dass diese Menschen mit ihren Händen etwas Wertvolles vollbringen", erklärt der Reinfelder. Mit seinen Fotos möchte er diese kleine, begrenzte Welt, diese Sekunde im Alltagsleben für die Ewigkeit festhalten: "Diese Welt hat, obwohl aus dem täglichen Leben gegriffen, eine große Bedeutung für die Abgebildeten".

Nach getaner Arbeit schauen sich die Abgebildeten gemeinsam mit Jürco Börner das Resultat auf der Digitalkamera an. Sie möchte wissen, so der Fotograf, wie sie auf dem Foto "rüberkommen", ob sie authentisch wirken. Denn schließlich wollen sie "sie selber sein".

Inzwischen hat sich das Handwerker-Projekt auch auf Lübeck und Reinfelds weitere Umgebung ausgeweitet. Jürco Börner plant weitere Portraits von einem Büchsenmacher, einem Bildhauer, einem Koch und einem Buchbinder und ist weiterhin auf der Suche nach traditionellen Handwerkern, die bereit für ein Portrait sind. Börner: "Das Projekt entwickelt sich noch. Vielleicht kann daraus eine Ausstellung entstehen". Sein Traum ist es, die Handwerker in Lebensgröße auf Stoff abzubilden und mit Originaltönen aus ihrer Werkstatt zu ergänzen. Nur ein großes Bild und der passende Ton dazu - mehr nicht. Börner möchte so der Fotografie neuen Glanz verleihen. Seine Bild-Ton-Installationen beim Kunsthandfest in Barnitz gaben da einen ersten Einblick.

Dem freischaffenden Fotografen, der viel für den NDR fotografiert und sich außerdem auf Reise- und Werbefotografie spezialisiert hat, geht es nicht um das "Knipsen" sondern um das Erzählmoment eines Bildes: "Ein Foto kann, obwohl im Bruchteil einer Sekunde aufgenommen, ganz viel mitteilen". Genau das mache Fotografie aus. Im Zeitalter der Schnelllebigkeit und permanenten Berieselung habe so die Fotografie noch eine Chance. Börner: "Ich kämpfe dafür, dass die Menschen durch das Betrachten eines Fotos etwas genauer wahrnehmen". Weniger sei da oft mehr. Beim Betrachten eines Fotos Freude und Glück empfinden und die vielschichtige Botschaft empfangen - das sei der Kern der Fotografie.

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