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Amtsgericht Ahrensburg : Überfall auf Pizzaboten war „dumme Entscheidung“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Gericht gewährt drogenabhängigen 36-Jährigen wegen guter Sozialprognose Bewährung.

„Es war eine Kurzschlusshandlung“, sagt der Angeklagte zerknirscht. Am 18. Dezember vergangenen Jahres gegen 22 Uhr versuchte Jürgen W. (Name geändert) einen Pizzaboten in Ahrensburg auf der Straße zu überfallen. Er schlug dem schmächtigen Mann kräftig in den Nacken, der dadurch zu Boden ging. Doch der erwies sich nicht als leichtes Opfer, sondern setzte sich zur Wehr, als Jürgen W. Geld von ihm forderte. Mit einem Pizzablech und Fußtritten wehrte er den Angriff ab.

Kurios war das weitere Vorgehen von Jürgen W., der danach zunächst die Flucht ergriff. Danach erschien er in der Pizzeria, um sich zu entschuldigen. „Er sagte, er habe mich verwechselt“, so der Pizzabote vor dem Schöffengericht in Ahrensburg. Bei der Attacke war seine Brille zerbrochen und die Kapuze sei-ner Jacke abgerissen. Die Mitarbeiter der Pizzeria riefen die Polizei, W. wurde vorläufig festgenommen.

Vor Gericht sagte er, seit seinem 19. Lebensjahr drogenabhängig zu sein. „Ich wollte Stoff oder Medikamente besorgen und hatte kein Geld“, so der 36-Jährige. Es sei „eine dumme Entscheidung“ gewesen. Er war bereits im Methadon-Programm, konnte sich an diesem Tag aber keinen Nachschub besorgen. „Die Ärztin, die es mir verschrieben hat, praktiziert seit dem vergangenen Oktober nicht mehr.“

Am Tattag habe er morgens zuletzt Heroin konsumiert. „Eine Nase mit einem Gramm.“ Danach habe er sich statt für ein Rezept dazu entschieden, zu seiner Arbeitsstelle als Lagerist zu gehen. „Ich hatte danach Entzugserscheinungen, kalte und warme Schweißausbrüche, fühlte mich kraftlos und konnte nicht klar denken“, sagt W. mit monotoner Stimme. So ein Zustand war den Zeugen nicht aufgefallen. „Er war ruhig und kooperativ, wirkte nicht berauscht“, sagt ein Polizist aus. Warum keine Blutprobe genommen worden sei, wollte der Richter wissen: „Bei Alkoholdelikten ist das doch auch üblich.“ Das sei Aufgabe der Kripo, sagt der Beamte.

W. wird jetzt von der Ambulanz des Wandsbeker Krankenhauses mit Methadonrezepten versorgt. Bei den wöchentlichen Untersuchungen wird auch getestet, ob er noch andere Drogen konsumiert hat. Die Tagesdosis erhält er dann in der Apotheke. „Ich möchte mich jetzt runterdosieren und dann eine Entgiftung machen“, sagt Jürgen W.

Das Vorstrafenregister des Ahrensburgers ist stattlich. 18-mal wurde er verurteilt, überwiegend wegen Diebstählen. Mehrere Jahre hat er deshalb in Haft verbracht, zuletzt bis zum August 2012. Danach blieb er bis zum Raubversuch straffrei. Er lebt mit einer Partnerin zusammen und hat mit ihr ein klei-nes Kind.

Wegen versuchter räuberischer Erpressung und Körperverletzung fordert der Staatsanwalt zehn Monate Haft. Da es sich im Gegensatz zu einem klassischen Raub um einen minderschwerer Fall handele und wegen der günstiger Sozialprognose könne die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden.

Dem Antrag folgt das Schöffengericht und verhängt für die zehn Monate eine Bewährungsfrist drei Jahren. Jürgen W. muss die Verfahrenskosten übernehmen und 500 Euro Schmerzensgeld an den Pizzaboten bezahlen. Außerdem hat er die Auflage, ohne Beikonsum am Methadon-Programm teilzunehmen.

Zur Tatzeit habe Jürgen W. unter massivem Druck gestanden und sei vermindert schuldfähig gewesen, so der Richter: „Für den Angeklagten war das eine bis dato untypische Raubtat.“ Positiv sei zu vermerken, dass er reumütig sei und sich entschuldigt habe.

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