Klein Wesenberg : Pilgerstrom an der Trave

Pilger sind herzlich willkommen in der Kirchengemeinde Klein Wesenberg.
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Pilger sind herzlich willkommen in der Kirchengemeinde Klein Wesenberg.

Auf der „Via Baltica“ halten Wanderer Einkehr in der Pilgerherberge zu Klein Wesenberg.

shz.de von
29. Juli 2014, 12:00 Uhr

„Zu Fuß unterwegs zu sein, verbindet uns mit der Schöpfung“, sagt Pastor Erhard Graf: „Wir spüren die Erde an unseren Sohlen und hinterlassen ihre Spuren in ihr.“ Sich selbst als Teil des Universums spüren, die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben stillen, Veränderung und Verwandlung erfahren – seit fünf Jahren haben Pilger auf der Via Baltica durch Stormarn die Möglichkeit dazu.

Im August 2009 wurde im wahrsten Sinne des Wortes der Grundstein für den rund 111 Kilometer langen Teil des Jakobsweges gelegt. In der Gemeinde Klein Wesenberg wurde offiziell ein Stein eingeweiht, der den Pilgern den Weg zur Kirche zeigt. „Wir haben auf die vielen Pilger durch unsere Gemeinde reagiert und unser Gemeindehaus umgestaltet“, so Graf. Dort sind vier Zimmer mit zwölf Betten zu Jugendherbergspreisen für die Wanderer eingerichtet. Ein kleines, ehrenamtliches Team kümmert sich darum, dass alles reibungslos funktioniert. Das sei, betont der engagierte Pastor, ein von Herzen kommendes, aber freiwilliges Angebot, denn der Jakobsweg habe rein gar nichts mit der Kirchengemeinde zu tun, sondern sei eine Privatinitiative der Jakobusgesellschaft. In Reinfeld und Bad Oldesloe kann ein solches Angebot aus organisatorischen Gründen nicht realisiert werden.

Einer der Gründe, warum in Klein Wesenberg so viele Pilger Station machen. Der Pastor schätzt, dass in diesem Jahr rund 1000 Wanderer durch Nordstormarn kommen werden – mehr als im Jahr zuvor. Mehr als 100 Übernachtungen in der Klein Wesenberger Pilgerherberge gegenüber der Kirche konnte der Pastor bereits in diesem Jahr verzeichnen – ein Rekord. „Im Schnitt kommen hier drei Pilger pro Tag vorbei“, so Graf. Oftmals klopfen sie an seine Tür, wollen einen Rat oder einfach nur mit dem Pastor ein Pläuschchen halten. Ab und zu gibt es auch mal eine Beschwerde: Hauptsächlich über die angeblich schlecht ausgeschilderten Wege. „Es kann schon mal passieren, dass die Jakobsmuschel verdeckt ist“, so Graf. In Lübeck-Genin gibt es zudem seit einiger Zeit eine neue Abzweigung. Da verliefen sich viele Pilger und nähmen anstatt der Via Baltica den neuen Weg in Richtung Lüneburg, die Jutlandica.

Erhard Graf empfiehlt, immer eine gute Wanderkarte mit dabei zu haben. Außerdem hofft er, dass auch von Seiten des Kreises Stormarn und des Kirchenkreises Segeberg dem großen Zustrom der Pilgerer Rechnung getragen wird: „Ich wünsche mir, dass in öffentlichen Broschüren und im Internet mehr auf der Via Baltica aufmerksam gemacht wird.“ Niemand verdiene Geld mit dem Pilgerweg und doch sei er ein großer Gewinn für die Region. Das Wandern auf der Via Baltica habe eine hohe Eigendynamik und funktioniere trotz fehlender Werbung und ohne Vernetzung. Das beweise doch, dass das Pilgern nach wie vor für viele Menschen eine große Bedeutung habe. Die Stormarner Strecke habe zudem einen „gewissen Charme“, könnten doch auch ungeübte Wanderer sich die Etappen gut einteilen und im Notfall in die Bahn in Reinfeld oder Bad Oldesloe steigen.

An der Trave entlang wandern, auf der Rundbank vor der Klein Wesenberger Kirche im Sommer die Störche beobachten, die Seele baumeln lassen – da verlangsame sich das Leben und die Wahrnehmung verändere sich. Das hätten auch Schulklassen mit dem Fahrrad schon erlebt, die auf ihrer Fahrt auf der Via Baltica im Gemeindehaus übernachteten. Für Pastor Graf und sein kleines Team ist der christliche Brauch der Gastfreundschaft eine Selbstverständlichkeit.

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