Sonderschau in Bargteheide : Poesie im Geist der Epoche

Marianne und Dr. Andreas Lentz, hier mit einem Stammbuch aus dem Jahr 1794, haben die Ausstellung in Bargteheide aufgebaut.
Marianne und Dr. Andreas Lentz, hier mit einem Stammbuch aus dem Jahr 1794, haben die Ausstellung in Bargteheide aufgebaut.

Eine Sonderschau im Heimatmuseum Bargteheide blättert in Poesiealben aus drei Jahrhunderten. Sie leuchten den Geist einer Epoche aus.

shz.de von
17. Mai 2015, 11:22 Uhr

Die große Zeit der Poesiealben ist vorbei. Freundschaften werden heute vor allem elektronisch etwa über Facebook dokumentiert, mit entsprechend kurzen Verfallszeiten. Schriftliche Dokumente aus drei Jahrhunderten präsentiert das Bargteheider Museum jetzt in einer Sonderschau. „Poesiealben leuchten den Geist einer Epoche aus“, sagt die Ethnologin Marianne Lentz, die fürs Hamburger Völkerkundemuseum tätig war und heute im Hoisdorfer Dorfmuseum mitwirkt.

Ihr Interesse wurde durch ein Album des Großvaters geweckt. Über ihre Museumskontakte konnte sie viele weitere Zeitzeugnisse zusammentragen. 85 Alben werden jetzt in der Ausstellung präsentiert. „Darunter sind sehr interessante Exponate“, sagt sie, „sie stammen größtenteils von Frauen.“ Denn diese Alben galten eher als „Mädchensache“.

Ihren Ursprung haben sie in den Stammbüchern des Spätmittelalters, in denen den Besitzern ihre edle und möglichst adelige Herkunft bestätigt wurde. Das erstarkende Bürgertum übernahm diese Sitte, die sich später bis ins Arbeitermilieu verbreitete. „Jetzt ging es darin eher um die Bestärkung auf dem Lebensweg“, sagt Marianne Lentz. Gute Ratschläge wurden oft zur Konfirmation niedergeschrieben, zum Übergang von der Kindheit ins Berufs- und Erwachsenenleben.
Der Zeitgeist vom Biedermeier über die Gründerzeit bis ins 20. Jahrhundert mit seinen Krisen und Kriegen spiegelt sich in den Alben wider. Von schwülstig-opulent über die Verspieltheit des Jugendstils und den aufkommenden Nationalismus bis in die nüchterne Zeit des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg reicht diese Palette. Fleiß, Mut und Angepasstheit sind jetzt die Themen.

Aus den 1920-er Jahren stammen die „frechen Sprüche“, die wenig charmant sind. Eine Kostprobe: „Dein Herz ist wie die Straßenbahn mit 22 Sitzen. Die Herren steigen aus und keiner bleibt drin sitzen.“

„Wir haben lange nach Alben aus der Zeit des Nationalsozialismus gesucht“, sagt Marianne Lentz, „die meisten wurden nach dem Kriegsende vernichtet.“ Zwei hat sie schließlich aufgetrieben, in denen Hitler-Zitate und Opferbereitschaft gepredigt werden. Ganz im Gegensatz dazu sind die individualistisch geprägten Alben aus der Zeit der Studentenrevolte. Vorerst letzte Etappe sind die Freundschaftsbücher aus den 1980-er Jahren. „Mir kommen sie eher wie Steckbriefe vor“, so Marianne Lentz. Heute vergewissern sich die Menschen ihrer sozialen Kontakte vor allem übers Internet. Bleibende Erinnerungen werden das zumeist nicht sein.

>Die Ausstellung wird am Sonnabend, 30. Mai, um 15 Uhr eröffnet. Sie kann danach sonntags zwischen 16 und 18 Uhr im Bargteheider Museum an der Hamburger Straße besichtigt werden. Der Eintritt ist frei.




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