Hamberge : Risse in der Kirche durch Rammarbeiten in Reecke?

Pastor Erhard Graf zeigt, wo der neue Riss durch das Kirchenfenster verläuft.
Pastor Erhard Graf zeigt, wo der neue Riss durch das Kirchenfenster verläuft.

Hamberges Pastor Graf hat Anzeige bei der Stadt Lübeck als Bauherr der Reecker Brücke erstattet.

shz.de von
27. Mai 2015, 06:00 Uhr

Pastor Erhard Graf hat Angst um die Stabilität der 1327 erbauten Backsteinkirche. Vor dem Gottesdienst hatten Besucher einen abgebrochenen Gipsmarker unter dem vorderen Kirchenfenster gefunden. Der Marker war bei der Begutachtung vor 27 Jahren angebracht worden, um festzustellen, ob sich vorhandene Risse im Mauerwerk fortpflanzen. „Von selbst fällt so ein Gipsmarker nicht herunter“, sagt der Pastor, der einen Zusammenhang zwischen den Rammarbeiten für die neue Reecker Brücke nebenan und einem neuen Riss durch ein Kirchenfenster sieht und deshalb hat er Anzeige bei der Stadt Lübeck erstattet hat.

„Dies ist zwar ein altes Gotteshaus, das überall kleinere Risse aufweist“, sagt. Jedoch sei seit 27 Jahren, seit der letzten Bauprüfung, trotz Schwerlastverkehr kein weiterer Schaden aufgetreten. Selbst Nachbar André Fennert vom Erdbeerhof nebenan habe während der Rammarbeiten eine starkes Vibrieren wahrgenommen. Graf kann sich durchaus vorstellen, dass sich – begünstigt durch den „schwierigen Untergrund“ – Erschütterungen bei den Brückenarbeiten in Wellen bis zur Kirche fortgesetzt haben.

„Wir wollen uns nicht aus der Verantwortung stehlen und werden dies genau prüfen“, sagt Marc Langentepe, Sprecher der Stadt Lübeck. Sollte sich der Vorwurf erhärten, werde die Stadt dafür gerade stehen. Doch er könne sich einen Schaden an der Kirche durch die Rammarbeiten „beim besten Willen nicht vorstellen. Das ist eigentlich auszuschließen“, sagt Langentepe. So etwas sei bei ähnlichen Arbeiten noch nie aufgetreten. Häufig werde vor Rammarbeiten ein sogenanntes „Riss-Monitoring“ gemacht, um auf Nummer scher zu gehen. In Hamberge nicht, da die Kirche 100 Meter von der Baustelle entfernt liege und deshalb keinerlei Gefahr bestanden habe. Man werde aber im Nachhinein ein Monitoring machen und Gipsmarker an der Kirche anbringen lassen. „Falls der Riss sich weiterentwickelt, kann der Schaden nicht durch das Rammen verursacht worden sein“, sagt Langentepe. Er vermutet, dass die neuen Risse eher durch den zunehmenden Schwerlastverkehr verursacht wurden.

An diese Theorie mag Pastor Graf nicht glauben, zumal der Verkehr Jahrzehnte lang keinerlei Schäden am Gotteshaus verursacht habe: „Wir haben hier in letzter Zeit ja auch kein Erdbeben oder sonstige Erschütterungen gehabt.“Falls sich seine Vermutung bewahrheitet, wird es teuer für die kleine evangelische Kirchengemeinde. Es müsste eine Stützvorrichtung durch das Mauerwerk gebohrt werden, damit dieses sich nicht weiter auseinander bewegen kann. Pastor Graf rechnet mit Kosten von einigen tausend Euro.

Zwar breche die denkmalgeschützte Kirche nicht gleich auseinander, aber auf lange Sicht könne der Riss durch das Kirchenfenster schwerwiegende Folgen für die Statik haben, betont Graf. Das wäre schade um die schmucke Kirche, die erst vor kurzem für rund 300  000 Euro aufwändig saniert wurde.

In dieser Woche inspizieren Gutachter das historische Gebäude, und es werden neue Gipsmarker gesetzt, um zu dokumentieren, ob sich die Risse vom Kirchenfenster aus weiterentwickeln. Danach heißt es abwarten.

Am Donnerstag, 28. Mai, erfolgt der sogenannte Einhub des Stahlunterbaus der Reecker Brücke mit Hilfe eines 500-Tonnen-Mobilkrans. Für dessen Stabilität wurden vor kurzem 20 Stahlträger in den Boden gerammt, die nach Beendigung des Brückeneinbaus wieder aus dem Erdreich gezogen werden. Hoffentlich ohne Folgen für die Hamberger Kirche.

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