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Stormarner Tageblatt

18. November 2017 | 02:17 Uhr

Ahrensburg : Projektion und Parapsychologie

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Die Sparkassen Kulturstiftung zeigt fünf Filme des Künstlers Romeo Grünfelder im Marstall.

shz.de von
erstellt am 18.Okt.2017 | 15:52 Uhr

Ein Vorhang weht im Wind, ein Flattern ist hör-, doch die Quelle des Geräusches nicht sichtbar. Der Blick der Kamera – und somit auch der Blick des Zuschauers – gleitet über den Vorhang. Das Geräusch verstärkt sich, Bewegungen werden deutlich. Sind es die Fledermäuse, die der Titel „Chiropteres“ vermuten lässt? Wer dieser Frage auf den Grund gehen möchte, der sollte die Ausstellung „Subversion d’image“ in der Ahrensburger „Galerie im Marstall“ besuchen, die fünf Kurzfilme des Hamburger Autors, Filmemachers und Regisseurs Romeo Grünfelder zeigt. „Ein Vorhang – das ist psychologisch bewiesen – weckt die Neugierde des Betrachters, zu wissen, was sich hinter diesem wohl versteckt“, erklärt Grünfelder.

So wird der Vorhang in seinem Film auch zum kulturhistorischen Zitat und weckt – wie seit Jahrhunderten – die Fantasie des Zuschauers. Interessant ist dabei, dass die Ausstellung ebenfalls als atmosphärisches Stilmittel und zur Verdunklung einen großen Vorhang nutzt, in den die Leinwände als Projektionsflächen integriert sind.

Grünfelders Filme verfolgen keine einzelne, vorgegebene Narration. Die mögliche Narrationen spielen sich im Kopf des Betrachters ab und bieten die Möglichkeit zu einem Spiel mit Semantik, Konstruktion, Dekonstruktion, kulturellem Gedächtnis und dem Unbewussten. So funktionert zum Beispiel auch der Film „Rallye“. Der Zuschauer rätselt, ob es einen Unfall gab, von dem die Radiostimme über den schwarz-weißen Rallye-Bildern erzählt. Während vor allem in klassischen Mainstream-Hollywood-Filmen die Narration den Schnitt bestimmt, ist es hier der Schnitt, der unterschiedliche Narrationen zulässt, wenn die gezeigten Bilder mehr Fragen als Antworten bieten.

Die Werke Grünfelders sind surreal. Sie spielen mit Erwartungshaltungen und öffnen sich parapsychologischen Themen, wenn es um die Sichtbarkeit des Unsichtbaren oder die Anwesenheit des Abwesenden geht. Das Unterbewusstsein spielt so ein kreatives Ping-Pong mit der Konstruktion einer möglichen Realität.

In „Naissance d’un objet“ stellt Grünfelder den Film selbst in den wortwörtlichen Mittelpunkt. Die Charaktere versammeln sich abseits eines Spieltisches um ein offensichlicht auftauchendes Objekt, das aber für den Zuschauer nicht sichtbar ist. Sie betrachten das Nichtsichtbare, was sich im Endeffekt – soweit der Betrachter auf dieses Idee kommt – als der Bildmittelpunkt des Films entpuppt. Hier zeigt sich somit konkret, wie die auf die Leinwand produzierte Illusion zur Konstruktion einer scheinbaren Wirklichkeit dient. Trotzdem möchte der Künstler dieses Werk nicht als Lehrfilm über Bildkonstruktion verstehen. Seine Werke beschäftigen sich allerdings durchaus mit dem Medium selbst und somit mit Perspektiven, der Kontinuität von Raum und Zeit oder auch dem Schnitt. Somit bieten sich dem Betrachtenden stets Metaebenen, auf denen sich mögliche Interpretationen ausbreiten können.

Grünfelder bezieht sich – ganz postmodern – in seinen Arbeiten auch auf andere Philosophen und Künstler. So nimmt „Sorciere Japonaise“ Bezug auf Fotoarbeiten des Japaners Kohei Yoshiyuki. „Yoshiyuki hat Paare beim Liebesspiel voyeuristisch im Wald fotografiert. Was ist ein Voyeur? Er holt sich seine Befriedigung durch das Beobachten einer Situation oder Person“, erklärt Grünfelder. In seinem Film nun verfolgt die Kamera drei Männer in einen nächtlichen Wald bei Trittau. Die Frage kommt auf, wen oder was sie suchen. Doch so wie die Männer selbst offenbar auf der Suche sind, verfolgt der Zuschauer mit seinen Blicken wieder die drei Protagonisten, die ihm immer wieder aus dem Blickfeld in die Dunkelheit enteilen. So wird er selbst zum Suchenden.

Auf die Frage, ob er enttäuscht sei, wenn Besucher den Mehrwert seiner Werke nicht erkennen, antwortet er mit Kant. Kunst oder Schönheitsempfinden sei ja immer das Denken, dass ein anderer, das, was man selbst als schön oder kunstvoll empfindet, auch so sieht. Es bestehe also immer die Hoffnung, dass das Gezeigte für andere Betrachter auch einen Mehrwert hat. „Doch zur Hoffnung gehört es ja auch, dass diese enttäuscht werden kann“, so Grünfelder. Er sei der Sparkassen-Kulturstiftung dankbar, dass es die Möglichkeit für die aufwendige Ausstellung gebe.


>Die Filme sind ab Sonntag, 22. Oktober, bis zum 24. November Mittwoch, Sonnabend und Sonntag in der Zeit von 11 bis 17 Uhr zu sehen.

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