Seelenheil in Stein gehauen

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Um schwere Brocken und die Leichtigkeit des Seins geht es in dieser Woche in einem Workshop der handfesten Art im Haus am Schüberg. Dabei ist der Stein das Ziel - mit seelsorgerischer Funktion.

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08. Mai 2009, 10:38 Uhr

Ammersbek | Jeder muss im Laufe seines Lebens - sei es privat, sei es beruflich - schwere Brocken aus dem Weg räumen. Ist man dann beispielsweise noch Berufsfeuerwehrmann oder Notärztin und geht tagtäglich an die Grenze des Belastbaren, kann der schwere Brocken zur Felswand mutieren, die kaum noch bewältigt werden kann. Eine Auszeit muss her!

Die nehmen sich in dieser Woche insgesamt sieben Teilnehmer eines Bildhauerseminars mit heilender Wirkung, das gemeinsam von der Notfallseelsorge Hamburg und dem KunstHaus am Schüberg angeboten wird. Hier geht es aber nicht um Wellness im herkömmlichen Sinne, vielmehr um harte Handarbeit: Denn auch während der Auszeit gilt es, mit schweren Brocken umzugehen - genauer gesagt mit etwa 80 Kilogramm schweren Kalksandsteinen.

Es gilt, dem Stein zu begegnen, mit dem Widerstand umzugehen, ihn zu respektieren und mit ihm den eigenen Weg zu finden. Vier Hamburger Berufsfeuerwehrmänner, eine Notärztin, ein Seelsorger sowie Mitinitiatorin und Notfallseelsorgerin Erneli Martens, die sich selbst an einem dicken Brocken zu schaffen macht, erfahren, wie sich der steinharte "Gegenspieler" - geführt durch Schlagkraft und Innehalten - wandelt. Widerständige Bilder und schwere Brocken der eigenen Erfahrung werden erkennbar und Motiv bildend. Unfassbares wird erfassbar, begreifbar. Dabei sind die Beweggründe, sich dem Stein zu stellen, bei fast allen gleich und heißen kurz und knapp: Auftanken, Akku aufladen!

Kai Posekardt (43), seit 21 Jahren Berufsfeuerwehrmann in Hamburg, ist da, um die Seele zu reinigen und wieder zu sich selbst zu finden. "Man kommt nicht mehr zur Ruhe." Die Belastung nehme ständig zu. Zu viele Schichten kurz hintereinander. Da bleibe das Seelenheil irgendwann halt auf der Strecke. Abschalten, keine Chance: "Ständig erzäh- len kleine Männchen im Kopf von den Einsätzen." In der Ammersbeker Abgeschiedenheit ist er wieder Mensch, hier kann ers sein. Mit Hammer und Meißel in der Hand und Schlag auf Schlag erholt sich seine angekratzte Seele, findet der "Ausgebrannte" wieder zu sich selbst und kommt besser klar. Nur schade, dass der Dienstherr dieses wichtige Angebot nicht bezahlt. Posekardt hat extra Urlaub genommen und zahlt alles aus eigener Tasche - wie seine drei Kollegen, die hier an der frischen Luft ebenfalls neue Kraft schöpfen.

Sichtlich wohl fühlt sich auch Susanne Nissinen. Die 32-Jährige ist Notärztin in einem Stader Krankenhaus und bekommt durch die bildhauernde Herausforderung wieder einen klaren Kopf. "Auszeiten sind wichtig." Wie Posekardt möchte sie das Seminar irgendwann wiederholen. Das freut besonders Bildhauer Axel Richter, der seit neun Jahren das KunstHaus leitet: "Man sieht, was man tut, löst am Stein Blockaden und kann sich öffnen, statt Grenzen zu bauen." So diene hier die Kunst dem Menschen in besonderer Hinsicht.

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