Stormarn droht Pflegenotstand

Immer mehr Einrichtungen im Kreis haben Probleme, ausreichend qualifizierte Mitarbeiter für die Altenpflege zu finden.
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Immer mehr Einrichtungen im Kreis haben Probleme, ausreichend qualifizierte Mitarbeiter für die Altenpflege zu finden.

Sozialverband warnt vor dramatischem Anstieg an Demenzerkrankungen

Andreas Olbertz. von
04. Juni 2014, 18:06 Uhr

Der Sozialverband schlägt Alarm. Der Kreis Stormarn steuere in den kommenden Jahren auf ein massives Pflegeproblem zu. Die Zahl der Pflegebedürftigen im Kreis, 2011 waren es noch 6 200 Personen, werde nämlich nach Expertenschätzungen bis zum Jahr 2030 um 67 Prozent auf fast 10 400 anwachsen. Voraussichtlich 5 600 Stormarner werden die Diagnose Demenz haben. „Der Kreis und die Kommunen müssen sich dringend mit dem steigenden Anteil alter, pflegebedürftiger und demenzerkrankter Menschen auseinandersetzen. Die heutige Versorgungslandschaft ist darauf nur unzureichend ausgerichtet“, erklärt der VdK-Bezirksverbandsvorsitzende Hans-Jürgen Albien: „Ein wichtiges Ziel der Lokalpolitik muss es sein, die kommunalen Strukturen im Hinblick auf altengerechtes Wohnen und Leben zu stärken.“

Besonders wichtig wird es nach Ansicht des VdK werden, im Bereich der Pflege die Versorgung der Bürger sicherzustellen. Kurzzeit- und Tagespflegeangebote, ambulante Pflege, betreutes Wohnen und alternative Wohnformen müssen weiterentwickelt werden. Die Kommunen, Kirchengemeinden und Vereine sind darüber hinaus gefordert, Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliches Engagement zu unterstützen. Um die Vereinsamung älterer Menschen zu verhindern, seien soziale Netzwerke im Wohnumfeld wie Begegnungsstätten, Bildungs- und Freizeitangebote von großer Bedeutung.

Hierzu gehöre die Unterstützung alter Menschen nicht, wie bisher, erst bei erheblicher Pflegebedürftigkeit, sondern bereits deutlich früher. Mit Beratung, altersgerechter Wohnraumanpassung oder hauswirtschaftlichen Hilfen können sie oft lange selbstständig in ihren vier Wänden wohnen bleiben.

Margot Sinning (SPD), Vorsitzende des Kreis-Sozialausschusses bestreitet die Entwicklung nicht. Das sei eine bundesweite Tendenz. Sie sieht in erster Linie die Landesregierung und die Arbeitgeber in der Pflicht. „Wir reden über Fachkräftemangel“, stellt sie klar. „Wer Altenpfleger lernen will, muss dafür auch noch bezahlen“, kritisiert sie. Die 300 Schulplätze, die das Land kostenlos zur Verfügung stelle, seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Außerdem ist der Beruf dermaßen beschissen bezahlt. Das macht ihn wenig attraktiv“, bemängelt die Sozialpolitikerin. Um qualifiziertes Personal zu binden, sei es wichtig, dass die Arbeitgeber familienfreundliche Angebote machten. Das alles sei unternehmerisches Handeln, auf das Politik nur wenig Einfluss habe.

Darüber hinaus sieht sie den Kreis Stormarn auf dem richtigen Weg. Sinning: „Ein Pflegestützpunkt ist in Vorbereitung. Wir haben eine regionale Pflegekonferenz, um den Bedarfsplan zu aktualisieren und im November veranstalten wir eine Demographie-Konferenz. Da wird Pflege ein ganz großes Thema sein.“

Für Maria Herrmann, Quartiersentwicklung für Q8 in Bad Oldesloe, ist Sinnigs Ansatz zu eng betrachtet. „ Das Problem wird nicht die Überalterung, sondern die Unterjüngung der Gesellschaft. Die Alten werden die Normalität sein.“ Deshalb ist sie überzeugt: „Unser derzeitiges System wird so auf Dauer nicht mehr funktionieren, Assistenzbedarf wird zum Normalfall werden. Es wird doch heute schon nicht bezahlt, was nötig wäre. Da können wir nicht fordern: Dieser oder jener muss bezahlen – bloß um die Verantwortung los zu werden. Die Gesellschaft wird wieder Solidarität entwickeln müssen, sonst gibt es zukünftig nur noch Aldi-Heime.“ Ihr schwebt vor, die verschiedenen Leistungen aus der Sozialgesetzgebung in einem Topf zusammenzuführen. Maria Herrmann: „An die Stelle der klassischen Leistungserbringung und Finanzierung muss ein quartiersbezogener Selbsthilfe-Bürger-Technik-Service-Profi-Mix treten.“ Da setze aber voraus, dass die Ressourcen in einem Quartier resortübergreifend bekannt seien. „Es muss gelingen, ortsnah vernetzte Dienstleistungen im Mix zu organisieren. Das klappt nur, wenn Kreis und Kommunen mit im Boot sind und Verantwortung übernehmen“, so Maria Herrmann. Genau das versucht sie am Schanzenbarg auf die Beine zu stellen.

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