Reinfeld : Soll die Karpfenstadt weiter wachsen?

Vom Messingschläger Teich bis zur Bahnlinie könnte in Reinfeld Bauland ausgewiesen werden. Thorsten Bartholl sieht das als negative Entwicklung. Viele in der Karpfenstadt sehen das ebenso
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Vom Messingschläger Teich bis zur Bahnlinie könnte in Reinfeld Bauland ausgewiesen werden. Thorsten Bartholl sieht das als negative Entwicklung. Viele in der Karpfenstadt sehen das ebenso

Bürger wehren sich als Initiative „Pro Reinfeld - Naturnah leben“ gegen weitere Bodenversiegelung

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24. Juli 2018, 06:00 Uhr

„Wir hätten gern unsere Argumente im Vorwege mit allen Fraktionen ausgetauscht“, bedauert Ulrike Liese von der vor einem Monat gegründeten Bürgerinitiativ „Pro Reinfeld“, die sich mit den Slogans „Naturnah leben“ und „Keine neue Bodenversiegelung“ gegen die weiteren Planungen für die Bebauung von 25 bis 30 Hektar landwirtschaftlicher Flächen mit rund 300 Einfamilienhäusern für 1 200 Menschen einsetzen. So schätzen es die rund 30 Aktiven der neuen Initiative ein. „Wenn diese letzten landwirtschaftlichen Flächen tatsächlich bebaut werden, verschwindet die letzte Naturidylle Reinfelds, die von vielen Menschen als Erholungsort genutzt wird“, ergänzt Mitstreiterin Ina Lochte. Sie schwärmt vom Seeadler, der dort nistet, von seltenen Vogelarten, dem Biotop am Messingschläger Teich, den Kleingärtnern, uralten Bäumen, dem Jakobsweg und dem nahegelegenen unbewirtschafteten Wäldchen „Steinkampsholz“.

Es handele sich um die Ackerflächen eines Landwirtes an der Dröhnhorst, der sein Land verkaufen möchte, so Thorsten Bartholl, Sprecher von „Pro Reinfeld“. Noch mehr Versiegelungen würden große Probleme für die Bewohner am Kalkgraben mit sich bringen: „Dann saufen die Anwohner dort noch mehr ab.“ Ganz zu schweigen vom erhöhten Verkehrsaufkommen, worunter auch die benachbarten Siedlungen leiden würden. „Wir wollen nicht, dass Reinfeld noch mehr wächst und sehen es nicht ein, dass dieses schöne Fleckchen Erde als Bauland für reiche Hamburger genutzt wird“, empört sich Liese und fordert mehr sozialen Wohnraum, anstatt Häuser für „betuchte Leute“, sowie eine Wohnverdichtung der Innenstadt - zum Beispiel auf dem ehemaligen Seiler-Gelände am Bahnhof.

Die kleine Stadt sei von Biotopen umzingelt. Da könne man kein zusammenhängendes Bauland erschließen. Drei neue Baugebiete in kürzester Zeit seien genug, ergänzt Bartholl. Man hätte vor den ersten Planungen mit den Bürgern in Kontakt treten müssen, bevor man das Geld für ein Planungsbüro ausgebe. Da sei das Geld besser in der Infrastruktur angelegt. Bartholl fragt sich, warum man sich „diese schwierige Ecke“ mit Torfboden, einer ehemaligen, zugeschütteten Mülldeponie aus den 1960-er Jahren und viel Wasser als Bauland auserkoren habe. Ulrike Liese weist außerdem darauf hin, dass die Initiative durchaus nicht nur aus betroffenen Anwohnern bestehe, sondern dass sich der Nabu und die Initiative „Viva Wald“ bereits mit eingeklinkt hätten. Mit einer Unterschriftenliste auf der Homepage www.pro-reinfeld.de wollen sie Bürger zum Mitmachen anregen, planen eine Info-Veranstaltung. Ziel der Initiative sei es, ein Umdenken in Gang zu bringen und eine Bürgerinformationsveranstaltung zu diesem Thema zu erwirken.

Dies hält Reinfelds Bauamtsleiter Stephan Kruse nicht für nötig. Wichtiger sei eine Bürgerinformation zu der elementaren Frage „Soll Reinfeld weiter wachsen oder nicht?“Soll die Stadt bei rund 9000 Einwohnern stehen bleiben, oder werden 10000 angestrebt? Fakt sei, so Kruse, dass die Stadtverwaltung verpflichtet sei, neuen Wohnraum zu schaffen, der Bedarf sei dringend. „Der Flächennutzungsplan hat bereits seit langem Gültigkeit“, betont er. Da hätten Gegner bereits 2013 wach werden müssen.

Die Idee, die Umgehungsstraße weiter aus der Stadt zu verlegen, um den Verkehr aus dem Ort zu leiten, sei ihm im letzten Jahr gekommen. Er habe der Politik vier Varianten vorgestellt mit dem Ziel, den Kalkgraben zu entlasten. Die Baufläche sei schon lange geplant gewesen, die Stadt habe sich somit Flächen gesichert, da der Landwirt einen Verkauf anstrebe. Die Stadtentwicklungsausschuss habe im Mai beschlossen, den Flächennutzungsplan wegen der vier Straßenvarianten ändern zu lassen und einen Planer eingeschaltet. Wo der Weg nun hinführe, sei noch völlig unklar. Es sei offensichtlich, dass einige Anwohner sich in ihrem Wohnwert beeinflusst fühlten. Das sei bei solchen vorausschauenden Planungen nichts Ungewöhnliches. Hier gehe es aber um die Allgemeinheit und nicht um Einzelpersonen. Außerdem gebe es weit hochwertigere Naturflächen in Reinfeld. Im Übrigen werde im Falle einer Bebauung das Biotop am Messingschläger Teich selbstverständlich erhalten. Für die Stadt sei dieser geplante Baugrund die einzige Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Auch die Mülldeponie aus den 60er Jahren sei ihm natürlich bekannt. Dazu gebe es bereits ein Gutachten. Da die Fläche zur Zeit landwirtschaftlich genutzt werde und daher keine Gefahr darstelle, sieht Kruse darin kein Hindernis.

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