"Ohne Förderung wäre Krempe heute eine Ruine"

Regelmäßig berichtet unsere Zeitung über die Ereignisse in und um Krempe - wie hier 1971 über ein Großfeuer in einem Gasthaus.
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Regelmäßig berichtet unsere Zeitung über die Ereignisse in und um Krempe - wie hier 1971 über ein Großfeuer in einem Gasthaus.

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24. November 2009, 07:33 Uhr

Krempe | Arbeit, Alltag, gesellschaftliches Leben. Das alles hat sich in den vergangenen 60 Jahren so nachhaltig verändert, wie kaum zuvor in der deutschen Geschichte. Unsere Zeitung hat das Leben der Menschen in der Region all die Jahre begleitet. Einer, der diese sechs Jahrzehnte durchlebt und erlebt, lange Jahre mit ehrenamtlichem Engagement sogar mitgeprägt hat, ist Wilhelm Steinmann. Der heute 68-Jährige erzählt am Beispiel seiner Heimatstadt Krempe, wie sich das Leben der Menschen verändert hat. In seinen Erinnerungen taucht er ein in einen Mikrokosmos, der beispielhaft für die Nachkriegsjahre, das Wirtschaftswunder und den immer rasanter gewordenen Wandel steht.

"Ich bin 1946 aus Pommern über Lockstedter Lager nach Krempe gekommen", berichtet er. Damals, da hatte sich die Einwohnerzahl der kleinen Marschenstadt mehr als verdoppelt. Zumeist innerhalb der Grenzen der historischen Altstadt drängten sich drei Jahre nach Kriegsende 3273 Menschen auf engstem Raum. Alle mussten zusammenrücken. "Ich lebte als kleiner Junge zunächst in einer Dachkammer in der Süderstraße."

In einer Stadt, wo heute eine Gemeinschaftsschule angesiedelt ist, wurde der kleine Wilhelm Steinmann gemeinsam mit 50 bis 60 Mitschülern in einer Klasse unterrichtet. "Die letzten saßen auf Stühlen an der Wand." Zwei Errungenschaften aus heutiger Zeit gab es auch damals schon - wenn auch aus anderen Gründen. Es wurde nachmittags unterrichtet, weil zu großer Platzmangel herrschte. Und die Schüler wurden verpflegt. Was heute die Mensa ist, war einst die Schulspeisung. "Es herrschte ja eine ganz andere Disziplin als heute", sagt der Kremper. Er erinnert sich aber auch an die Stimmung, die damals in der Stadt angesichts der vielen hundert Flüchtlinge herrschte, die versorgt und untergebracht werden mussten. "Einige kamen damit gar nicht zurecht."

Wenig später zog Familie Steinmann in ein Zimmer über der Kremper Sparkasse um. Während heutige Generationen sich eher dem TV-Genuss oder Computerspielen hingeben, zog es die Kremper Kinder oft ins Umland. Auf den Feldern wurden nach der Ernte die Ähren gesammelt, um die karge Verpflegung aufzubessern. "Alle versuchten auch, an einen Garten heranzukommen, um sich besser selbst versorgen zu können." Für die Körperpflege kam statt komfortab ler Badezimmer die Zinkwanne zum Einsatz. Oder die Familie marschierte einmal in der Woche in die Warmbadeanstalt, eine öffentliche Einrichtung, von den Einwohnern gegen geringes Entgelt gerne genutzt.

Wilhelm Steinmann hat noch viele Bilder aus seinen Kinder- und Jugendjahren vor Augen. Zum Beispiel die Beerdigungsunternehmer, von denen es in der Stadt gleich zwei gab. Verstorbene wurden damals zunächst im Ahsbahsstift aufgebahrt. Per Pferdefuhrwerk ging es dann durch die Stadt zum Friedhof - die Bestatter mit wehenden schwarzen Umhängen. Vor 50, 60 Jahren. Zu dieser Zeit floss auch noch die Krempau mitten durch die Stadt. Für die jungen Kerls ut Kremp war dies zu allen Jahreszeiten ein beliebter Spielplatz. Heute unvorstellbar: Aus vielen anliegenden Wohnhäusern wurden die Abwässer direkt in den kleinen Fluss geleitet - zum Teil plumpsten die Fäkalien von oben in die Krempau hinein. "Im Winter lagen diese dann auch schon mal oben auf dem Eis", schmunzelt Steinmann. Weil die Kremper immer weniger ihrer Unterhaltungspflicht nachkamen, brachten sie umliegende Gemeinden in Not. Mit dem Bau des Hohenfelder Umlaufkanals verschwand schließlich die Krempau aus dem Stadtbild. Damit war auch die Ableitung der Wassermassen aus der Marsch sichergestellt.

Inzwischen waren auch die ersten neuen Wohnhäuser am Grünen Weg entstanden. Zur Bekämpfung der Wohnungsnot war eigens die Wohnungsbaugenossenschaft Steinburg-Süd gegründet worden, womit sich die Lebenssituation für die Menschen nach und nach entspannte. Im April 1956 begann Steinmann schließlich eine Lehre bei der Bahn. Und auch sein beruflicher Werdegang zeigt, wie sehr sich das Leben seitdem verändert hat. "Ich wurde noch in allen Bereichen des Eisenbahnwesens ausgebildet." Steinmann arbeitete in der Fahrkartenausgabe, bei der Gepäckabfertigung und im Stellwerk. Wo heute ein leeres Bahnhofsgebäude steht und Fahrkarten am Automaten gezogen werden, herrschte damals noch reges Treiben. "Sonnabends mussten bis zu 20 Waggons beladen werden." Vieh- und Düngerhandel beherrschten das Bild. Auch die Lederfabrik als einst größter Arbeitgeber der Stadt nutzte den Bahnanschluss. Und im Herbst wurden hier Berge von Kohlköpfen auf den Weg gebracht. Der Bahnbetrieb ist längst Geschichte. So wie die Bahnhofsgaststätte und so wie Posten Nummer 54. Bis weit in die 80-er Jahre hinein wurde der Bahnübergang am Stadteingang noch per Hand bedient. Ein Wärter kurbelte die Absperrungen herauf und herunter. Mitunter, so Steinmann, erlaubten sich Jugendliche auch schon einmal einen Scherz und nutzten ein Schläfchen des Bahnmitarbeiters, um die Schranken zu schließen und so vorübergehend den Verkehr lahm zu legen.

Drei Kohlenhändler, fünf Schlachter, fünf Bäcker, zahllose Gärtnereien - all dies ist mittlerweile aus dem Stadtbild fast völlig verschwunden. In den 50-er Jahren gab es in Krempe sogar eine große Trocknungsanlage. Landwirte brachten hier Grasschnitt vorbei, der zu Pellets zum Heizen verarbeitet wurde. Eigene Stadtwerke versorgten die Einwohner, ein kleines Amtsgericht sorgte für die Rechtsprechung. Sogar über ein eigenes Gefängnis verfügte die Stadt. "Hier saßen Jugendliche ihren Wochenendarrest ab. Zwischendurch mussten sie die Straßen fegen." Zwei Schmiede, eine kleine Deckstation, ein großer Reit- und Fahrverein auf dem alten Sportplatz - alles Geschichte. Auch einen katholischen Pfarrer gibt es in Krempe nicht mehr. Die kleine Kirche war damals über den Räumen der Sparkasse untergebracht.

So wie das Leben rund um den Bahnhof, von dem nur noch die Personenbeförderung übrig geblieben ist, haben sich auch Handel und Gewerbe in der Stadt massiv verändert. Steinmann wechselte beruflich später nach Glückstadt und dann nach Neumünster. Seiner Heimatstadt aber ist er immer treu geblieben. So hat er auch miterlebt, wie sich das gesellschaftliche Leben immer mehr veränderte. Hochbetrieb - zum Beispiel - herrschte einst in den vielen großen Gasthäusern der Stadt. "Dreimal im Jahr feierten die Landwirte hier ihre Harmonie-Bälle." Höhepunkt im Veranstaltungskalender waren auch damals schon die Gildefeste. 1949 wurde erstmals wieder groß gefeiert - zunächst mit nur zwei Fahnenschwenkern, Heinrich und Rudolf Eifels. Nach 1961 waren es vier, sechs Jahre später wurden es sechs, ein Jahr darauf wurde dann die heutige Zahl von acht Fahnenschwenkern erreicht. "Die Stadt war so voll, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen." Auf den brechend vollen Sälen tummelten sich 1000 Menschen. Krempe war in jeder Hinsicht zentrale Anlaufstelle für die Menschen aus der Umgebung. "Sonntags saß in der Börse sogar ein Mitarbeiter der Sparkasse, um mit den Landwirten Geldgeschäfte abzuwickeln." Zeitweise gab es in der Stadt sogar zwei Kinos. "Die waren immer voll. Es gab ja noch nicht so viele Fernsehgeräte."

Auch im heute fast verwaisten historischen Rathaus herrschte reges Treiben. Die Stadt unterhielt noch eine eigene Verwaltung. Längst ist diese beim Amt Krempermarsch angesiedelt. Verwaltet wurde damals im heute als Sitzungssaal genutzten Raum. Einer der städtischen Beamten war Harald Bolten, Stadtchronist und langjähriger freier Mitarbeiter unserer Zeitung. Bolten war auch Standesbeamter. Vor ihm gaben sich Wilhelm und Helga Steinmann das Ja-Wort.

Im Rathaus war Wilhelm Steinmann später häufiger Gast. Lange Jahre prägte er als Bürgervorsteher gemeinsam mit den damals noch hauptamtlichen Bürgermeistern die Geschicke der Stadt. Immer häufiger stand in diesen Jahren die Breite Straße im Brennpunkt. Die Menschen stöhnten immer lauter über den zunehmenden Durchgangsverkehr. Die Forderungen nach einer Umgehungsstraße mündeten schließlich sogar in Protestaktionen, bei denen die Anlieger für Stunden den Verkehr lahm legten. Ab dem Jahre 2002 rollte der Durchgangsverkehr endlich an der Altstadt vorbei. Den ersten Spatenstich für die wegen des weichen Marschbodens aufwändig gegründete Trasse nahm übrigens der damals schleswig-holsteinische Verkehrsminister und spätere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück vor. Neben der Umgehungsstraße und der Ausweisung neuer Baugebiete stand in den vergangenen Jahrzehnten in Krempe die wegen chronisch leerer Stadtkasse schwierige Sanierung der Altstadt und der historischen Gebäudesubstanz im Mittelpunkt. "Ohne die Städtebauförderung wäre Krempe heute eine Ruine", kann Steinmann die Bedeutung dieses erstmals in den 80-er Jahren aufgelegte Konjunkturprogramms gar nicht hoch genug einschätzen. "Heute", da ist er sicher, "herrscht wieder großer Sanierungsbedarf - vor allem in den Kernen der kleinen Städte." Steinmann fordert dringend die Neuauflage eines Städtebauförderungsprogramms. Damit könnte das in Jahrhunderten gewachsene und bei Einwohnern wie Besuchern liebgewonnene historische Krempe auch nachfolgenden Generationen erhalten bleiben. Auch, wenn Warmbadeanstalten, Kinos, dutzende von Lebensmittelgeschäften, Schiffverkehr auf der Krempau und hunderte von tanzenden Landwirten auf den Sälen der Stadt wohl nur noch in den Erinnerungen und Chroniken weiter leben werden.

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