zur Navigation springen

Strukturwandel : Trotz modernster Technik: Der Wandel in der Landwirtschaft hinterlässt seine Spuren

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Im ersten Teil der Reportage wurde ein Einblick in das Leben eines Bio-Bauern gegeben. Doch wie trifft der landwirtschaftliche Strukturwandel große konventionelle Betriebe?

shz.de von
erstellt am 30.Okt.2017 | 12:48 Uhr

Feldhorst | Der Strukturwandel der Landwirtschaft betrifft durch die Vorgaben der „Gemeinsam Agrarpolitik“ vor allem die Ackerbaubetriebe im Land. Schon jetzt befindet sich der Ökolandbau in Deutschland auf einem Rekordniveau von 1,25 Millionen Hektar Ackerfläche. Den Anteil will die Bundesregierung in den nächsten Jahren auf 20 Prozent der gesamten Fläche steigern.

Am vergangenen Donnerstag erst wurde die von der EU-Kommission gewünschte Zulassungsverlängerung des Herbizides Glyphosat im Fachausschuss vom Tisch gefegt, eine endgültige Entscheidung wurde erneut vertagt. Und es rührt noch ein weiteres Unheil für die Ackerbauern von anderer Stelle her: Der Klimawandel bringt auch nach Deutschland veränderte Wetterlagen und macht derweil besonders dem Getreideanbau zu schaffen. Anders als politische Auflagen bleibt das Wetter unberechenbar und die Zukunft der Agrarwirtschaft für die Landwirte damit ungewiss. Wie geht man in Stormarn damit um?

Schatten oder Sonne: Das Wetter wird in Zukunft auch für Ernst Wilhelm Schorr (kl. Foto) langfristig die Erntebedingungen verändern.
Schatten oder Sonne: Das Wetter wird in Zukunft langfristig die Erntebedingungen verändern. Foto: Annika Kühl

Ein Besuch bei Ernst Wilhelm Schorr in der Gemeinde Feldhorst zeigt, wie es gehen kann und was es auch für Probleme gibt. 350 Hektar Weizen, Gerste, Mais und Raps bewirtschaftet der Landwirt in gemeinsam mit einem fest angestellten Mitarbeiter. Das sind nicht nur andere Dimensionen, sondern auch eine ganz andere Art von Betrieb mit ganz eigenen Herausforderungen als bei Hauke Ruges Bio-Hof in Bargteheide.

1978 übernahm Schorr den Hof vom Vater mit einer Größe von etwa 73 Hektar. Seitdem ist der Betrieb stetig auf seine heutige Größe gewachsen und wird seit 1989 in einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gemeinsam mit einem Schweinemastbetrieb geführt. Größe ist für Ernst Wilhelm Schorr jedoch kein Maßstab für Erfolg: „Es gibt bestimmt auch gute Betriebe mit beispielsweise 80 Hektar, die eine bestimmte Nische besetzen oder viele Standbeine haben.“ Ein schlechtes Erntejahr würde alle gleichermaßen treffen. „Wenn man im nächsten Jahr als grobe Richtung 300 Euro weniger auf den Hektar hat, dann trifft das alle und nicht nur die Großen. Wenn man dann noch Pachten bezahlen muss, tut das natürlich doppelt weh.“

Auf den ersten Blick könnte man meinen, sämtliche Krisen und politische Veränderungen gingen spurlos an dem Betrieb von Ernst Wilhelm Schorr vorüber: Anstelle von Kühen stehen modernste Schlepper von John Deere im Stall des 59-Jährigen, allesamt mit GPS ausgestattet. Jeder Schlepper hat einen eigenen Terminal, auf dem die einzelnen Schläge (Jargon für „Feld“) einprogrammiert sind und das Fahrzeug somit nahezu autonom fährt. Lediglich die Wendemanöver müssen per Hand ausgeführt werden. Auch die Bodenuntersuchungsergebnisse, die zur genauen Justierung der Düngermenge dienen, sind bei Ernst Wilhelm Schorr digitalisiert. Der Landwirt bestätigt dennoch, dass Technik und Ertrag für viele andere nicht mehr im Verhältnis steht: „Der Trend geht gerade bei der Gülleausbringung immer mehr zum Lohnunternehmen. Die Technik ist so immens teuer mittlerweile, das geht einfach irgendwann nicht mehr.“

 Das Wetter wird in Zukunft  auch für Ernst Wilhelm Schorr (kl. Foto) langfristig die Erntebedingungen verändern.

Ernst Wilhelm Schorr hat den Betrieb von seinem Vater übernommen.

Foto: Annika Kühl

Eine Umstellung auf ökologischen Anbau kommt für Ernst Wilhelm Schorr trotz der zusätzlichen Subventionen ganz klar nicht in Frage: „Dazu braucht man die entsprechende Einstellung. Und das ständige Abhängigsein von Zuschüssen ist auch nicht gut.“

Konventionelle Betriebe erhalten derzeit bei einer Durchschnittsgröße von 100 Hektar Agrarprämien als EU-Direktzahlungen in Höhe von etwa 280 Euro pro Hektar. Diese sind seit dem Beschluss der Gemeinsamen Agrapolitik 2013 auch in der konventionellen Landwirtschaft an strenge Auflagen gebunden: Dazu gehören so genannte „Greening“-Flächen, die zu Gunsten der Natur bereitgestellt werden, die Erhaltung von Dauergrünland sowie die Diversifizierung des Anbaus. Die Prämien dienen laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft dem „finanziellen Ausgleich für hohe Produktionsstandards in der EU“. Bemerkenswert dabei: Die (ökologischen) Standards für den Ackerbau steigen, die Prämien sinken. Ähnlich wie Bio-Bauer Hauke Ruge macht Ernst Wilhelm Schorr im Alltagsgeschäft der Verwaltungsaufwand bereits jetzt schon enorm zu schaffen: „Ein reiner Papierwahn.“

Bisher blickt der 59-Jährige jedoch auf erfolgreiche Jahre zurück: „Gerade die letzten Jahre waren ausgesprochen ertragreich, ich kann mich nicht beschweren.“ Der wesentliche Unterschied zu Viehbetrieben sei die Arbeits- und Kapitalintensität: „Die Viehbetriebe haben ein Problem, was auch die nächste Generation meistens abschreckt: Sie sind kapitalintensiver, insbesondere was die Ställe angeht. Das ist festes Kapital, was sich im Zweifel nicht so schnell wieder verkaufen lässt. Hinzu kommt die Arbeitsbelastung, 365 Tage im Jahr.“

Der Erfolg darf dennoch nicht über die Herausforderungen hinweg trügen: Der Klimawandel und die sich damit stetig verändernden Böden und Wetterlagen machen allen zu schaffen. Die Ernte für dieses Jahr ist buchstäblich ins Wasser gefallen.

„Das Wetter, was wir jetzt haben, fordert uns schon besonders heraus. Aber das habe ich für dieses Jahr abgehakt“, sagt der Landwirt achselzuckend. „Die Quittung gibt es so richtig erst nächstes Jahr, aber wir arbeiten mit der Natur, damit müssen wir leben.“

Die enormen Ernte-Einbußen können für Landwirte auch schon existenzgefährdend sein. Laut Zahlen des Deutschen Bauernverbands geht seit 1995 die Zahl der Ackerbetriebe bundesweit stetig zurück. Viele können bei den notwendigen Investitionen zum Einhalten der Standards und des kostendeckenden Ertrags nicht Schritt halten oder scheitern an einer gelungenen Betriebswirtschaft.

Hinzu kommen weitere Herausforderungen in der Zukunft, beispielsweise das, was Ernst Wilhelm Schorr den „täglichen Landfraß“ nennt: Die Enteignung und Verwendung von Ackerflächen für Ausgleichsflächen, beispielsweise beim Neubau einer Straße. Auch der Börsenkurs spielt für Landwirte wie Ernst Wilhelm Schorr eine Rolle: Weil der Hauptanteil des Getreideanbaus, der Weizen, in den Export geht und an der Börse gehandelt wird, bestimmen auch Währungskurse und internationale politische Krisen das Geschäft.

Angst vor der Zukunft habe er dennoch keine, aber Sorgen. Unter anderem über die Politik, zum Beispiel beim Thema Glyphosat: „Da hat keiner den Mut, mal zu sagen so und so wird es jetzt gemacht. Stattdessen wird rumgeeiert.“ Neben klaren politischen Entscheidungen sei auch die gesellschaftliche Akzeptanz wichtig für die Zukunft. „Was mir Sorge macht, ist das globale Draufhauen auf die Landwirtschaft. Landwirtschaft wird mehr kritisiert als jeder andere Bereich. Trotzdem haben wir Landwirte das auch selbst in der Hand. Wir müssen unsere Mitmenschen ja auch mitnehmen und das geht nur, wenn man sie informiert. Das hat die Landwirtschaft in den vergangenen Jahren etwas versäumt.“

Nach dem Einblick in zwei völlig unterschiedliche landwirtschaftliche Betriebe wird deutlich: Der Wandel ist kein Thema der Zukunft, sondern die Landwirtschaft steckt bereits mitten drin. Das vom grünen Landwirtschaftsminister Robert Habeck angesprochene „System, von dem alle lange profitiert haben“, gerät durch existenzielle Veränderungen wie den Klimawandel oder die Marktsituation für die Milch ins Wanken. Darauf haben aber zumindest im Kreis Stormarn Hauke Ruge und Ernst Wilhelm Schorr in einigen Bereichen die gleichen Antworten: Betriebe müssen sich weitestgehend dem Wandel anpassen, oder eine Nische finden. Letztendlich sind aber nicht nur die Landwirte, sondern insbesondere bei bewussten Kaufentscheidungen alle Mitmenschen gefragt.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen