„Theater ist für mich eine Art Familie“

Carlo Ljubek vor dem Hamburger Schauspielhaus, als das noch geöffnet hatte.
Carlo Ljubek vor dem Hamburger Schauspielhaus, als das noch geöffnet hatte.

Schauspieler Carlo Ljubek über seine Leidenschaft zu Fußball, Film und Bühne, seine Fluchtinstinkte und den Wert von Familie

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03. April 2020, 10:47 Uhr

Es ist noch früh am Morgen, als Carlo Ljubek in der Kantine des Schauspielhauses sitzt. Erst hat er seine kleine Tochter zur Schule gebracht, danach mit Technikern und Technikerinnen des Theaters zusammen gefrühstückt. Er mag das. So kommt er auf Betriebstemperatur. Und plaudert dann im Gespräch mit Manfred Ertel umso lockerer über seine ganz besonderen Lieben.

Wachen Sie eigentlich morgens manchmal auf und wissen nicht auf Anhieb, was vor lauter Engagements gerade auf Ihrem persönlichen Spielplan steht − Theater, Filmdreh oder TV-Set?
Ich weiß schon, ob ich am Theater oder am Set arbeite. Das kriege ich noch mit (lacht). Aber es gibt in letzter Zeit schon so krude Träume. Wenn man wie ich vor Kafkas „Schloss“ einfach wochenlang jeden Tag im Theater war, morgens und abends, dann ist man manchmal etwas verwirrt und findet ja auch kaum zu Hause statt. Dann träumt man auf einmal von einem Stück, wo ich aufgrund einer Erkrankung irgendeinen Text aufsagen soll, aber nur noch eine halbe Stunde Zeit zum Lernen habe was einfach unmöglich ist. Die typischen Albträume eines Schauspielers.

Eben noch im Fernsehkrimi „Über die Grenze“ vor einigen Millionen von Zuschauern, zwei Tage später im Schauspielhaus eine große Kafka-Premiere – fühlt man sich da zerrissen?
Und parallel lief sogar noch ein Film von mir in Hamburg im
Kino, wo ich auch kurz zum
Zuschauergespräch war. Nein, man spaltet das ab. Am Ende war ich extrem fokussiert auf die Bühne und die Premiere. Das Schöne am Theater ist ja Zeit zu haben, in etwas ganz und gar einzutauchen, einen Stoff, einen Text. Und dass wir uns so gut kennen als Ensemble und man sich in den meisten Fällen auch auf die Kollegen freut und gegenseitig auffängt. Wir fangen jetzt grade mit den Arbeiten zu „Quai West“ von Bernhard-Marie Koltés an. Dann sitzt man intensiv zusammen und liest den Text miteinander. Ich empfinde das als ein Riesenprivileg.

Warum konzentrieren Sie sich nicht einfach auf Film und Fernsehen, das wird doch besser bezahlt und bietet mehr Freizeit?
Bei Film und Fernsehen hat man ja immer wieder mit Ungewissheiten zu tun und weiß nicht welches Projekt als nächstes ansteht. Und man hat nie ein richtiges Gefühl dafür, ob man jetzt drin ist im Geschäft und angesagt oder nicht. Außerdem bin ich dafür auch zu gerne am Theater. Das ist im übertragenen Sinne eine Art Familie für mich. Wie heute morgen, mit den Technikern und Technikerinnen zusammen zu sitzen. Das empfinde ich einfach als etwas sehr Warmes. Dann freue ich mich über die vielen guten Stoffe am Theater. Bei Film und Fernsehen weiß man nicht immer, was dabei rauskommt. Ich kann nur drehen, dann muss ich das abgeben. Der Schnitt ist nicht mehr in meinen Händen, ich weiß nicht, was damit passiert. Die Möglichkeit am Theater über einen Zeitraum etwas zu entwickeln, liebe ich unheimlich.

Ihre Vita mit den vielen Ortswechseln liest sich fast wie der Lebenslauf eines Fußballprofis. Haben Sie vielleicht Angst davor, irgendwo „fest“ zu sein?
Bin ich wirklich so viel rumgereist? (lacht) Aber stimmt wohl, es gibt so was bei mir. Wenn ich das Gefühl habe, irgendwo zu fest zu sein oder jemand verfügt über mich, dann gibt es bei mir so etwas wie einen Fluchtinstinkt, das ist ganz komisch. Es ist deshalb ein Geschenk, dass ich unsere Intendantin Karin Baier so lange kenne, sie alles von mir weiß und sie mir auch ermöglicht diese Ausflüge zu machen. Vielleicht wäre ich ohne die an dem einen oder anderen Punkt schon ein Stück weiter in meiner Entwicklung. Aber ich bin zu gerne am Theater und drehe auch zu gerne, als dass ich auf was verzichten möchte.

Der ständige Bühnenwechsel hat sie gesundheitlich schon mal zu einer Auszeit gezwungen. Gehört das zum Berufsrisiko?
Das glaube ich ganz stark. Wie das in vielen Berufen so ist, passt ja niemand auf einen auf. Man muss irgendwann selber lernen, auf seinen Körper und seine Psyche zu hören. Und wann man auf die Bremse treten muss. Erschöpfungssyndrome nehmen in unserer Gesellschaft überall zu, die betreffen nicht nur Schauspieler. Das hat was mit dem Tempo unserer Welt zu tun. Und wenn man wie ich, der aus dem Sportlichen kommt und immer denkt, der Körper funktioniert ja, dann funktioniert das genau nicht.

Welche Lehren haben Sie gezogen?
Ich habe zum Beispiel den ganzen letzten Sommer vier Monate lang alles abgesagt, nichts gedreht. Diese Auszeiten muss ich mir nehmen. Das möchte ich auch wegen meiner Familie. Ich möchte ja auch für die da sein. Das Leben geht wahnsinnig schnell. Und wenn man durch Schwächephasen geht kann man nur von Glück reden, wenn man eine Familie hat die einen darauf aufmerksam macht, dass man Gefahr läuft gerade etwas zu überdrehen.

Sind Sie ein Familienmensch?
Ja, ich suche die Familie immer wieder. Auch im übertragenen Sinne. Für mich sind Freunde ein starker Halt, die ich genauso zur Familie zähle. Und wenn man sich am Set wiedertrifft oder am Theater, ist das für mich auch so eine Art Familie. Ich brauche den Zusammenhalt und muss die Möglichkeit haben mich zurückzuziehen.

Sind Sie in der Hansestadt Hamburg jetzt endlich angekommen?
Für mich ist Hamburg ein richtiges Zuhause geworden, ich habe lange gebraucht um Fuß zu fassen und eine Nähe zu kriegen. Das ist in Köln sehr viel einfacher. In Nordrhein-Westfalen, wo ich herkomme, mag ich die Direktheit der Leute. In Hamburg braucht man da ein bisschen Anlauf. Vielleicht lag das aber auch an mir. Mittlerweile ist es so, dass ich mir nicht vorstellen kann und möchte, hier wegzugehen.

Was macht Hamburg für Sie aus?
Das sind natürlich Beziehungen, Menschen die hier leben, die ich gar nicht verlassen möchte. Und die Stadt natürlich auch. Ich mag den Hafen wahnsinnig gern, ich mag das Wasser, das mir immer ein Gefühl von Freiheit gibt. Ich war als Kind mit meinen Eltern jedes Jahr in Kroatien am Meer. Das ist für mich etwas sehr Vertrautes. Und schließlich natürlich die Familie.

Was haben Ihre Eltern gesagt, als Sie sich nach einer so genannten vernünftigen Berufsausbildung nicht für eine bürgerliche Karriere, sondern für das Theater entschieden haben?
Das Vernünftige hatte ich ja schon gemacht, auch wenn ich nie in dem Beruf gearbeitet habe. Meine Eltern hatten Vertrauen in mich, ich weiß auch nicht warum. Aber egal, was ich angefangen habe, ich habe das immer zu Ende gebracht. Dadurch habe ich vielleicht Zeit verschenkt, aber dadurch waren die sich wohl auch sicher und haben gesagt: Mach das.

Was hat Sie so relativ spät überhaupt zur Schauspielerei gebracht?
Während des Abis musste ich wegen meiner vielen Verletzungen meinen Kindheitstraum Fußballprofi ad acta legen und fragte mich, was eine ähnliche Leidenschaft für mich sein könnte. Ich weiß noch, dass ich als Kind manchmal vor dem Fernseher mit den schlechtesten Fernsehserien saß und dachte, was die machen kann ich auch. Dann hatte meine erste wirkliche Freundin eine Schwester, die mit einem Schauspieler zusammen war. Von dem wurde immer geschwärmt. Ich wollte beweisen, dass ich genauso toll bin wie der. Dann habe ich das probiert und wurde gleich auf allen Schulen angenommen, bei denen ich mich beworben hatte.

Sind Sie ein Promi?
Das würde ich von mir selber nie behaupten. Aber man wird mittlerweile natürlich auf der Straße öfter angesprochen. Das finde ich nur unangenehm, wenn meine Tochter dabei ist, weil das für sie ganz komisch ist.

Fühlen Sie sich als Sohn einer Migrantenfamilie eigentlich als Prototyp dafür, dass Multikulturalität eine gesellschaftliche Bereicherung ist?
Ich für mich denke da nie drüber nach. Aber grundsätzlich glaube ich das total. Ich finde es erschreckend, in welche Richtung ein Teil unserer Gesellschaft grade läuft, wenn ich an den rechten Terrorismus denke; dass es in einem Land wie Deutschland wieder so weit geht, solche Ängste von Rechts zu schüren; dass solch Denken in unserer Gesellschaft wieder Platz hat, wenn auch nicht immer in dieser Radikalität. Wenn Menschen glauben selbst nach Aussagen eines Björn Höcke immer noch AfD wählen zu können, müssen wir das ernst nehmen. Wir dürfen diese Leute nicht einfach beiseite schieben sondern müssen den Diskurs führen. Und wach bleiben.

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