Über vier Jahre Haft für Totschlag

In Barsbüttel hatte ein 34-jähriger Asylbewerber einen älteren erstochen, der ihn monatelang drangsaliert hatte

23-2117406_23-54777749_1400258067.JPG von
11. Juli 2014, 13:30 Uhr

Mit vier Jahren und drei Monaten Haft ahndete das Schöffengericht zu Lübeck einen Totschlag in Barsbüttel. Am 5. November 2013 hatte der 34-jährige Arsen A. (Name geändert) einen Bekannten aus dem Asylbewerberheim Am Akku niedergestochen. Das Opfer, der 38-jährige Anton B., hatte ihn zuvor über Monate hin gedemütigt, bedroht und drangsaliert (wir berichteten).

Mit dem Tatwerkzeug, einem Messer, hatte zunächst Anton B. den Angeklagten bedroht. Der konnte ihm das Messer aus der Hand treten und den 38-Jährigen zu Boden stoßen. Dann ergriff Arsen A. das Messer und stach 15 Mal mit voller Wucht auf seinen Kontrahenten ein.

Am siebten Verhandlungstag fiel gestern das Urteil. „Es ist schlimm für die Nebenklägerin, einen geliebten Menschen zu verlieren“, sagte der Vorsitzende Richter Christian Singelmann in der Begründung. Das Verhalten von Anton B. könne aber nicht ausgeblendet werden. Die Witwe des Opfers verließ schließlich unter lauten Beschimpfungen des Angeklagten den Gerichtssaal.

Kennengelernt hatten sich die beiden Männer aus Südrussland in der Asylunterkunft in Neumünster. Anton B. habe sich schon dort so aufgeführt, als ob ihm die Unterkunft gehörte, so der Richter. „Er wurde auch schnell aggressiv.“ Arsen A. habe große Angst gehabt und versucht, ihm aus dem Weg zu gehen. Das wurde in Barsbüttel schwierig, weil sich Täter und Opfer mit einem dritten Asylbewerber ein Zimmer teilen mussten.

Am 4. November traf Arsen A. dann unverhofft Anton B. Der verhöhnte ihn, versetzte ihm Backpfeifen und warf mit einem Messer nach ihm. Mit dem Mitbewohner hatte er bereits drei Flaschen Wodka geleert, aber selbst nur relativ wenig davon getrunken. Dann wollten die Männer zu einem Bekannten nach Braak fahren. Als Arsen A. nicht mit wollte, drohte Anton B. ihm mit dem Tod, wenn er nicht mit ins Auto steigen würde.

Während der Fahrt und nach der Rückkehr nach Barsbüttel wurde in der Wohnung eines weiteren Bekannten noch mehr Wodka konsumiert. Und lautstark gestritten, bis die Frau des Hauses die Männer bat, zu gehen. Als Arsen A. sich die Schuhe anzog, trat ihm Anton B. ins Gesicht. Er drohte, auf der Straße werde er ihn in Stücke schneiden. Vergeblich bat A. die Frau noch, die Polizei zu alarmieren.

Im Barsbütteler Soltausredder zückte B. schließlich das Messer und es kam zur tödlichen Konfrontation. Das Opfer erlitt Stiche in die Lunge, die Schlagader wurde getroffen. Wie im Rausch stach Arsen A. auf Anton B. ein, bis die Klinge des Messers abbrach. Der konnte sich noch einmal aufrichten und ein Stück laufen. In einem Kellereingang brach er schließlich zusammen und verblutete. Er starb an Ort und Stelle.

Der Angeklagte hatte die Verhandlung meist mit gesenktem Kopf verfolgt. Er sagte nichts zur Sache aus, das Gericht stützte sich auf sein Geständnis vor der Kripo. Am Tag nach der Tat hatte sich Arsen A. gestellt. Dabei berief er sich auf sein Notwehrrecht. Er gab auch zu, am Tag vor der Tat ein Gramm Kokain konsumiert zu haben.

Notwehr sah das Gericht zum Zeitpunkt der Tat aber als nicht gegeben. „Nachdem der Angeklagte das Messer aus der Hand geschlagen hatte, war der Angriff beendet“, so der Richter. Allerdings sei es ein minderschwerer Fall von Totschlag gewesen, denn A. hätte sich der Situation nicht entziehen können. Er sei massiven Kränkungen und Demütigungen ausgesetzt worden. Sein Drogenkonsum und der Schlafmangel hätten zu Reizbarkeit und einer außergewöhnlichen Belastungsreaktion geführt. Das ehemalige Mitglied einer russischen Sondereinheit sei depressiv und emotional eingeschränkt. „Mit seiner Harmoniebedürftigkeit und ausweichendem Verhalten ist er alles andere als ein Kämpfer“, sagte der Richter.

Zur Tatzeit sei der Angeklagte nur eingeschränkt schuldfähig gewesen, die Tat sei spontan erfolgt. Das Gericht erkannte aus all diesen Gründen auf einen Fall minderschweren Totschlags. „Wir möchten ihm eine Zukunftschance bieten“, sagte der Richter.

In seinem Schlusswort hatte sich Arsen A. doch einmal geäußert, seine Tat bedauert und sich bei der Familie des Opfers entschuldigt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen