Reinfeld : Rätsel um gefundene Nazi-Abzeichen der Luftwaffe

Bernd Prange zeigt die Exponate, die zeitlich zum Geschehen zum Ende des 2. Weltkriegs passen: Ein Modell der Messerschmidt ME 262 und das Schild der Verkaufsstelle für Auszeichnungen.
Bernd Prange zeigt die Exponate, die zeitlich zum Geschehen zum Ende des 2. Weltkriegs passen: Ein Modell der Messerschmidt ME 262 und das Schild der Verkaufsstelle für Auszeichnungen.

Nach Ausgrabungen von Abzeichen aus dem Zweiten Weltkrieg gibt es inzwischen weitere Theorien zu den Geschehnissen.

shz.de von
02. Juni 2018, 06:00 Uhr

Reinfeld | Das Rätselraten um den Fund von 620 militärischen Abzeichen der Luftwaffe aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem heutigen Parkplatz hinter dem Rathaus im Jahre 2013 geht weiter. Dipl.-Museologe Rainer Kunz vom Militärhistorischen Museum in Dresden war eigens angereist, um 225 Exemplare der inzwischen konservierten und historisch eingeordneten Fundstücke als Schenkung dem Reinfelder Heimatmuseum zu übergeben(wir berichteten).

Er vertritt die Theorie, dass sich eine Luftwaffen-Einheit des Nachtjagdgeschwaders „Welter“ mit einem großen Stab wahrscheinlich im Rathaus der Karpfenstadt für 20 Tage zum Kriegsende einquartiert hatte und sieben Flugzeuge des Typs Messerschmidt ME 262 an der Autobahn bei Reinfeld auf einem Notflugplatz positioniert hatte. Die Luftwaffeneinheit habe kurz vor dem Einmarsch der Briten ihre mit sich geführten, zur späteren Vergabe bestimmten Abzeichen – alle nicht getragen – vergraben, damit sie dem Feind nicht in die Hände fallen konnten. Unter ihnen seien, so Kunz, auch altgediente rekrutierte Soldaten gewesen, weil man beim Fund auch Abzeichen aus dem Ersten Weltkrieg gefunden habe.

 Dieser Theorie widerspricht der Lübecker Historiker, Journalist und Buchautor Alexander Steenbeck, der vier Bücher über die Lübecker Luftfahrtgeschichte veröffentlicht hat und sich seit 30 Jahren mit der Materie beschäftigt. Er vertritt die Auffassung, dass es sich um die 10. Staffel des Nachtjagdgeschwaders 11 – ursprünglich eine Testeinheit – handelte, die aus 100 bis 150 Mann bestand. Staffelchef Kurt Welter habe das Personal „handverlesen“ und aus anderen Nachtjagd-Einheiten zusammenstellen dürfen. Es seien keineswegs altgediente Veteranen darunter gewesen. Die meisten Männer hätten in den Wäldern rund um Lokfeld campiert, die Offiziere bei Privatleuten und nicht im Rathaus, so Steenbeck.

Er vermutet, dass eine andere Einheit für die hinterlassenen Abzeichen verantwortlich war und stellt die Theorie auf, dass die Briten beim Einmarsch in Reinfeld Waffen und Abzeichen eingesammelt und später vergraben hätten.

Ganz anders sehen dies nach wie vor Museumsleiterin Anja Rademacher und Bernd Prange, der als Kind den Zweiten Weltkrieg miterlebte, 1943 in Hamburg ausgebombt wurde und mit seiner Familie zu Verwandten nach Zarpen floh. „Überall in Reinfeld und auf den Dörfern waren zu Kriegsende Einheiten stationiert“, erinnert er sich an die Begegnung mit den einmarschierenden Briten. Wegen der Tarnung seien die Namen dieser Einheiten nicht bekannt. Wer wo wielange gelegen habe, sei heute nicht mehr nachvollziehbar. Falls die Briten tatsächlich über 600 Orden eingesammelt hätten, hätten sie die doch wohl gezeigt und nicht vergraben, meint er.

Anja Rademacher: „Es geht um die Geschichte hinter den Ausgrabungen.“ Fotos: fsh
Anja Rademacher: „Es geht um die Geschichte hinter den Ausgrabungen.“ Fotos: fsh

Sicher sei, dass die Dornier-Werke auf dem heutigen Gelände des Alfa-Parks Flugzeugteile hergestellt hätten. Als Hangar an dem Notlandeplatz an der Autobahn hätte die Brücke gedient, so Prange weiter. „Als die Engländer kamen, wurde auch bei uns alles verbuddelt, was noch Wert hatte – auch bei den Nachbarn“, blickt er zurück auf die düsteren Kriegszeiten.

Er weiß – wie auch die Museumsleiterin –, dass es durchaus eine lizenzierte Ordensausgabestelle direkt neben dem Rathaus in einem ehemaligen Kaufhaus gegeben habe, von wo aus man sich einfach nur aus dem Fenster habe lehnen müssen, um bei Kriegende die Abzeichen und Orden loszuwerden und zu vergraben. Man habe vielleicht Angst gehabt, dass die Engländer – wie andernorts auch – die Abzeichen mitnehmen könnten. „Es ist eine sehr gewagte Theorie, dass die Engländer die Abzeichen hinter dem Rathaus vergraben haben“, sagt er. Und wer weiß, vielleicht hätten die Mitarbeiter der Ausgabestelle die vergrabenen Waffen und Abzeichen zu einem späteren Zeitpunkt ja wieder ausgraben wollen?

„Einige Langwaffen waren extra in Ölpapier eingeschlagen“, so Rademacher, die betont, dass es bei dem Fund durchaus nicht um den Wert der einzelnen Orden oder gar um eine Verherrlichung der Geschehnisse des Dritten Reiches gehe, sondern um die Schicksale der Menschen, die Geschichte dahinter, die nun einmal auch in dem kleinen Ort Reinfeld stattgefunden habe. Deshalb möchte sie einige Teile des Fundes im historischen Zusammenhang im Heimatmuseum ausstellen. Drei Theorien – die Historie hinter dem vergrabenen Luftwaffenabzeichen und Waffen wird wohl nie ganz aufgeklärt werden. Rademacher: „Dazu bräuchten wir Zeitzeugen, die damals das Geschehen mit eigenen Augen gesehen haben.“

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