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Stormarner Tageblatt

21. September 2017 | 23:34 Uhr

Brunsbek : Schwerer Weg durch die Hölle

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Lorenz Lunau kann und will nach 70 Jahren nicht länger schweigen: Kriegsende war für viele Beginn eines Martyriums.

von
erstellt am 01.Jun.2015 | 12:24 Uhr

Als Tag der Befreiung gilt mittlerweile der 8. Mai 1945, als Hitler-Deutschland kapitulierte. Befreit wurden aber längst nicht alle. Für Millionen deutsche Soldaten war das Kriegsende der Anfang eines jahrelangen Martyriums, das oft genug mit dem Tod endete. Lorenz Lunau hat es überlebt. „Ich habe so viel Glück gehabt. Das grenzt an ein Wunder“, sagt der Kronshorster, den viele noch als langjährigen Pächter der Gaststätte „Südstrand“ am Großensee kennen dürften.

87 Jahre ist Lorenz Lunau mittlerweile alt, seine Frau Margret, „die Seele des Hauses“, ist im vergangenen Jahr gestorben. Fast 70 Jahre hat er die schrecklichen Ereignisse nach 1945 verdrängt. Erst im vergangenen Jahr fand er mit Hilfe seiner jüngeren Schwester den Mut, in die Mappe mit Briefen und Belegen zu schauen, die sein Vater angelegt hatte, als er als vermisst galt.

Seine Eltern besaßen einen Wein- und Spirituosen-Großhandel und eine Gaststätte in Hamburg. Die war bereits ausgebombt, als man den Sohn 1944 aus Angst vor weiteren Luftangriffen ins Internat nach Soltau schickte. Mit Unterricht war nicht mehr viel, und wenige Tage nach der Ankunft Anfang November musste der 16-Jährige zur Musterung. „Ich wog 110 Pfund und war damit tauglich für die Ersatzreserve.“ Zu seiner Grundausbildung sollte er sich in Prag melden. Der Weg dorthin führte Lorenz Lunau über Dresden, wo er genau nach den zweitägigen verheerenden Bombenangriffen ankam – in einer intakten Kaserne vor den Toren der brennenden Stadt. Er schlug sich bis kurz vor Prag durch.

„Im Rückblick war man ein Idiot, dass man da noch hingegangen ist“, sagt Lunau. Das ist aber nur die eine Seite. Wäre er nicht freiwillig gegangen, wäre er mindestens eingezogen worden. So konnte er als „Wunsch“ noch Offizier angeben: „Man erhielt eine bessere Ausbildung und musste nicht gleich an die Front.“

Bis Anfang Mai dauerte die Ausbildung, dann erhielt die Kavallerieeinheit den Marschbefehl nach Prag. Bevor sie die Stadt erreichten, kapitulierte das Deutsche Reich. „Wir haben keinen einzigen Schuss abgeben müssen.“ Die 40 Reiter machten sich auf den Weg nach Pilsen, am 12. Mai übergaben sie ihre Waffen einer US-Einheit.

Trotz acht Jahren Englisch auf dem Gymnasium verstand Lorenz Lunau „kein Wort“. Dass er seine Wertsache herzugeben habe, war aber eindeutig zu verstehen. „Das war der erste Schock“, sagt Lorenz Lunau, „dass die Amerikaner auch ausplündern.“ Der zweite Schock: Die US-Soldaten übergaben die Gefangen an die Rote Armee. Durchsucht wurden sie nicht mehr: „Die Russen wussten, dass bei uns nichts mehr zu holen war.“

20  000 deutsche Soldaten wurden in Tschechien übergeben, Lorenz Lunau wollten sie aber nicht: „Ich war durch Blutdurchfall so geschwächt, dass die Russen mich an die Tschechen verschenkten. Ich wurde das zweite Mal verkauft wie ein Sklave.“

Zunächst schien sich aber alles gut zu entwickeln. Er kam auf einen Bauernhof, musste bei der Ernte helfen, „und sie ließen uns Gefangene sogar mitfeiern. Das waren ganz normale Menschen.“ Das sollte sich im Lager Kurim ändern.

„Die vier Wintermonate waren die Hölle. Wir haben auf dem Bretterboden geschlafen. Zu Essen gab es nur ungesalzene Graupen und Brot. Hunderte sind verhungert und wurden wie Tiere auf einem Acker verscharrt“, sagt Lunau, der „nur überlebte, weil der Lagerarzt mit mir geredet hat. Dass ich das Brot jetzt in den Mund stecken muss, wenn ich meine kleine Schwester wiedersehen will.“

Nach den Aufzeichnungen des dort von den Tschechen eingesetzten deutschen Arztes Dr. Alfred Schenk starben zwischen November 45 und März 46 im Lager 600 Menschen an Unterernährung. „Ich habe dank ihm überlebt, hunderte andere nicht“, sagt Lunau, der Dr. Schenk nie wiedersah. Der Arzt wollte Ende der 40er Jahre nach Hamburg kommen, was aufgrund der Zonengrenzen aber nicht möglich war. „Mein Vater hatte ein wenig Einfluss. Er konnte ihm aber nicht helfen“, sagt Lunau, der wie sein Großvater und sein Vater immer Mitglied der SPD war.

Ab August 1946 saß er in weiteren Lagern ein, die letzten Wochen vor seiner Abschiebung in die sowjetische Zone verbrachte er im Gefängnis Pankraz in Prag, „in einer Zelle mit 35 Männern ohne Betten. Und im gegenüberliegenden Block sahen wir die Frauen mit kahlrasierten Schädeln. Ich möchte gar nicht wissen, was ihnen dort widerfahren ist“, sagt Lunau, der dann nach Demmin gebracht wurde. Von dort flüchtete er in den britischen Sektor von Berlin.

Nur weil er seinen Schein vom Januar 1945 von der Meldebehörde aufbewahrt hatte, konnte er zurück nach Hamburg, wo sein Vater am Dovenfleet den Wein- und Spirituosen-Großhandel samt Gaststätte wieder aufbaute. Bei der Sturmflut 1962 wurde alles überschwemmt, „und als wir es wieder fertig hatten, hat uns die Hansestadt die Räume gekündigt“, sagt Lorenz Lunau.

Er und seine Frau Margret suchten nun etwas anderes. „Durch Zufall sind wir auf Großensee gestoßen. Das Gebäude stand zu dieser Zeit leer.“ 22 Jahre betrieben er und seine Frau die Gaststätte „Südstrand“ und den Campingplatz. „Wir hatten keinen Sonn- und keinen Feiertag frei, aber es hat Spaß gemacht – es war unser Leben“, sagt Lunau.

Anfang der 70er Jahre kauften sie eine alte Strohdachkate außerhalb von Kronshorst, wo es Platz für Pferde und natürlich auch die vier Söhne gab. „Wir haben alles selbst gemacht und aufgebaut“, sagt Lunau, der eine Zeitlang sogar Araber züchtete. Pferde gibt es dort immer noch, es ist mittlerweile allerdings ein reiner Pensionsbetrieb. Das Haus ist aber immer noch Treffpunkt für die vier Söhne, neun Enkel und einen Urenkel.

„Die jungen Leute können sich überhaupt nicht mehr vorstellen, wie das damals war“, sagt der 87-Jährige, der Krieg und Gefangenschaft selbst Jahrzehnte lang verdrängt hatte und erst jetzt darüber reden kann. „Ich habe nie etwas erzählt. Das hatte sowieso keinen Zweck. Eigentlich ist alles bekannt, aber bis heute scheint das niemand hören zu wollen“, sagt Lunau, den die Erinnerungen nachts manchmal einholen und der nicht länger schweigen will.

„Ich gehöre zu den wenigen, die noch leben. Ich will keine Rache und nichts aufrechnen, aber über diese völkerrechtswidrigen Verbrechen an Deutschen nach der Kapitulation wird geschwiegen. Auch sie können nicht verjähren. Nach 70 Jahren ist es Zeit, darüber zu reden“, sagt Lunau. Nicht nur die Opfer hätten ein „Recht auf Wahrheit und Gerechtigkeit“, sondern die Millionen Angehörige und Nachkommen.

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