Stormarner sind gesünder

Matthias R. Lemke, ärztlicher Direktor des HSK, Geschäftsführerin Andrea Nielsen, Landrat Klaus Plöger und Hans-Werner Harmuth von der DAK stellten den Gesundheitsreport vor.
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Matthias R. Lemke, ärztlicher Direktor des HSK, Geschäftsführerin Andrea Nielsen, Landrat Klaus Plöger und Hans-Werner Harmuth von der DAK stellten den Gesundheitsreport vor.

Psychische Erkrankungen werden zunehmend zum Problem / steigende Zahl von Krankmeldungen

shz.de von
23. November 2013, 00:34 Uhr

Depressionen entwickeln sich rapide zur Volkskrankheit. Sie liegen heute auf dem zweiten Platz hinter Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, noch vor den Atemsystem-Erkrankungen. Die Fehltage von Arbeitnehmern wegen psychischer Erkrankungen haben sich in den vergangenen zwölf Jahren fast verdoppelt. Der Anstieg beträgt genau 84 Prozent. Es gibt aber auch gute Nachrichten im aktuellen Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK.

„Die Stormarner sind die gesündesten Schleswig-Holsteiner“, sagt DAK-Chef Hans-Werner Harmuth. Ihr Krankenstand lag im vergangenen Jahr bei 3,5 Prozent. Landesschnitt sind 3,8 Prozent, am häufigsten sind die Segeberger mit 4,1 Prozent krank. Insgesamt ist der Krankenstand aber stabil geblieben.

„In Deutschland gibt es etwa fünf Millionen Behandlungsbedürftige mit Depressionen“, erläutert Prof. Matthias R. Lemke, ärztlicher Leiter des Heinrich-Sengelmann-Krankenhauses in Bargfeld-Stegen. Dort wurde die Gesundheitsstudie jetzt auch vorgestellt. Während andere Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Störungen zurückgehen, gibt es den steilen Anstieg bei den psychischen Symptomen. Die Arbeitnehmer-Fehltage pro 100 Versicherte sind deswe-gen in Stormarn allein von 2011 auf 2012 um zehn Prozent auf 197 gestiegen. Der Kreis liegt dabei aber unter dem Landesdurchschnitt. Frauen sind häufiger von Depressionen betroffen als Männer, bei Alkoholproblemen ist es umgekehrt.

Erschwerend für die Behandlung ist, dass psychisch Erkrankte noch immer stigmatisiert sind. So gaben bei einer Studie der DAK fast 50 Prozent an, dass sie von einer psychischen Erkrankung möglichst niemandem berichten würden. Auch Ärzte sprechen ihre Patienten von sich aus noch zu selten auf psychische Probleme an. Mehr als zwei Drittel der Befragten, die deshalb krankgeschrieben waren, gaben an, das Thema von sich aus beim Arzt angesprochen zu haben. Hier sieht Lemke Hand-lungsbedarf, die Kooperation mit den Medizinern und ihre Fortbildung müsse verbessert werden. „Das muss öffentlich diskutiert werden“, sagt auch Harmuth.

Das Problem ständiger Erreichbarkeit ist geringer, als viele es heute einschätzen. Nur gut jeder zehnte Arbeitnehmer gibt an, außerhalb der Arbeitszeit betriebliche Anrufe oder E-Mails zu erhalten. Aber innerhalb dieses Personenkreises liegt das Risiko von psychischen Störungen erheblich über dem Durchschnitt. Jeder vierte von ihnen leidet unter einer Depression.

Ärzte sehen in Arbeitsverdichtung, Konkurrenzdruck und langen Arbeitszeiten eine Ursache für den Anstieg psychischer Erkrankungen. Auch fehlender sozialer Rückhalt durch Familie oder Freunde sei für die mangelnde Widerstandsfähigkeit vieler Patienten verantwortlich.
„Durch gezieltes Gesundheitsmanagement können Unternehmen zum Sinken des Krankenstands beitragen“, ist Harmuth überzeugt. Ansätze dafür seien die Themen Ernährung, Entspannung und Bewegung. Aber auch Ärzte seien gefordert, mehr nachzufragen. Denn mehr als zwei Drittel der psy-chisch Erkrankten kommen zunächst wegen Symptomen wie Schlaflosigkeit, Erschöpfung, Kopfschmerzen oder Schwindel in die Sprechstunde. Dass dahinter psychische Ursachen stecken, wurde nur bei einem Drittel dieser Fälle korrekt diagnostiziert.

Wenige Erkrankte verursachen die meisten Fehlzeiten. 3,7 Prozent der Erkrankten sind für knapp 45 Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage verantwortlich. Burnout hingegen werde überschätzt, so Harmuth. „Es ist offensichtlich kein Massenphänomen.“ Nur jeder 480. Mann und jede 280. Frau wird mit dieser Diagnose krankgeschrieben.

„Depressionen sind heute gut behandelbar“, sagt Lemke. Er weist auf das vergleichsweise hohe Risiko einer Selbsttötung bei diesem Krankheitsbild hin. Neben Antidepressiva würden auch spirituelle, biologische, psychosoziale und psychologische Therapien eingesetzt, um die Widerstandskraft zu stärken. Für jeden Patienten werde ein individueller Therapieplan aufgestellt. Psychotherapien seien ebenfalls sinnvoll, doch hier liege die Wartezeit bei etwa sechs Monaten. „Im Notfall nehmen wir Patienten sofort auf“, sagt er. Die Psychiatrie habe sich grundlegend gewandelt: „Früher waren wir die böse Anstalt, wo man die Leute wegsperrt. Heut sind wir ein Schutzraum gegen die böse Gesellschaft.“

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