Serie „Der Einsatz meines Lebens“ : THW-Spezialist berichtet: Eisige Nächte am Herrenteich

Rückkehr nach sieben Jahren: Thorben Schultz vor dem winterlichen Herrenteich in Reinfeld (Kreis Stormarn).
Rückkehr nach sieben Jahren: Thorben Schultz vor dem winterlichen Herrenteich in Reinfeld (Kreis Stormarn).

In einer Serie schildern Retter aus SH den Einsatz, der ihr Leben geprägt hat. Heute: Thorben Schultz aus Lübeck.

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03. Januar 2018, 12:37 Uhr

Reinfeld | Der Anruf kam abends. Wie so häufig, wenn wir zum Einsatz müssen. Meistens wenn es regnet, stürmt oder schneit. So war es auch am 3. März 2010. Ich hörte nur: „In Reinfeld droht der Herrenteich ein Wehr zu sprengen – kannst Du kommen und die Einsatzleitung unterstützen?“ Da bin ich sofort losgefahren.

Als ich in Reinfeld ankam, sah das alles zunächst gar nicht so dramatisch aus: ein zugefrorener, verschneiter See. Für den, der es nicht besser wusste, sah auch der Wasserstand nicht bedrohlich aus. Und doch konnte jeden Moment ein Teil der Stadt überflutet werden, weil sich in dem See immer mehr Schmelzwasser sammelte und ein Wehr, das den Herrenteich zur Innenstadt absperrte, gerade saniert wurde und jederzeit brechen konnte.

Ich habe schon viele Einsätze für das Technische Hilfswerk gehabt, bin 25 Jahre ehrenamtlich beim THW. Ich war beim G 20-Gipfel in Hamburg, in Sturmeinsätzen und habe Katastrophen gesehen, eingestürzte Gebäude, in denen noch Menschen vermutet wurden – und immer wieder haben wir gegen das Hochwasser an Elbe und Oder gekämpft. Und dennoch ist der Einsatz am Herrenteich ein besonderer für mich – vielleicht weil er fast vor meiner Haustür stattgefunden hat. Nie zuvor und danach habe ich trotz der Gefahr eine so familiäre Atmosphäre erlebt. Und das trotz Schnee, Eis und langen Nächten in unserer mobilen Einsatzleitung.

Das begann schon, als wir mit den ersten sechs Hochleistungspumpen in Reinfeld ankamen und unsere Fachberater ihren Einsatz begannen. Die Feuerwehr hat den Einsatz geleitet, die Polizei alles abgesperrt. Das war eine Teamleistung. Wir waren vom THW mit etwa 70 ehrenamtlichen Spezialisten da – aus Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und ganz Schleswig-Holstein. Das Gute beim THW ist, dass wir alle eine einheitliche Ausbildung und Ausrüstung haben – da weiß jeder, was zu tun ist. Wir haben mit Motorsägen das Eis auf dem Teich zerschnitten, um die Schläuche für unsere Hochleistungspumpen verlegen zu können.

Fünf Tage Ausnahmezustand in Reinfeld: Im März 2010 drohte die Stadt von Wassermassen überflutet zu werden. Das THW kämpfte in einem der größten Pumpeneinsätze erfolgreich dagegen an.
THW
Fünf Tage Ausnahmezustand in Reinfeld: Im März 2010 drohte die Stadt von Wassermassen überflutet zu werden. Das THW kämpfte in einem der größten Pumpeneinsätze erfolgreich dagegen an.

Zum Glück konnten wir über eine Hauptstraße hinweg das Wasser in die Mühlenau pumpen, von dort konnte es weiter ablaufen. Wir haben rund um den See mit elektronischen Pegeln den Wasserstand überwacht und schnell gemerkt, dass das funktioniert und der Pegel sinkt, am Ende liefen elf Pumpen Tag und Nacht, das war einer der größten Einsätze dieser Art, wenn man einmal von den Elbehochwassern absieht. Wenn wir das ganze Wasser, das wir abgepumpt haben, in Cola-Flaschen gefüllt und die hintereinander gelegt hätten, hätte die Strecke von Reinfeld bis Kapstadt in Südafrika gereicht. Das haben wir aber erst später ausgerechnet, für uns war damals vor allem wichtig, dass der Druck von dem Wehr genommen wurde, doch die Gefahr war noch nicht gebannt.

Ich weiß nicht mehr, in welcher Nacht es war, als wir wegen des sinkenden Pegels Risse an einem Teil des Wehrs entdeckt haben, der vorher noch unter Wasser stand. Da haben wir den Bürgermeister nachts bei Eisglätte und dichtem Schneetreiben aus dem Bett geholt. Ein Kindergarten und mehrere Häuser waren da schon evakuiert. Doch am Ende hat alles gehalten.

Elf Hochleistungspumpen des Technischen Hilfswerks THW förderten das Wasser aus dem Herrenteich in Reinfeld. Hunderttausend Liter saugten die Pumpen pro Minute aus dem See. Foto: Wüst / rtn
Elf Hochleistungspumpen des Technischen Hilfswerks THW förderten das Wasser aus dem Herrenteich in Reinfeld. Hunderttausend Liter saugten die Pumpen pro Minute aus dem See. Foto: Wüst / rtn
 

Schon ein paar Tage nachdem der Einsatz begonnen hatte, entspannte sich die Lage. Am Ende hatten wir den Pegel des Herrenteiches um 87 Zentimeter gesenkt. Viele Menschen kamen, um zu schauen, was wir da machen. Wir haben viel erklärt, und vor allem die Reinfelder haben uns unterstützt. Ein Restaurant hat uns kostenlos Essen gebracht, wir sind hier herzlich aufgenommen worden. Alle haben gewürdigt, dass wir das in unserer Freizeit machen. Manche von uns haben nur zum Schlafen Pause gemacht. Mein Arbeitgeber, die Hansestadt Lübeck, hat mich für diesen Einsatz freigestellt.

Besonders berührt hat mich eine ältere Dame, die einen Kuchen vorbeigebracht hat. Die wollte einfach nur Danke sagen. Ein paar Monate nach Ende des fünftägigen Einsatzes hat uns die Stadt Reinfeld zu einem Sommerfest eingeladen. Das haben wir auch nicht oft nach Einsätzen.

Heute bin ich das erste Mal wieder in Reinfeld – nach über sieben Jahren. Ist ein komisches Gefühl, wieder hier am Ufer zu stehen und auf das Wasser zu schauen – aber nicht unangenehm. Die Promenade ist jetzt befestigt, ein Gebäude, das damals von Wasser umspült war, ist mittlerweile fertig gebaut. Auch in diesem Winter ist viel Wasser im Herrenteich, aber das Wehr ist saniert und tut offenkundig seinen Dienst. Weil durch den Klimawandel die Niederschläge zunehmen, werden wir als THW wohl in Zukunft mehr Einsätze bekommen. Doch in Reinfeld ist das hoffentlich nicht mehr nötig.

Dieser Artikel ist Teil einer neuen Serie auf shz.de. Lesen Sie morgen: Der Kampf gegen Neonazis in einer Kleinstadt.
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