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Drogenszene Elmenhorst? : Richter spricht Machtwort: „Jetzt hören Sie aber auf!“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Zwei Männer aus Bargteheide und Elmenhorst sind wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes angeklagt.

shz.de von
erstellt am 25.Aug.2015 | 06:00 Uhr

Gleich wegen zwei Raubüberfällen sind die aus Polen stammenden Brüder Karol (24) und Krystian (22) H. vor dem Landgericht Lübeck angeklagt. Ihnen wird vorgeworfen, im Februar zwei Wohnungen in Elmenhorst und Bargteheide überfallen zu haben. Angeblich ging es um Marihuana und jede Menge Schulden. Seit Februar sitzen die Brüder, die perfekt Deutsch sprechen und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, in Untersuchungshaft in Neumünster.

Gut vorbereitet haben sich die Angeklagten auf den ersten Verhandlungstag. Beide haben mehrere Seiten dicht beschriebenes Papier vor sich liegen. Schnell wird klar, dass die Brüder ihre angeblichen Opfer aus der Marihuana-Szene kennen und durchaus nicht willkürlich gewählt haben. Angeblich begaben sich Karol und Krystian H. gemeinsam mit einem weiteren Täter, der maskiert war, wegen eines „Zehnt“ (in der Szene zehn Gramm Marihuana und nicht 10 Euro) in die Dorfstraße in Elmenhorst. Dort war ein zur Zeit wohnungsloser Bekannter des Mieters untergekommen, der dem Älteren der Brüder Geld schuldete, das dieser ihm angeblich geliehen hatte.

Laut Zeugenaussagen soll Karol ihm sein Handy und ein gesamtes Monatsgehalt in Höhe von 1800 Euro entwendet und anschließend gedroht haben: „Du gibst das Geld, oder ich hau dir auf die Fresse!“ Der Wohnungsnehmer sei außerdem von Karol H. mit einem Elektroschocker bedroht worden. Von Morddrohungen bei einer Anzeige bei der Polizei sei laut Zeugenaussage die Rede gewesen. Beide seien vor Angst wie gelähmt gewesen und hätten sich erst zwei Tage später zu einer Anzeige entschlossen.

Ganz anders die Version von Karol H. Er bestreitet, überhaupt einen Elektroschocker oder eine Waffe zu besitzen. Er habe dem angeblichen Opfer 300 Euro geliehen – mit der Auflage, ihm auch ein wenig Marihuana abzugeben. Wenig später habe er das Geld zurückfordern wollen und habe das Handy „nur als Pfand“ mitgenommen. Karol H. gibt offen zu, Marihuana zu konsumieren, bestreitet jedoch vehement, 1800 Euro entwendet zu haben. Er gehe von einer Racheaktion aller Beteiligten der Marihuana-Szene aus, da er sich nur wenige Monate vor der Tat 600 Euro für den Kauf von Marihuana geliehen hätte, diese aber nie zurückgezahlt habe. Er habe vorher betrogen und die Beteiligten belogen. Diese hätten wohl Angst gehabt, ihn wegen seiner Vorgeschichte zur Brust zu nehmen. Er sei wegen Schlägereien bereits im Knast gewesen. Jetzt wolle man sich durch Falschaussagen an ihm rächen.

Richter Kai Schröder kann sich angesichts dieser haarsträubenden Geschichte ein Lächeln und Kopfschütteln nicht verkneifen. „Jetzt hören Sie aber auf!“, ermahnt er den Angeklagten. Er solle sich sehr genau überlegen, was er sage. Dass es sich um Verstrickungen in der BTM-Szene – wie der Richter sich vorsichtig ausdrückt – handele, sei allerdings nicht von der Hand zu weisen.

Sind die Zeugen und Angeklagten alle Dealer, ein Teil davon nur Konsumenten? Wird in Elmenhorst und Bargteheide gewinnbringend mit Marihuana gehandelt?

Fakt ist, dass in der Wohnung der angeblichen Opfer Utensilien zum Konsum von Drogen sichergestellt wurden und dass Opfer und Angeklagte sich gut untereinander kennen. „Wenn 100 Gramm Marihuana 600 Euro wert sind und sie nebenbei noch ein paar Päckchen haben mitgehen lassen, dann haben sie sich jedenfalls mehr genommen, als der Andere ihnen schuldete“, bemerkte Richter Schröder. Und dies gibt Karol H. unumwunden zu.

Nur wenige Tage später sollen die Brüder einen Fernseher aus einer Wohnung im Travestieg in Bargteheide entwendet haben. Sie seien wegen des geschuldeten Geldes an diese Adresse verwiesen worden.

Alles ausgedacht – behauptet Karol. Man habe zwar zuvor viel getrunken – oder vielleicht noch andere Drogen konsumiert? – habe aber keinen Filmriss gehabt. Die beiden Betroffenen aus Elmenhorst wollen nichts mit der Marihuana-Szene zu tun haben, können sich jedoch noch genau an den Überfall und ihre Angst vor dem älteren Angeklagten – der Jüngere wartete draußen - erinnern.

Wie die Waage zum Wiegen der Drogen in seine Wohnung gekommen sei, weiß der Mieter nicht. Das Gericht hakt immer wieder nach, so dass sich die Zeugen am Ende in mehr und mehr Widersprüche verstricken. Es wird sicherlich schwierig, in den nächsten fünf Verhandlungstagen Licht in den Fall zu bringen. Weitere Zeugen sind vorgeladen.

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