"Umkehren geht nicht - aber neue Wege sind möglich"

Am Bußtag: Bischöfin Kirsten Fehrs und Bischof Gerhard Ulrich bekennen sich in der Schlosskirche zur Mitverantwortung

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23. November 2012, 10:09 Uhr

Ahrensburg | 16 brennende Kerzen auf einem Kreuz stehen vor dem Altar in der Ahrensburger Schlosskirche. Darauf liegen zerbrochene Dachziegel als Symbol. Der Buß- und Bettag bekommt in diesem Jahr eine ganz besondere Note. Denn das Thema sexuelle Gewalt treibt die Kirchengemeinde weiter um. Die Betroffenen haben den Gottesdienst mitgestaltet.

Bischöfin Kirsten Fehrs und Bischof Gerhard Ulrich bekennen sich im Gottesdienst zu ihrer Mitverant-wortung und Schuld. Sie sprechen vom Versagen der Dienstaufsicht in der Kirchenverwaltung. "Wir waren wie gelähmt, weil einige nur ans Ansehen der Kirche gedacht haben", sagt Ulrich. Auch deshalb seien spektakuläre Aktionen nötig und heilsam gewesen.

Die Bischöfe zitierten in ihrer Predigt das biblische Bild von Jesus, der einen Gelähmten heilt. Dafür mussten seine Anhänger wegen des Gedränges das Dach aufbrechen, um den ans Bett gefesselten Kranken auf diesem Weg zum Heiland zu bringen. "Sie steigen uns tatsächlich aufs Dach", sagt Ulrich der Gemeinde in seiner Predigt, "aber es musste etwas aufgebrochen werden im Denken und den Strukturen, damit man hinsieht."

So wurden jetzt zerbrochene Dachziegeln ausgeteilt, die auf dem Kreuz vor dem Altar platziert werden konnten. "Bringt so vor Gott, was euch auf dem Herzen liegt und beschwert", forderte Bischöfin Fehrs die Gläubigen auf. Dutzende der etwa 150 Gottesdienst-Besucher nutzten dieses befreiende Ritual, viele wirkten danach erleichterter. Zuvor hatten die Bischöfe vier Briefe von Betroffenen als eine "Epistel der Umkehr" verlesen. Die Autoren sprechen sich für eine offene Diskussion ohne weitere Schuldzuweisungen aus. Das Beharren in der Opferrolle sei nicht hilfreich. "Umkehren geht nicht, aber neue Wege sind möglich", schreibt ein Opfer, und sie würden bereits beschritten. Ein Anderer sieht seine Aufgabe jetzt auch darin, an der Genesung seiner Kirchengemeinde mitzuwirken. Eine Frau sieht die Umkehr in der Haltung der Kirchenleitung: "Ich wünsche mir, dass dieser Weg fortgesetzt wird und die positiven Signale auch in Ahrensburg gesehen werden."

"Es geht voran", sagt Bischöfin Fehrs, "wir haben mit den Betroffenen einen Weg gefunden, dass Unterstützungsleistungen angenommen werden können." Vieles sei von der Landeskirche inzwischen auf den Weg gebracht worden. Und es seien Experten gewonnen worden, die bei der weiteren Auseinandersetzung helfen könnten. Dabei gehe es nicht um einen Schlussstrich, sondern um Vergebung. "Die Wunde dieser Kirche wird nicht vergessen", betont Bischof Ulrich, "sie wird eine Schwachstelle bleiben und das ist auch gut so." Nach dem Gottesdienst diskutierten im Hotel am Schloss viele betroffene Menschen weiter. "Es gibt einen positiven Prozess hin zu einem friedvollen Miteinander. Diesen Dialog werden wir unterstützen", sagte Anselm Kohn von der Initiative Missbrauch in Ahrensburg. Der Gottesdienst mit den Stellungnahmen der Bischöfe sei fruchtbar für diesen Weg gewesen. Es bestünden aber nach wie vor tiefe Gräben in der Kirchengemeinde. "Die Gemeinde hat noch etwas zu erledigen, um sich aufeinander zuzubewegen", sagt Kohn.

Die Disziplinarkammer des unabhängigen Kirchengerichts der Nordkirche unter Vorsitz von Bernd Wrobel (Amtsgericht Reinbek) hatte am Mittwoch das Verfahren gegen den Ruhestandsgeistlichen H. aus Ahrensburg eingestellt. Das Landeskirchenamt als Disziplinaraufsicht führende Stelle der Nordkirche hatte H. schwerwiegende Amtspflichtverletzungen vorgeworfen und bei der Disziplinarkammer des Kirchengerichts seine Entfernung aus dem Dienst beantragt, was bei dem Ruhestands-Geistlichen den Verlust seiner Versorgungsansprüche zur Folge gehabt häte. Das unabhängige Kirchengericht war diesem Antrag nicht gefolgt.

Die Initiative gegen Missbrauch zeigt sich entsetzt über die Entscheidung. Und das Landeskirchenamt hält an seiner Rechtsauffassung fest und will die Begründung jetzt sehr sorgfältig prüfen. Die Frist bis zur Rechtskraft der Gerichtsentscheidung beträgt zwei Wochen.

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