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Bad Oldesloe : Rentner tappen immer häufiger in Schuldenfalle

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Jeder vierte, der zur Schuldnerberatung kommt, gehört mittlerweile zur Generation 55 plus.

Der demographische Faktor und die Rentenreformen wirken sich auch bei der Schuldnerberatung aus. Mittlerweile ist rund jeder vierte, der Hilfe in der Awo-Beratungsstelle im Berliner Ring sucht, im Alter von 55  plus. 2009 war es nur jeder acht (13 Prozent) der über 56-Jährigen. Die Ursachen sieht Ute Lehmann im Absinken des Rentenniveaus, das mittlerweile nicht mal mehr die Hälfte des letzten Nettoeinkommens erreicht. Lehmann: „Dieser Ausfall kann nicht kompensiert werden.“

Verschärfend kommt hinzu: Immer mehr Menschen schaffen es im normalen Arbeitsleben nicht mehr, ihre Verbindlichkeiten abzubauen und gehen mit Schulden in die Verrentung – eine Rechnung, die selten aufgeht.

486 Hilfeersuchen erreichten die Beratungsstelle im vergangenen Jahr. Die meisten kamen wieder aus Bad Oldesloe (132), Ahrensburg (79), Bad Oldesloe-Land (37), Bargteheide (36), Reinfeld (33) Bargteheide-Land (26) und Nordstormarn (25). In Trittau und den Amtsgemeinden waren es 18 Anfragen, in Großhansdorf 14, und aus dem Amt Siek nur sechs.

Angenommen wurden 123 Fälle mit einer Schuldensumme von insgesamt 4,4 Millionen Euro bei 1269 Gläubigern. Die meisten Probanden (28,5 Prozent) standen mit 10  000 bis 20  000 Euro in der Kreide. Offene Rechnungen hatten sie vor allem bei Handwerkern, im Einzel- und Versandhandel sowie bei Telekommunikationsfirmen oder Versicherungen.

Die meisten Verschuldeten (62 Prozent) waren zwischen 31 und 50 Jahre alt. Hauptgründe waren mit eine unwirtschaftliche Haushaltsführung (28,2 Prozent), Verlust des Partners (19,7), Erkrankung oder Sucht (14,8). Gescheiterte Selbständigkeit ist mit 11,3 Prozent genauso oft ein Grund wie die Übernahme einer Bürgschaft oder das Mithaften für eine andere Person.

Viele, die nach der Gesetzesänderung auf eine schnellere Entschuldung gehofft hatten, mussten in der Beratungsstelle enttäuscht werden. Seit dem 1. Juli 2014 ist eine Verkürzung des Insolvenzverfahrens auf fünf oder sogar drei Jahre möglich. Die Hürden sind aber hoch. Fünf Jahre sind möglich, wenn der Schuldner es schafft, auch die Verfahrenskosten zu begleichen.

Eine Verkürzung auf drei Jahre halten die Oldesloer Berater für „illusorisch“. Dafür muss der Schuldner 35 Prozent der Verbindlichkeiten bedienen – und ungefähr die gleiche Summe noch einmal, weil nicht nur die Gerichtskosten, sondern auch der Verwalter bezahlt werden muss, der – anders als der Treuhänder – nach Gebührenordnung abrechnet. Ute Lehmann: „Wir sind zwar erst im ersten Jahr der Reform, sehen realistisch aber wenig Chancen.“

Auch das Pfändungsschutzkonto funktioniert nicht so wie gedacht. „Es bleibt ein Dauerthema in der Beratung und ist ein Beispiel dafür, wie sich ein gutes Vorhaben durch die mangelhafte Mitwirkung in der Praxis ins Gegenteil verkehrt“, sagt Siegward Derlin, Schuldnerberater und gelernter Bankkaufmann. Institutionen wie die Kindergeldkasse würden die Bescheinigung oft gar nicht oder fehlerhaft ausstellen. Dadurch können von dem Konto Beträge abgebucht werden, die eigentlich unter den Pfändungsschutz fallen. Derlin: „Der Schuldner erleidet in vielen Fällen Nachteile, die er nicht mehr kompensieren kann.“

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