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Stormarner Tageblatt

21. November 2017 | 20:13 Uhr

Bargteheide : „Rache am Nationalsozialismus“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Zeitzeugin Esther Bejarano (91) liest vor 200 Gymnasiasten aus ihren Erinnerungen, beantwortet Fragen und appelliert an Schüler, einen Rechtsruck Europas zu verhindern.

Sie hat das Konzentrationslager Auschwitz und einen Todesmarsch überlebt und konnte lange nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Heute sieht es Esther Bejarano als ihre Aufgabe an, als Zeitzeugin des Nationalsozialismus darüber zu berichten. So wie gestern im Bargteheider Kopernikus Gymnasium. Sie las aus ihren Erinnerungen und stellte sich den Fragen der etwa 200 Schüler aus der Oberstufe.

Sie habe eine Aufgabe, die ihr sehr wichtig ist: „Ich muss in Schulen gehen und meine Geschichte erzählen“, sagt die 91-Jährige, „das ist meine Rache am Nationalsozialismus.“ Besorgt ist sie über den Rechtsruck in ganz Europa, der solche menschenverachtende Ideologie wieder salonfähig macht. „Solche rechtslastigen Parteien wie DVU und AfD sollten verboten werden“, sagt sie. Sie sei aber zuversichtlich, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. „Ihr seid jetzt dran“, sagt sie zu den Schülern, „verhindert einen weiteren Rechtsruck.“

Im völlig überfüllten Viehwaggon wurde sie ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau transportiert. Sie sah den SS-Arzt Josef Mengele, der an der Rampe über Leben und Tod entschied: „Eine Handbewegung von ihm nach rechts bedeutete, dass die Menschen vergast wurden.“ Zunächst schleppte sie Steine. „Eine völlig sinnlose Arbeit, dabei wäre ich zugrunde gegangen.“

Dann „entdeckte“ die SS sie als Musikerin fürs Lagerorchester. „Wir musizierten, wenn die Kolonnen zur Arbeit ausrückten und zurückkamen.“ Die Musiker genossen vergleichsweise eine Vorzugsbehandlung. Ausgerechnet ein brutaler SS-Mann rettete ihr das Leben, indem er die an Typhus Erkrankte in die christliche Krankenstation im Lager Auschwitz überwies. „Er brauchte die Akkordeonistin fürs Orchester.“ Die beiden letzten Kriegsjahre verbrachte sie im KZ Ravensbrück, das kein Vernichtungslager war. Dort montierte sie Schalter für den Siemens-Konzern.

Kurz vor Kriegsende mussten sich die Häftlinge zu Fuß auf den Weg nach Mecklenburg machen. „Wer nicht mehr gehen konnte, wurde am Wegesrand erschossen.“ Es gelang ihr und einigen anderen, in die Wälder zu fliehen, bis sie auf amerikanische und sowjetische Truppen stießen. „Das war wie eine zweite Geburt für mich.“

„Tragen sie noch die eintätowierte Häftlingsnummer?“, wollte ein Schüler wissen. „Nein“, lautete die Antwort, „ein Palästinenser hat sie mir in Israel entfernt.“

Sie wollte keine unwürdigen Fragen deswegen mehr ertragen. Nach 20 Jahren in Israel kehrte sie nach Deutschland zurück. „Mein Mann wollte nicht wieder als Soldat in den Krieg ziehen, schon gar nicht gegen die Palästinenser, und ich habe das Klima nicht vertragen.“ Seitdem lebt sie in Hamburg und fühlt sich dort wohl.

Erst jetzt konnte sie über ihre Erlebnisse sprechen. „Das hat mich innerlich befreit und meine Albträume wurden langsam weniger schlimm.“

Ihre Schwester Ruth und deren Mann wurden auf ihrer Flucht an der Schweizer Grenze von deutschen Grenzern erschossen. Die Schweizer hatten sie abgewiesen. „Und darum sage ich heute, man muss die Flüchtlinge aufnehmen, es sind Menschen in Not.“




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