Bad Oldesloe : Professoren in die Provinz

Historischer Fund: Eine Rechnung des Tageblatt-Vorläufs belegt, dass es die Universitätsgesellschaft bereits 1926 aktiv war.
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Historischer Fund: Eine Rechnung des Tageblatt-Vorläufers belegt, dass es die Universitätsgesellschaft bereits 1926 aktiv war.

Die Schleswig-Holsteinische Universitätsgesellschaft (SHUG) in Bad Oldesloe blickt auf mehr als 90 Jahre erfolgreicher Arbeit zurück.

Andreas Olbertz. von
04. Januar 2018, 06:00 Uhr

Im Jahr 1918 rebellierten in Kiel nicht nur die Matrosen, die letztlich durch die Revolution das Kaiserreich zusammenbrechen ließ. Neben der politischen wurde auch eine kulturelle Innovation ins Leben gerufen: Die Schleswig-Holsteinische Universitätsgesellschaft (SHUG) wurde gegründet. Sektionsleiter Bad Oldesloe, Dr. Hartmut Jokisch, hat im Stadtarchiv recherchiert und herausgefunden: Die Oldesloer Niederlassung wird 2018 mindestens 92 Jahre alt. „Die ersten noch erhaltenen Dokumente, die die ‚Ortsgruppe Bad Oldesloe und Umgebung‘ betreffen, stammen aus dem Jahr 1926“, so Jokisch. Ob sie viellicht vorher gegründet wurde, ist unbekannt.

Der damalige Vorsitzende der Ortsgruppe war Dr. Gerhard Hayn, der Bürgermeister der Stadt. Diesem Umstand ist es wohl zu verdanken, dass überhaupt Dokumente aus jener Zeit in den „Sonderakten des Magistrats“ zu finden sind.

Die archivierten Schriftstücke behandeln den üblichen Schriftverkehr mit derGeschäftsstelle in Kiel über Vortragslisten und -wünsche sowie Honorarabrechnungen. Damals konnten pro Jahr vier aus 52 Vorträgen ausgewählt werden. Aktuell bietet Unigesellschaft jährlich acht Veranstaltungen an und kann aus einem Fundus von bestimmt 250 Vorträgen wählen. Weiter, so Jokisch, findet man Werbeschriften sowie Veranstaltungs-Anzeigen im „Oldesloer Landboten“, Einladungen an Bürgerinnen und Bürger (immer mit der Anrede „Euer Hochwohlgeboren“) und Mitgliederlisten.

Zu Veranstaltungen der Universitätsgesellschaft wurden regelmäßig 45 bedeutende Persönlichkeiten aus Bad Oldesloe wie Fabrikant Wex und seine Tochter Fräulein Else Wex oder Amtsgerichtsrat Fielitz dazu die 14 Oldesloer Stadtverordneten und 61 Honorationen aus Reinfeld und Nordstormarn (unter anderem Generalmajor a.D. Paul von Schönaich) eingeladen. 1928 gab es bereits 105 Mitglieder in der Ortsgruppe. Hartmut Jokisch: „Damals war es eine Ehre, Mitglied zu sein.“ Universitätsgesellschaften gebe es viele, aber die schleswig-holsteinische habe ein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal. Hartmut Jokisch: „Dass Professoren aufs Land gehen, um Bildung unters Volk zu bringen, ist bundesweit einmalig.“

Die Veranstaltungen waren auch Werbemaßnahmen zur Mitgliedergewinnung beziehungsweise für Spendeneinnahmen der Studentenhilfe – Theateraufführung mit anschließendem Tanz und geselligem Beisammensein.

Interessant ist die Zielsetzung der jungen Universitätsgesellschaft, die nur im Kontext der ersten Republik zu verstehen ist: Die Universitätsgesellschaft erstrebt den „deutschen Wiederaufbau durch Zusammenfas-sung aller lebendigen Kräfte. Das kann nur durch Stärkung des Heimatgefühls geschehen. Daher ist die Parole: Durch Heimat zum Vaterland! Wichtigste Aufgabe für unsere Provinz: Abwehr gegen die dänische Kulturpropaganda. Hierfür gilt es, Waffen zu schmieden …“ Diese vaterländische Gesinnung wird unter anderem durch die Werbemaßnahme der Universitätsgesellschaft im Januar 1928 deutlich: Ein „Kammerkonzert am Hofe Friedrichs des Großen“ durch Musiker der Universität Kiel im Kurhaus.

Die ersten vier Vorträge befassten sich mit Vitaminen, der „Welt des Okkulten“, der Frage „Wie ist die Welt entstanden?“ und mit „Katholizismus und Protestantismus in der Gegenwart“. Das sind Themen, die durchaus auch in der Universitätsgesellschaft des 21. Jahrhunderts behandelt werden. Im Dritten Reich wurde das Themenspektrum dann durch die Naziideologie stark eingeengt.

„Nach Kriegsende begann der Neustart 1948. Darüber liegen aber keine weiteren Dokumente vor“, erklärt Jokisch. Die beiden Vorgänger des jetzigen Sektionsleiters waren der Besitzer der Kurpark-Apotheke Herr Finger, nach seinem Tode führte seine Frau, Apothekerin Beate Finger, die Sektion bis Ende 2012 weiter. In dieser Zeit entstand eine Kooperation auf der Organisationsebene mit der Volkshochschule. Diese Kooperation hält bis heute an. Dr. Hartmut Jokisch übernahm 2014 die Geschäfte des Sektionsleiters. Von mehr als hundert Mitgliedern kann er heute nur Träumen. Die Oldesloer Niederlassung hat lediglich gut 20 Mitglieder. Zu den Vorträgen kommen regelmäßig rund 30 Zuhörer – die Mitglieder machen dabei aber nur etwa ein Drittel aus. „Gott sei Dank“, scherzt der Vorsitzende: „So kommen wenigstens Eintrittsgelder in die Kasse.“ Mit der Besucherzahl ist er zufrieden, das sei für Oldesloer Verhältnisse nicht schlecht. Die Kub-Eröffnung schlage sich allerdings in leicht sinkender Resonanz nieder. Für die Zukunft ist ihm nicht bange. „Wir haben in Kiel durchaus einige Brillanten vorzuweisen“, so Jokisch. Professor Mojib Latif ist einer dieser Spitzenforscher. Sein Auftritt in Bad Oldesloe zählt mit 300 Gästen zu den Besucherhighlights der Universitätsgesellschaft

Das Jahresprogramm ist bei Facebook zu finden aber auch in gedruckter Form in den Semesterprogrammen der Volkshochschule, außerdem liegt es in der Stadt-Info, in der Buchhandlung Willfang und im Kaktus aus.


Weitere Infos: www.shug.uni-kiel.de/de/sektionen/bad-oldesloe
www.facebook.com/Unigesell-

schaft.Oldesloe

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