Puppenzauber bis der Arzt kommt

Historische Puppenaugen aller Art.
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Historische Puppenaugen aller Art.

In Lübeck gibt es eine Klinik für Puppen- und Teddybären-Patienten und sogar eine Sondervisite im St. Annen-Museum.

shz.de von
22. Januar 2018, 15:53 Uhr

Der Doktor ist da, die Doktorin auch. Offiziell hat die Sprechstunde noch nicht begonnen, da warten schon die ersten Patienten darauf, von Peter und Erika Kremer untersucht zu werden. Das Lübecker Ehepaar betreibt eine Puppen- und Bärenklinik an der Travemünder Allee. Jetzt allerdings gab es eine Sonder-Visite im St. Annen-Museum, passend zur Sonderausstellung „Weihnachtswünsche. Die Welt des Spielzeugs um die Jahrhundertwende“. Die Experten-Hilfe für historische Schätzchen war begehrt.

Stilvoller hätte der Behandlungsraum nicht gewählt sein können: Im Spielzimmer haben Erika und Peter Kremer einen Tisch mit Schaustücken und Beispielen diverser Puppenglieder, Stoffe und Glasaugen aufgebaut, gleich daneben der Behandlungstisch des Puppenexperten, der an diesem Tag reichlich zu tun bekommt. „Eigentlich wollte ich ja auch reparieren“, wird er wenig später sagen. Doch die Demonstration seiner Arbeit muss zunächst ausfallen, ein Hilfesuchender reiht sich an den nächsten. Gebrochene Beine gilt es zu begutachten, verschlissene Gelenke, einen eingedrückten Bauchnabel.

Eckhart Ueberschaer ist mit der Puppe seiner Ehefrau in die Sprechstunde gekommen. „Heidi-Ursela“ heißt das zarte Wesen aus Zelluloid, es stammt aus den 1920er Jahren. „Nummer 728 von Kämmer und Reinhardt“, murmelt Erika Kremer wie aus der Pistole geschossen, noch ehe sie die Bestätigung im Nacken der Patientin findet. Heidi-Ursela leidet an ihrem Alter. Weil der Kampfer im Zelluloid mit der Zeit verdunstet, wird das Material brüchig. Und so kam es, dass die Puppe beim jüngsten jährlich stattfindenden Kleiderwechsel zu Schaden kam. „Wadenbeinbruch“, diagnostiziert Peter Kremer und tröstet, wo sich der Laie noch die schlimmsten bleibenden Schäden ausmalt: „Eine einfache Reparatur, ich schreibe Ihnen einen Krankenschein.“

Der Doktor greift zum Block und hält nicht nur fest, was repariert werden soll, sondern macht eine grundsätzliche Bestandsaufnahme. Warum, wird an der nächsten Patientin deutlich, für die sich nicht nur das Doktorenpaar begeistert, sondern auch Museumschefin Dagmar Täube und das Sammler-Ehepaar Sieglinde und Uwe Müller-Albrecht, die die prachtvolle Sonderausstellung in den oberen Räumen bestückt haben.

Ein fast 80 Zentimeter großes Exemplar aus dem Hause Simon & Halbig liegt ausgestreckt auf dem Behandlungstisch. Es trägt den Namen „Güngün“, seit Constanze Albrecht denken kann. Vor 50 Jahren hat sie, Puppenmutti par excellence, die Pappmaché-Schönheit aus den 1920er, 1930er Jahren mit dem Kopf aus Biskuitporzellan und dem langen Echthaar von ihrer Patentante geschenkt bekommen. In eine karierte Wolldecke gewickelt hat sie Güngün zum Doktor gebracht. Nun liegt sie da, in der Erstaufnahme bei Erika Kremer gewissermaßen. Die stellt gerade fest, dass es sich um eine „117 n mit offenem Mund“ handelt (es gibt die 117 n auch mit geschlossenen Lippen), als sich Dagmar Täube und das Ehepaar Müller-Albrecht ebenfalls der Patientin nähern und die Feinheit der – inzwischen erodierten – Gummihände, die liebevolle Gesichtsbemalung und die stattliche Größe bewundern. Dann kommt Puppenexperte Peter Kremer. „Der Doktor, guten Tag.“ Augenzwinkernd streckt er Constanze Goebel die Hand entgegen, blickt Güngün ins Gesicht und konstatiert sofort, dass ein Kollege bei der letzten Behandlung vor etwa 30 Jahren gepfuscht hat. Dass aus den Schlafaugen damals ein starrer Blick wurde – schlimm genug. Dass aber ein falscher Kleber benutzt wurde, ist für den Experten Sünde.

„Bitte ausziehen“, verlangt der Doktor dann. Ganz vorsichtig macht sich die Besitzerin ans schwierige Werk. Ein Dirndl muss herunter und das originale Unterkleid. Die Gelenkschäden könne er ohne große Probleme beheben, sagt Peter Kremer, begutachtet auch die Wunden, die der Zahn der Zeit in die Lackschicht über dem Pappmaché gebissen hat, und rät zur Fixierung. „Ich würde nicht soviel machen“, sagt er, „sonst macht man schnell aus einer Heidi Kabel eine Claudia Schiffer und dann ist das nicht mehr antik.“ Schweren Herzens nimmt Constanze Goebel hin, dass ihr Schatz mit in die Kremersche Klinik muss. „Ich trenne mich ungern von der Puppe“, sagt sie, „sie ist mein ganzer Stolz.“

Angehörigen verletzter Puppen und Teddys wird das Herz häufig schwer. Und weil bei Kindern auch schon mal Tränen fließen, wenn die kleinen Freunde in der Klinik bleiben sollen, lege man gelegentlich auch Sonderschichten bei den Reparaturen ein, sagt Erika Kremer. Ihr Mann deutet auf das Schreiben eines kleinen Mädchens namens Nele: „Lieber Herr Doktor! Helfen Sie bitte meiner Puppe! Der linke Fuß ist gebrochen!“

Bei Bären-Expertin Erika Kremer ist inzwischen ein Teddy gelandet, der von seinem kindlichen Besitzer im wahrsten Wortsinn kaputtgeliebt wurde. Ein Bein ist ab. Erika Kremer stellt die Diagnose und formuliert die Therapie. Heilung ist in Sicht, wieder wird ein Krankenschein ausgestellt.

Die Frage, wie man dazu kommt, Puppen- bzw. Bärendoktor und zum Experten für historische Spielsachen zu werden? Peter Kremer, im ersten Leben Kaufmann, kommt ein wenig ins Schwimmen. Kindheitserinnerungen kommen da ins Spiel. Er hat sich als Junge eine Eisenbahnanlage angelegt, die es, so Erika Kremer, mit dem Miniatur-Wunderland in der Hamburger Speicherstadt hätte aufnehmen können. „Das ist handwerkliche Begabung“, sagt sie und erzählt aus der eigenen Puppenmutter-Kindheit, aus der sie die Leidenschaft herübergerettet hat. Und dann sind da noch die Kunden. „Das sind alles nette Menschen“, sagt sie. „Wer mit einer Puppe in der Hand kommt, der hat nichts Böses im Sinn.“ Wie aufs Stichwort bekommt ihr Mann den nächsten Patienten auf den Tisch gelegt, dem Heilung widerfahren soll: Ein Schildkröt-Strampelchen, wie es seit den 1930er Jahren auf dem Markt ist, „mit schönen blauen Augen“, so der Doktor. Die Gliedmaßen sind neu zu befestigen. „Aufziehen“ nennt es der Experte und rät: „Reinigen Sie die Puppe mit neutraler Seife und einer Zahnbüste und cremen sie sie mit Nivea ein. Das stabilisiert das Zelluloid.“

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