Rethwischfeld : Pudel Anna rettet Findelbaby

Lebensretterin: Hündin Anna findet das Neugeborene. Foto: Hilmer
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Lebensretterin: Hündin Anna findet das Neugeborene. Foto: Hilmer

Eine Mutter legt ihr Baby im Garten seiner Urgroßeltern ab - wenige Tage nach der Geburt. Die 24-Jährige lässt den Jungen hilflos zurück - Pudelmischling Anna findet ihn.

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14. Juli 2013, 03:08 Uhr

Rethwischfeld | Ohne Pudelmischling Anna stünde es schlecht um einen wenige Tage alten Jungen, der am Mittwoch in Rethwischfeld (Kreis Stormarn) einfach hinter einem Gartenzaun abgelegt worden war. Anna spürte beim Abendspaziergang das Baby auf, das eine verzweifelte Mutter dem angeblichen Vater unter einen Baum auf dem Grundstück seiner Großeltern abgelegt hatte.
Die 24-jährige hat die Tat in einer Vernehmung eingeräumt. Sie habe das Kind am Vortag allein in ihrer Wohnung in Niedersachsen zur Welt gebracht. Ihre Schwangerschaft wäre von Freunden, der Familie sowie ihrem Freund bis dahin unbemerkt geblieben. Am Mittwoch wollte sie, bevor sie ihren Freund besuchte, das Neugeborene in die Babyklappe eines Hamburger Krankenhauses legen. Dort wären allerdings so viele Menschen gewesen, dass sie von diesem Vorhaben abwich und mit ihrem Säugling weiter nach Bad Oldesloe fuhr. Sie habe sich dann zunächst dort bei Bekannten, in der Nähe des Babyfundortes, aufgehalten. Um ein Entdecken des Säuglings durch ihren Freund zu verhindern, habe sie ihn "kurz verstecken" müssen. Sie habe ihn an dem späteren Fundort abgelegt, wo er dann schon kurz darauf von dem Opa des Feundes gefunden wurde.
Jeden Abend geht Karl-Heinz G. noch einmal mit dem Hund raus, ein Feldweg ist ihre gewohnte Tour. Anna kennt sie, schlägt allabendlich dieselbe Richtung ein. Nicht am Mittwochabend, da läuft die Hündin schnurstracks zum Zaun des Grundstücks und bellt. "Ganz untypisch", wie ihr Herrchen berichtet. Der Rethwischfelder folgt ihr und da hört auch schon ein Baby leise weinen. Und kann er es kaum fassen: Ein Säugling ist dort ausgesetzt worden.

Heimliche Entbindung

Wegen Rückenbeschwerden kann der Anwohner nicht selbst über den Zaun klettern oder die unwegsame Stelle durch den eigenen Garten erreichen. Nachbarn sind auf dem Hof. Timo Griem (22), ältester Sohn der Familie, eilt herüber. Der junge Mann, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Rethwischfeld, steigt beherzt über den Zaun, nimmt das Baby an sich und bringt es seiner Mutter, Rosi Griem (46), die es in die Arme nimmt und beruhigt. "Ich dachte, erst einmal Körperwärme spenden." Einen kleinen Schnupfen bemerkt sie, sonst aber scheint das Baby wohlauf. Sie bettet es auf Decken und Handtücher auf dem Sofa im Wohnzimmer, wo es friedlich einschläft.
Kriminalpolizei und Rettungswagen sind rasch zur Stelle. Zunächst ist das Alter des Babys schwer einzuschätzen. Es erscheint groß, gut genährt, ist niedlich und sauber gekleidet, hat sogar eine noch frische Windel um. Der Notarzt zieht dem Jungen den Strampler aus und lüftet das Geheimnis, das die versammelte Nachbarschaft am meisten bewegt: "Es ist ein Junge." Der Kleine ist erst wenige Tage alt. Seine gut 20 Zentimeter lange Nabelschnur war getrocknet. "Das sieht für mich nach einer heimlichen Entbindung aus", vermutet Rosi Griem, Mutter von drei Kindern.

Suche nach den Eltern

Am Donnerstag sind dann Anwohner als Zeugen an der Reihe, und die Kriminalpolizei nimmt den Fundort gründlich unter die Lupe - mit Unterstützung von Hundestaffeln von THW und Feuerwehrverband. Die Kriminalpolizei ist über Stunden vor Ort. Die Beamten gehen auch durch das ganze Haus und bleiben lange bei Familie G., befragen die Nachbarschaft. Ganz gezielt erkundigen sich die Polizisten nach einer Freundin des Enkels der Familie, der zurzeit bei seiner Mutter lebt. Nach und nach bringen sie so Licht in das Familiendrama.
Später am Nachmittag bestätigt die vermeintliche Oma des Kleinen, Claudia B., dass ihr Sohn Julian (26) der Vater sein soll. Die Mutter, eine 24-Jährige, die bereits ein weiteres Kind habe, hätte sich am Donnerstag bei ihr gemeldet: Suchaktion erledigt, stattdessen Befragungen in der Oldesloer Polizeistation.

Noch namenlos

Gerald Wunderlich, Fachdienstleiter beim Jugendamt Stormarn, bestätigt auf Nachfrage: "Der Junge ist gesund, sein Zustand ist stabil, seine Entwicklung unproblematisch." Wäre die Mutter nicht aufgetaucht, wäre umgehend eine Bereitschaftspflege für das Baby gesucht worden. Erste Schritte waren bereits eingeleitet, als es noch in der Lübecker Kinderklinik lag. Der nächste Schritt wäre eine Adoptionspflege. "Das setzt immer voraus, dass die Mutter nicht gefunden wird", so Wunderlich. In so einem Falle werde eine zügige Adoption angestrebt, um dem Kind sein "Recht auf Herkunft" zu gewähren und ihm so wenige neue Bindungsversuche wie möglich zuzumuten. Die Entscheidung liege bei der Mutter oder wenn der Vater angegeben werde, den Eltern. "Ein Ablegen in eine Babyklappe unterscheidet sich rechtlich maßgeblich von dem, was passiert ist."
Die junge Mutter hat dem ihrem Kind zwar noch ein Fläschchen mitgegeben, aber nicht mehr. "Der Kleine hat keinen Namen", so die Großmutter. Die 24- jährige wurde mittlerweile ärztlich versorgt und das Jugendamt hat sich des Säuglings und der Mutter angenommen.

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