Rethwisch : „Sie sind meine Versuchskaninchen“

In der Landwirtschaft ist die Digitalisierung schon angekommen. Ministerpräsident Torsten Albig ließ sich auf dem Hof von Bauernpräsident Werner Schwarz erklären, wie das automatische Fahren funktioniert. Die Steuereinheit für den Schlepper kostet mehrere tausend Euro, der Empfang der zentimetergenauen GPS-Signale 50 Euro im Monat. „Wahnsinn“, sagte Albig nach einer Probefahrt mit Benedikt Röring.
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In der Landwirtschaft ist die Digitalisierung schon angekommen. Ministerpräsident Torsten Albig ließ sich auf dem Hof von Bauernpräsident Werner Schwarz erklären, wie das automatische Fahren funktioniert. Die Steuereinheit für den Schlepper kostet mehrere tausend Euro, der Empfang der zentimetergenauen GPS-Signale 50 Euro im Monat. „Wahnsinn“, sagte Albig nach einer Probefahrt mit Benedikt Röring.

Ministerpräsident Torsten Albig begann seine Sommertour auf dem Hof von Bauernpräsident Werner Schwarz in Frauenholz.

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28. Juli 2015, 06:00 Uhr

„Das kann ja nichts sein, dass man bei einem Bauern nichts zu essen bekommt“, sagte Werner Schwarz und bat den Ministerpräsidenten samt Gefolge sowie die Journalisten zu Tisch, die Torsten Albig bei der Sommertour auf Gut Frauenholz begleitet hatten. „Auf der Grünen Woche in Berlin haben wir uns einen Schlepper mit GPS-Steuerung angesehen, und als Torsten Albig sagte, dass er sich kaum vorstellen könne, dass es funktioniert, habe ich ihn eingeladen“, so Schwarz.

Zu dem Gut in Rethwisch gehören 130 Hektar, 250 sind dazugepachtet. Der Maschinenpark ist aber auf 1000 Hektar ausgelegt, weil Schwarz auch für andere Landwirte fährt. Da lohnt sich die Anschaffung eines automatischen Lenksystems, das mit 8000 bis 10  000 Euro im Verhältnis zum Schlepper-Preis geradezu ein Schnäppchen ist.

Allerdings kommen noch monatliche Kosten von rund 50 Euro für die Daten dazu: Das frei empfangbare GPS-Signal bietet nur eine Genauigkeit von fünf Metern, auf dem Acker sind es wenige Zentimeter. Auf dem Schlepper sitzt Benedikt Röring, den Joystick-Steuerung und den Bildschirm vor sich, auf dem nicht nur das Fahrzeug, sondern auch die bereits gegrubbten Spuren genau zu sehen sind.

Eigentlich braucht es den Fahrer gar nicht mehr, denn der Schlepper sucht sich selbst seine Spur, wesentlich genauer als der Mensch es könnte. „Wahnsinn, es ruckelt sich von selbst zurecht“, sagt Albig nach einer Probefahrt mit Röring, „alle reden über Industrie 4,0, in der Landwirtschaft ist das schon angekommen.“

Nicht nur Schwarz, auch Albig kann sich an Erntearbeit vor 50 Jahren erinnern. „Mein Großvater hatte einen Hof in Franken. Der Staub und die Hitze auf dem Mähdrescher, das war die Hölle.“ Rückenfreundliche Sitze, lärmgedämmte Kabine, Klimaanlage und Radio – „das hat heute eine andere Arbeitsqualität“, sagt Schwarz. Die GPS-Steuerung ist aber nicht nur das Tüpfelchen auf dem i. „Wir setzen sie auch beim Pflanzenschutz ein und brauchen seitdem fast zehn Prozent weniger.“ Die Gerste ist bereits komplett eingeholt. Auf Frauenholz wird sie auch komplett an die Schweine verfüttert, ebenso wie ein Drittel des Weizens. Ferkelaufzucht ist das Hauptgeschäft, um das sich Betriebsleiterin Ulrike Tiefensee kümmert: „Das ist hoch technisiert, das Futter wird exakt berechnet, bis auf das Vitamin genau.“

500 Muttertiere und etwa 4000 Ferkel und Jungsauen leben in den Ställen, die auch der Ministerpräsident nicht betreten darf. „Der Mensch und das zugekaufte Tiere sind das größte Gesundheitsrisiko“, sagt die 52-Jährige. „Die Boxen müssen groß genug sein, damit sich die Tiere dort organisieren können“, erklärt Werner Schwarz beim Blick durch das Stallfenster.

Tierwohl ist heute ein großes Thema. Auch beim Mittagessen. „Was mich nervt, ist das Bauern-Bashing“, sagt Schwarz, „dass man die Landwirte als Bodenvergifter und Tierquäler diffamiert. Es ist absolutes Ziel jedes Bauern, Boden und Tier gesund zu halten. Sonst braucht er gar nicht erst anzufangen.“

Am Preisdruck ändert das allerdings nichts. „Der Handel nimmt schon eine Schlüsselrolle ein“, sagt Schwarz. Für Albig sind das Fragen, die „von beiden Seiten beantwortet werden müssen. Dazu gehört, dass möglichst wenig Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, dazu gehört aber auch, dass die Verbraucher bereit sind, höhere Preise zu akzeptieren. Und die Politik kann nicht so tun, als lebe sie in einer Welt, in der man nahtlos auf ökologischen Landbau umstellen könnte.“

Der Mittagstisch startete mit einer Spitzkohlsuppe nach einem Rezept aus dem Kochbuch der Landwirtschaftkammer. „Sie sind meine Versuchskaninchen“, ließe Susanne Schwarz Albig und Co wissen.

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