Theater im Kulturhof : Oldesloe steht die Revolution bevor

Die deutsche Marine baut ein Unterwasserboot – das Volk ist von dieser brisanten Meldung regelrecht elektrisiert.
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Die deutsche Marine baut ein Unterwasserboot – das Volk ist von dieser brisanten Meldung regelrecht elektrisiert. Fotos: Olbertz

Heute Abend ist die Premiere: Der historischer Stoff um den ersten Oldesloer Zeitungsverleger Julius Schythe ist die Grundlage für die neue Inszenierung „1848 – Freiheit für Oldesloe“.

Andreas Olbertz. von
15. Mai 2015, 06:00 Uhr

„Seitdem die Lampen brennen, geht es mir gut.“ Regisseur Sven Lenz strahlt in die Runde seiner Darsteller. „Seid ihr nervös?“, will er wissen, um gleich hinterherzuschieben: „Ich bin positiv aufgeregt.“ Das nimmt dem Team im Bürgerhaus etwas die Anspannung. Nur noch wenige Minuten, dann geht es los: „ama“ steht auf dem Probenplan – „alle mit alles“, ein kompletter Durchlauf der neuen Inszenierung „1848 – Freiheit für Oldesloe“ in Kostümen mit Technik und allem, was dazugehört. „Wir werden nach Möglichkeit nicht unterbrechen“, schärft der Regisseur der Theatertruppe ein, schließlich ist heute Abend um 19.30 Uhr im Kulturhof Premiere.

Ulf Schwinum stromert unruhig im Saal auf und ab, gibt Zischlaute von sich und rezitiert Textpassagen vor sich hin. Der Oldesloer hat nach dem Bölck im vergangenen Stück, auch diesmal wieder eine der Hauptrollen, Ulf Schwinum spielt Jonasson, den dänisch königlichen Kommissar. Der dänische Akzent ist für den Banker überhaupt kein Problem, den kann er an- und ausschalten. „Ich komme doch auch der Flensburger Ecke“, sagt er. Nein, nervös sei er nicht, es mache sich eine Mischung aus Aufregung und Freude bereit. Nach acht Monaten Probenarbeit sei es schön, dass es jetzt endlich ernst werde.

„Ich habe hier noch Ports. Will jemand stumm auf die Bühne?“, ruft Irene Reddig in den Raum. Spontan fühlt sich offenbar niemand angesprochen. Die Maskenbildnerin, die auch dafür zuständig ist, dass die Darsteller mit Funkmikrofonen ausgestattet sind, bleibt trotzdem noch gelassen. „Das werden sie schon merken“, glaubt sie. Die 59-Jährige ist seit vielen Jahren im Verein „Bad Oldesloe macht Theater“ (Badomat) engagiert. Als sogenannte „go-for“ fing sie an – Helferin für alles und jeden. Inzwischen ist sie das dritte Mal für die Maske zuständig. „Da habe ich richtig Lust zu“, erzählt die Erzieherin.

„Was ist denn das hier“, schimpft Roswitha Sack mit Gerd-Günter Finck, dem geschäftstüchtigen Quacksalber Dr. Reiking. „Was hast du damit gemacht? Eigentlich müsste die noch mal gereinigt werden“, mault sie. Finck schweigt lieber zu den Flecken. Der Kurpfuscher trägt einen quietschpinken Anzug. „Der Augenkrebsfaktor kam aber erst so richtig mit dem gelben Schlips“, räsoniert die Chefin der Kostümabteilung und grinst dazu breit.

Acht komplett neue Kostüme hat sie zusammen mit ihrem Team genäht. Verlegergattin Jakobine Schythe, gespielt von Ines Lachs, sei ihre Lieblingsfigur. „Da konnte ich mich so richtig austoben“, freut sich Roswitha Sack. Vier Kostüme mussten gründlich umgearbeitet werden. „Entbölcken“ nennen das die Kulissenbauer in Anspielung auf die vorherige Inszenierung „Marke Bölck“. Das im Fundus vorhandene Material soll möglichst kostenschonend erneut zum Einsatz kommen, vom Publikum aber nicht wiedererkannt werden. Alleine für Holz gibt die Theatergruppe 1000 Euro aus. Insgesamt bewegt sich der Etat der Inszenierung bei 35  000 Euro.

Regisseur und Drehbuchautor Sven Lenz hat die „Schleswig-Holsteinische Erhebung“ in „1848 – Freiheit für Oldesloe“ thematisiert. Ob es sich so in Oldesloe unter dänischer Regentschaft zugetragen hat, ist nicht überliefert, aber es könnte so gewesen sein. Viele der Figuren aus dem Stück sind historisch belegt. Julius Schythe (Harry Mähl) ist beispielsweise wirklich der Gründer des „Oldesloer Wochenblatts“, einem Vorläufer des heutigen Stormarner Tageblatts. Die Zeitung wurde damals streng zensiert, zählte aber trotzdem zu den politischen Meinungsführern. Mit welchen Tricks das gelang, unter anderem handelt 1848. Mit viel Spaß und Augenzwinkern sowie Musik und einem Schuss Romantik spannt das Stück einen thematischen Bogen vom Revolutionsjahr in die Gegenwart – die Forderungen nach persönlicher Freiheit, Bürgerrechten und Pressefreiheit haben nichts an Brisanz und Aktualität verloren.

„Ich hätte gerne einen richtigen Spielmannszug dabei gehabt“, verrät der Regisseur: „Das wäre geil geworden.“ Es wurden zahlreiche Gespräche geführt, doch es scheiterte letztlich an der Menge der Proben. Den Spielleuten wäre das zu viel geworden. Lenz: „Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass es keine Instrumentalbegleitung geben wird.“ Dann kristallisierte sich heraus, dass ein Ensemble-Mitglied Lyra spielt (Sigi Maurer), Peter Grundwald kann mit Becken umgehen und schließlich stieß noch der charismatische Trommler Max Wiechmann dazu – die Minimalband wurde ins Stück eingebaut.

Gute zwei Stunden dauert die Durchlaufprobe. Sven Lenz ist sehr zufrieden mit seinem Team, hat nur Kleinigkeiten zu bemängeln. „Was ich neulich gesagt habe: ‚Lasst das mal sein‘, macht es doch!“, gibt er eine Anweisung an Harry Mähl und Manfred Thomsen, der Bürgermeister von Colditz spielt, die sofort bescheid wissen. Ein paar Änderungen an der Aussprache, Position auf der Bühne und den Abgängen – gegen 22.30 Uhr klingt der Probenabend aus. Sven Lenz entlässt sein Team aber nicht, ohne einen wichtigen Tipp: „Ich bitte darum, sich bei der Premierenfeier nicht komplett abzuschießen. Zwei Vorstellungen hintereinander am Tag darauf sind verdammt anstrengend.“

1848 – Freiheit für Oldesloe hat heute Abend um 19.30 Uhr Premiere unter freiem Himmel im Kulturhof. Weitere Aufführungen sind Sonnabend, 16. und Sonntag, 17. Mai: 14.30 und 19.30 Uhr sowie Freitag, 22. und Sonnabend, 23. Mai: 19.30 Uhr, Sonntag, 24. Mai: 14.30 und 19.30 Uhr. Für alle Vorstellungen gibt es in der Geschäftsstelle des Stormarner Tageblatts noch Tickets.

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