Havighorst : Tumult nach dem Urteil

Enttäuschung bei den Nebenklägern nach der Urteilsverkündung. Das weitere Vorgehen sei noch offen, so ein Anwalt.
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Enttäuschung bei den Nebenklägern nach der Urteilsverkündung. Das weitere Vorgehen sei noch offen, so ein Anwalt.

Nachtportier erschossen: Der Angeklagte muss zwölf Jahre hinter Gitter – für die Angehörigen zu wenig.

shz.de von
15. Juli 2015, 06:00 Uhr

Zwölf Jahre Haft wegen Totschlags für den Angeklagten Kalid H. Nach 27, oft für die Nebenkläger quälend langen, Verhandlungstagen seit November und 52 geladenen Zeugen hat Richter Christian Singelmann am Dienstag im Lübecker Landgericht das Urteil gesprochen.

Nach der Verlesung, die sich eineinhalb Stunden hinzog, brach ein kleiner Tumult im Gerichtssaal aus. „Dieser Mann hat uns alle umgebracht“, rief eine Verwandte des Opfers und zeigte auf den Angeklagten. Auch die Ehefrau von Nachtportier Massoud A. äußerte sich aufgebracht und stufte das Urteil als zu milde ein: „Nur 12 Jahre für das Umbringen meines Mannes. Für Steuerhinterziehung gibt es 15 Jahre.“

Vor dem Gericht versammelten sich alle fünf Nebenkläger und ihre gesetzlichen Vertreter. Noch sei offen, wie es weitergehe, vertröstete ein Anwalt seine Mandantin. Denn die Verteidigung wird aller Voraussicht nach Revision einlegen.

Bis zuletzt hatte der Angeklagte, gebürtiger Afghane, seine Unschuld beteuert. Sein Verteidiger forderte aufgrund dürftiger Beweislage Freispruch, die Staatsanwalt hingegen beantragte lebenslänglich wegen heimtückischen Mordes.

Aufgrund von Indizien und Zeugenaussagen sah es das Gericht als erwiesen an, dass der 47-Jährige im März 2014 – wahrscheinlich wegen einer größeren Geldsumme aus einem illegalen Geschäft – seinen ehemaligen Schwager und besten Freund mit vier Pistolenschüssen in der Feldmark bei Oststeinbek niedergestreckt und getötet hat (siehe Foto oben). Anschließend steckte er das Auto des Opfers nicht weit vom Tatort entfernt an und entledigte sich der Handys. Diese konnten die Ermittler später auffinden und anhand von diversen Telefonaten den zeitlichen Ablauf rekonstruieren. Das Opfer Massoud A. hatte Spätschicht als Portier im Hamburger Hotel Marienthal. Um Mitternacht machte der 29-Jährige Feierabend. Doch anstatt zu seiner Frau und den beiden Kindern nach Hause zu fahren, traf sich der ebenfalls aus Afghanistan stammende Mann mit seinem Ex-Schwager. Dieser habe Massoud A. auf einen abgelegenen Feldweg im Oststeinbeker Ortsteil Havighorst gelockt.

Die Tatwaffe wurde bis heute nicht gefunden. Die Ermittler entdeckten jedoch PT-Flaschen mit Benzinresten im Auto des Angeklagten. Laut Richter stützt sich das Urteil vor allem auf zwei „sehr belastende“ Zeugenaussagen. Der Angeklagte wollte sich über einen Cousin eine Waffe besorgen, dieser lehnte jedoch ab, da er selbst vorbestraft sei und nicht in weitere Machenschaften verwickelt werden wolle. Bei diesem Cousin soll er noch in der Tatnacht ein Geständnis abgelegt haben.

Weitere Details seiner Tat erzählte er einem Mithäftling in der U-Haft. Man habe die Aussagen beider – immerhin vorbestrafter Zeugen – gründlich geprüft und sei zu dem Schluss gekommen, dass sie schlüssig seien und außerdem Details enthielten, die beide Zeugen nicht durch die Presse oder andere Personen hätten erfahren können. Keiner der Zeugen hätte einen Grund, den Angeklagten fälschlich zu belasten. Der Angeklagte habe sich zudem in Widersprüche verwickelt und habe vorherige Aussagen zum Schluss der Verhandlung noch widerrufen. Er sei gar nicht bei seinem Cousin, sondern in einer Spielhalle gewesen. Er entließ seinen Wahlverteidiger und hielt sein eigenes Plädoyer, konnte das Gericht jedoch nicht überzeugen.

Zwar gehe das Gericht wie die Anklage davon aus, dass der Afghane seine Tat vorher geplant habe, doch seien zu wenige Indizien zum Nachweis einer Arglist vorhanden. Es handele sich jedoch keineswegs um einen „minderschweren Totschlag“ – daher die zwölf Jahre Haft.

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