Schimmelmann - aktuell wie nie

 Sie informierten über den Stand der Forschung über Heinrich Carl Schimmelmann: (v. l.) Prof Martin Krieger, Pastor i. R.  Wilfried Pioch, Prof. Franklin  Kopitzsch  und Dr. Klaus Weber, in der Mitte Stadtarchivarin Dr. Angela Behrens.   Foto: meier
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Sie informierten über den Stand der Forschung über Heinrich Carl Schimmelmann: (v. l.) Prof Martin Krieger, Pastor i. R. Wilfried Pioch, Prof. Franklin Kopitzsch und Dr. Klaus Weber, in der Mitte Stadtarchivarin Dr. Angela Behrens. Foto: meier

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27. November 2010, 08:33 Uhr

Ahrensburg | Für die einen ist Heinrich Carl Schimmelmann ein erfolgreicher Geschäftsmann, der es zu Reichtum und politischem Einfluss gebracht hat, andere sehen in ihm den skrupellosen Sklavenhändler, der sein Amt als Schatzmeister des dänischen Königs zum eigenen Vorteil nutzte. Bei seinem Tod im Jahr 1782 war Schimmelmann der reichste Bürger im Norden, besaß Schlösser, Palais und Herrenhäuser, Plantagen und Fabriken, war sogar in die exklusive Gemeinschaft der schleswig-holsteinischen Ritterschaft aufgenommen worden.

An Heinrich Carl Schimmmelmann scheiden sich auch heute die Geister. Das wurde im Ahrensburger Marstall deutlich. Drei hochkarätige Historiker und Pastor Wilfried Pioch beleuchteten das Leben des Geadelten, dessen Einfluss in Ahrensburg bis heute spürbar ist. Er leitete die Modernisierung des Dorfs Woldenhorn ein, gilt aber auch als Sklaven- und Waffenhändler. Viele lehnen den so sagenhaft reich gewordenen Emporkömmling heute deshalb ab.

Ablesbar ist die Bedeutung des Schlossherrn für Stormarn auch an der Besucherzahl. Fast 150 Schlossstädter sind zur Abendveranstaltung gekommen. Prof. Franklin Kopitzsch von der Uni Kiel moderiert und weist auf die überregionale Bedeutung Schimmelmanns hin. Denn der war ein Kind seiner Zeit, und er steht für eine ganze globale Epoche in der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Gegen die Sklaverei erhoben sich damals nur wenige Stimmen. Die deutschen Unternehmer und großen Bankiers wie die Fugger waren viel stärker beteiligt, als bisher bekannt, so Prof Martin Krieger, ein Experte für norddeutsche Geschichte an der Universität Kiel: "Sie investierten seit dem 16. Jahrhundert beträchtliche Summen in den Sklavenhandel."

Heinrich Carl Schimmelmann stammte aus bürgerlichem Haus und wurde erst als reicher Kaufmann in Dänemark geadelt. Er stieg dort bis zum Finanzminister auf. Im so genannten Dreieckshandel lieferte er Waren und Waffen nach Afrika und tauschte sie dort gegen Sklaven ein. Die wurden zu den Plantagen in der Karibik transportiert, wo sie etwa beim Zuckerrohranbau schuften mussten. Die so erzeugten Produkte wie Zucker und Rum wurden dann zurück nach Europa transportiert.

Der Schlossherr hielt etwa 1000 Sklaven auf seinen Plantagen, die 400 Bauern in Woldenhorn hatten es kaum besser. Sie waren seine Leibeigenen. Doch damals wurde auch ein Waisenhaus gebaut, Manufakturen entstanden, ein Arzt und eine Hebamme kamen ins Dorf. Zwar wurde ein Galgen aufgestellt, es gab aber keine Hinrichtungen "Die Geschichte ist selten schwarz oder weiß, sondern meistens grau", stellt Pastor Wilfried Pioch dazu fest.

Schimmelmanns Sohn Ernst stellte sich schon in den Dienst der Aufklärung. Er setzte sich für die Abschaffung des Sklavenhandels ein und vermittelte dem Dichter Schiller eine dänische Pension. "Und er verwickelte Dänemark in die Napoleonischen Kriege", so Krieger, "das endete mit dem Staatsbankrott." Außerdem trieb er regen Waffenhandel, belieferte etwa die indischen Fürsten mit minderwertigen Gewehren. Das führte auch zum Konflikt mit Großbritannien, das sich damals gerade zur Eroberung des Subkontinents anschickte.

Dr. Klaus Weber ist ein ausgewiesener Kenner des Sklavenhandels und hat viele neue Forschungsergebnisse zusammengetragen. "Deutsche mischten schon früh im internationalen Sklavenhandel mit", sagt er. In den europäischen Handelsmetropolen siedelten sie sich an. Der Handel mit Tauschgütern wie Textilien und Eisen waren belebte auch die deutsche Wirtschaft im 18. Jahrhundert, so boomte die Weberei. "Wegen der florierenden Wirtschaft verdoppelte sich die Bevölkerung deshalb innerhalb von 50 Jahren", sagte Weber.

Etwa elf Millionen Schwarzafrikaner wurden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als Sklaven verschifft, schätzt er. Noch einmal die gleiche Anzahl sei unterwegs ums Leben gekommen. "Was können wir hier gegen die moderne Sklaverei tun, gegen Organhandel, Ausbeutung oder Kinderarbeit?", fragt eine Besucherin zum Schluss. "Wir müssen aufklären, Verbündete suchen und kulturelle Kontakte knüpfen", rät Kopitzsch.

Pastor Pioch wies die Besucher darauf hin, dass sie auch mit ihrem Kaufverhalten daran mitwirkten. "Wenn eine Jeans beim Discounter 7,99 Euro kostet, kann sie nur durch Sklavenarbeit hergestellt worden sein."

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