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Bad Oldesloe : Scheidung: Wenn Kinder zum Streitobjekt werden

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Die Ev. Beratungsstelle Stormarn beobachtet den Trend, dem Nachwuchs bei einer Trennung als Besitz zu betrachten.

von
erstellt am 19.Aug.2015 | 06:00 Uhr

„Scheiden tut weh“ – Dieses geflügelte Wort hat Leiter Christoph Haberer dem Jahresbericht der Ev. Beratungsstelle Stormarn vorangestellt und damit auch das Thema der Bilanz 2014 umrissen: Trennung und Ehescheidung. „Gefühlt wird eher jede zweite als jede dritte Ehe geschieden“, sagt Haberer, obwohl die Entwicklung genau andersherum verlaufen ist: Die Zahl der Scheidungen sinkt. Bundesweit gehen 35 Prozent aller Ehen vor der Silberhochzeit in die Brüche. Vor zehn Jahren waren es aber noch 42 Prozent.

In der Statistik der kirchlichen Einrichtung sind Trennung und Ehescheidung aber seit Jahren die meistgenannten Beratungsgründe. Allerdings suchen die Probanden nicht unbedingt von sich aus Hilfe, sondern werden oft genug zugewiesen.

„Das Spektrum reicht von Elternpaaren, die sich nicht sicher sind, ob sie sich trennen sollen, über Paare, die konstruktive Unterstützung suchen, bis zu denen, die sich hochstrittig in einer Anhörung des Familiengerichts Ahrensburg auf eine Beratung verständigen“, so Psychologin Bärbel Suckow. Das ist manchmal der einzige Punkt, mit dem sich beide vor Gericht einverstanden erklärten. Diese Einigkeit könne aber „schon durch eine geringfügige Unstimmigkeit beim nächsten Besuchswochenende wieder hinfällig sein“, weiß Suckow aus Erfahrung. Wahrnehmungsverzerrung, reduzierte Offenheit und unflexible Denkstrukturen bescheinigen Psychologen jenen Eltern, die nur noch den Streit mit dem Ex-Partner sehen und die Kinder aus dem Blick verlieren oder – noch schlimmer – für die Auseinandersetzung mit dem Ex-Partner missbrauchen.

„Das hatten wir früher nicht so. Das die Kinder gewissermaßen unter den Besitz gezählt und Gegenstand des Streits werden, ist ein neues Phänomen“, sagt Haberer, der den Anteil derart Zerstrittener auf zehn Prozent schätzt. „Dabei sind es oft Eltern, mit denen man einzeln ganz vernünftig reden kann“, wundert er sich.

„Hochstrittige Paare neigen zudem dazu, die professionellen Helfer gegeneinander auszuspielen“, sagt Bärbel Suckow, die sich als stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle auch konkretere Fragestellungen vom Familiengericht wünscht. „Unbestimmte Vorgaben, die Kommunikationsfähigkeit der Eltern zu verbessern, helfen nicht, sondern öffnen auch dem Rosenkrieg Tor und Tür.“

Bei solcherart Getrennten beginnt die Beratung häufig in Einzelsettings, um eingefahrene Handlungsmuster zu überdenken, bevor man sich gemeinsam an einen Tisch setzt. Gleichzeitig werden die Eltern in den Gruppenkursus „Kinder im Blick“, kurz KiB geschickt. Für Neun- bis Elfjährige gibt es es zudem seit Jahren eine Trennungskinder-Gruppe – bei steigendem Bedarf.

Bei KiB werden die Teilnehmer mit der Sichtweise anderer Eltern konfrontiert und können sich so besser in die Position des anderen Elternteils hineinversetzen. „Dieser Aspekt ist von unschätzbarem Wert“, so Familientherapeutin Carola Rieger, „getrennte Eltern kommen manchmal mit einer selbstgerechten Haltung in den Kurs, indem sie die Fehler nur beim anderen sehen, und sie erwarten teils Bestätigung für ihre Verletzung oder auch Verbitterung.“

Genau aus diesem Kreislauf gegenseitiger Verletzungen müssen sie allerdings aussteigen, um wieder zu einer sachlichen Kommunikationsebene mit dem Ex-Partner zu kommen. Carola Rieger: „Manchen Eltern wird im Kurs bewusst, wie sehr ihre Kinder gelitten haben und noch leiden. Das ist eine schmerzliche Einsicht.“

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