Trenthorst : Tolle Wolle aus dem Meer

Jörn Hartje aus Trenthorst zeigt, wie das Seegras in die dafür vorgesehen Dämm-Holzstellage gestopft wird.
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Jörn Hartje aus Trenthorst zeigt, wie das Seegras in die dafür vorgesehen Dämm-Holzstellage gestopft wird.

Das natürliche Dämm-Material Seegras erlebt durch Jörn Hartje und Swantje Streich ein Revival

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27. Dezember 2017, 06:00 Uhr

Seegras ist schimmelresistent, verrottet nicht, ist gegen jedes Ungeziefer gewachsen, ein regionales Produkt ohne Zusätze und brennt nicht. „Wir haben selbst ein 100 Jahre altes Haus mit Seegras gedämmt und waren von Anfang an begeistert von diesem natürlichen Dämmstoff“, sagt Swantje Streich, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Ornithologen Jörn Hartje, seit 2012 einen Seegrashandel betreibt.

Damals waren sie auf der Suche nach einem ökologischen Dämmstoff als Alternative zu der herkömmlichen Glaswolle. „Die Lehmbauerin Renata Wendt von der Lauenburgischen Lehmwerkstatt in Lütau hatte uns auf die Idee gebracht, mit Seegras zu dämmen“, erinnert sich Jörn Hartje. Im Winterhalbjahr 2004 ein ganzes Dach abdecken, mit Seegrasdämmung füllen und neu eindecken, sei ein großes Abenteuer gewesen, aber schnell habe sich herausgestellt, dass Seegras prima mit Nässe klar komme und schnell wieder trockne. Das Paar bezog das Seegras vom Seegrasprojekt im Klützer Winkel.

„Seitdem sind wir begeistert davon, und da es zwischenzeitlich keinen Anbieter mit Seegras aus der Ostsee gab, haben wir 2012 den Seegrashandel gegründet“, erklärt Streich. Heute beziehen sie das Seegras von Spezialisten aus Dänemark, die die dort sehr verbreitete alte Traditon fortsetzen. Das Seegras wird, nachdem es vor allem im Herbst in Massen an der Ostsee angespült wird, gesammelt und mit Regenwasser gewaschen, damit es seinen Geruch verliert. „Seegras stinkt nicht. Der typische, etwas unangenehme Geruch, den man vom Strand her kennt, kommt nicht vom Seegras, sondern von dem Gemisch, dass wochenlang im Wasser treibt“, so Hartje. Der Duft sei im Gegenteil angenehm und dem von getrocknetem Heu sehr ähnlich. Die dänische Firma trocknet das Gras auf Wiesen, bevor es wie Stroh und Heu in Rundballen gepresst und versendet wird.

„Noch bis in die 50er Jahre war Seegras ein ganz gewöhnlicher und häufig verwendeter Dämmstoff und Polstermittel für Sofas und Matratzen und wurde erst danach von anderen Materialien abgelöst“, so Streich weiter. Polsterungen mit Seegras seien gang und gäbe gewesen, Fachwerkhäuser an der Küste wurden traditionell mit Seegras gedämmt, ganze Dächer damit gedeckt. Vorteil des Naturmaterials: Es ist ewig haltbar. Noch heute sind auf der dänischen Insel Læsø Fachwerkhäuser mit Seegras-Dächern erhalten. Selbst in China gebe es ein ganzes Dorf mit seegrasgedeckten Häusern. Seegras wachse, so Hartje, vor allem an der Ostsee, an der Nordsee sei es meist verunreinigt. „Wir möchten gern, dass dieses ökologische Dämm-Material wieder bekannter wird“, betont Streich.

Nicht nur die Dämmung sei ausgesprochen effektiv, das Seegras erfülle auch wichtige ökologische Funktionen wie die Speicherung von Co2. Da Seegras eine einjährige Pflanze sei, die also nach einem Jahr absterbe und dann wieder nachwachse, werde durch das Sammeln auch kein natürlicher Rhythmus gestört.

Für die Dämmung eines normalen Einfamilienhauses braucht man 50 Kilogramm Seegras pro Kubikmeter. Ein Ballen wiegt 250 Kilogramm, womit man rund 20 Quadratmeter dämmen kann – bei einer Schicht von 20 Zentimetern. Ein Quadratmeter kostet 17 Euro. Das Seegras wird in Holzstellagen gestopft – aber nicht zu fest, damit noch Luftlöcher verbleiben, die für ein gutes Raumklima sorgen. Seegras hat sehr gute Schallschutzwerte, schützt vor Kälte und Hitze.

„Die Ökobilanz von Seegras ist kaum zu übertreffen. Es muss nicht extra angebaut oder aufwändig aufbereitet werden, die Natur wirft es Jahr für Jahr zu tausenden von Tonnen an den Strand, wo es nicht liegen bleiben soll“, erklärt die Trenthorsterin. Das Paar hat auch schon selbst versucht, Seegras in Scharbeutz zu sammeln, doch noch stehe man in Verhandlungen mit der Gemeinde, da diese zur Strandsäuberung alle angeschwemmten Materialien zusammenkehre und entsorge. „Da ist dann im Seegras zu viel Sand drin“, erklärt Hartje. Man sei dabei, eine eigene Ernte aufzubauen und spiele mit dem Gedanken, das Seegras in Biogasanlagen trocknen zu lassen. Da die Nachfrage stetig gestiegen ist, sucht das Paar nach einem einfachen Lagerhaus. Hartje: „Wir glauben, dass Seegras im Bereich ökologisch Dämmen bald neben Hanf und anderen Materialien einen gebührenden Platz findet.“

2017 waren die Trenthorster einer der Preisträger bei der Verleihung des Nachhaltigkeitspreises der Landesregierung Schleswig-Holstein.




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