Bad Oldesloe : Shachi aus Indien mag Dirndl, Renato aus Chile deutsches Bier

Austauschschüler Renato (r.) aus Chile mit Shachi (l.) aus Indien und der Oldesloerin Lenia, die im vergangenen Jahr in Chile lebte.
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Austauschschüler Renato (r.) aus Chile mit Shachi (l.) aus Indien und der Oldesloerin Lenia, die im vergangenen Jahr in Chile lebte.

Zwei Austauschschüler erzählen dem Stormarner Tageblatt von ihrem neuen Alltag in Bad Oldesloe

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12. Juni 2015, 10:11 Uhr

Dass sich junge Schüler aus Indien für ein Austauschjahr in Deutschland entscheiden, ist schon ungewöhnlich. Aber dass eine junge Inderin für die deutsche Sprache und Kultur schwärmt und sich sogar ein Dirndl kauft, ist noch ungewöhnlicher.

Shachi Sejpal lebt seit neun Monaten in Bad Oldesloe bei ihrer Gastfamilie und inzwischen spricht sie fast perfekt Deutsch. Ihre Gastschwester Lenia (18) mag Dirndls eher nicht und hat sich für das Foto lieber einen indischen Sari angezogen.

Als Shachi (17) im September des vergangenen Jahres in die Kreisstadt kam, verstand sie die fremde Sprache kaum, doch nach wenigen Wochen an der Theodor-Mommsen-Schule konnte sie sich gut verständigen und auch dem Unterricht folgen. „Alles ist hier ganz anders, als in meinem Heimatland Indien, eigentlich völlig konträr“, erzählt die zierliche Schülerin, die gerne und viel lacht. Für Deutschland als Heimat auf Zeit habe sie sich entschieden, weil sie in ihrer Heimatstadt Vadodara eine Austauschschülerin aus Hamburg kennenlernte. Das weckte ihre Neugier.

„Von Hamburg und Berlin hatte ich schon vorher gehört. Außerdem fand ich es reizvoll, neben meinen Muttersprachen Gujarati, Hindi und Englisch noch eine europäische Sprache zu erlernen“, sagt Shachi, die in der 1,7 Millionen-Metropole Vadodara im Bundesstaat Gujarat im Westen von Indien zuhause ist. „Hindi sprechen alle Inder, um sich untereinander verständigen zu können, und Englisch lernen wir schon im Kindergarten. Der Schulunterricht ist ausschließlich in englischer Sprache“, erzählt die Schülerin. Mit Deutsch habe sie jetzt eine Sprache gelernt, die ihr bei ihrer beruflichen Zukunft von Vorteil sein werde. Shachi hat nämlich schon konkrete Pläne: „Ich möchte Interkulturelles Management oder Psychologie in Karlsruhe studieren.“

Der Wunsch, später wieder nach Deutschland zurückzukehren, sei sehr groß. „In Indien gibt es nicht so viele Möglichkeiten, Deutsch zu sprechen. Ich liebe Deutschland und die Sprache, auch wenn die Grammatik sehr schwer ist“, betont Shachi, die in Kürze das Zertifikat für die B1-Deutschprüfung am Hamburger Goethe-Institut absolvieren möchte.

Das hat auch Renato Lucic vor, der ebenfalls vor neun Monaten aus dem Andenstaat Chile nach Bad Oldesloe kam und bei seiner Gastfamilie in Pölitz lebt. Der 17-Jährige aus der Stadt Arica im Norden Chiles ist Sportler durch und durch, spielt Basketball, Rugby und liebt Fußball über alles. Und er betont, dass er jetzt trotz seines erklärten Lieblingsvereins Borussia Dortmund auch HSV-Fan sei. Renato hat als Chilene auch kroatische, italienische und sogar deutsche Wurzeln, doch Deutsch hat er erst in Bad Oldesloe gelernt, wo er eine 10. Klasse mit Sportprofil an der Theodor-Mommsen-Schule besucht. Für sein Austauschjahr fiel die Wahl auf Deutschland auch wegen des Fußballs und des berühmten deutschen Bieres.

Inzwischen spricht Renato sehr gut Deutsch, hat die Oldesloer Discos, Fitnessstudios und das Bier kennengelernt und spielte bis vor kurzem Fußball in einer Pölitzer Jugendmannschaft. Mit dem Deutsch-Zertifikat in der Tasche und einer Menge neuer Erfahrungen wird er in wenigen Wochen in sein Heimatland zurückkehren, wo er eine Pilotenausbildung anstrebt. „Ich möchte später gerne nach Deutschland zurückkehren, denn das Leben hier ist viel preiswerter als in Chile“, sagt der junge Mann, der ebenso wie Shachi erst in Deutschland so richtig das Fahrradfahren gelernt hat.

„In Chile fährt man nicht Fahrrad, sondern Auto oder Bus“, erzählt Renato, der sich in seiner Gastfamilie auf dem Land sehr wohl fühlt. Von seiner Gastmutter habe er sogar schon etwas Plattdeutsch gelernt, lacht Renato.

Shachi hat hier im Winter zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee gesehen. Aber nicht nur das Wetter, auch das Essen sei sehr speziell in Deutschland. Während Shachi als Vegetarierin die in Indien allgegenwärtigen scharfen Gewürze wie Chili vermisst, kommt Renato mit dem deutschen Essen gut zurecht. Gegrilltes Fleisch und Currywurst mag er besonders gern, neu war für ihn allerdings Kartoffelsalat. „Wahrscheinlich können alle Deutschen gut backen“, meint Shachi, die für Schwarzwälder Kirschtorte schwärmt.

Und was ist für die beiden jungen Austauschschüler typisch Deutsch? „Typisch ist, dass Deutsche immer alles gleich googeln müssen und dass sie Unmengen von Büchern zu Hause haben“, sagt Shachi. Außerdem seien die Deutschen immer äußerst pünktlich und wollten alles perfekt organisieren. „Das Wetter ist wohl das Einzige, das die Deutschen nicht organisieren können“, lacht Renato, der stolz eine chilenische Fahne ins Foto hält.

Auch Lenia ist inzwischen absoluter Chile-Fan, denn sie verbrachte ein Austauschjahr in der chilenischen Stadt Valdivia. Ebenso wie bei Shachi und Renato wurde ihr Austauschjahr von dem Verein „AFS - Interkulturelle Begegnungen“ organisiert, eine der ältesten und rein ehrenamtlich arbeitenden Austauschorganisationen. „Die Betreuung der Gast- und Entsendefamilien durch die AFS ist wirklich hervorragend. Es gibt immer kompetente Mitarbeiter, die jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung stehen“, betont Shachis Gastmutter Doris Krenz.



Weitere Informationen gibt es

im Internet unter www.afs.de

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