Bad Oldesloe : Obdachloser Robin L. erschossen: Verblutet vor den Augen der Polizei?

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Bedrückende Szenerie: Der „Tatortreiniger“ bei der Arbeit auf dem Bürgersteig.
Bedrückende Szenerie: Der „Tatortreiniger“ bei der Arbeit auf dem Bürgersteig.

Anwohner und Bekannte sind erschüttert über den Tod des Obdachlosen Robin L. Und es bleiben offene Fragen.

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08. Oktober 2018, 18:10 Uhr

Bad Oldesloe | Es sind Bilder, die nur schwer zu ertragen sind: Ein junger Mann liegt reglos auf dem Bürgersteig, die Beine leicht angewinkelt. Es ist Robin L. (21), der gerade von Schüssen aus der Waffe eines Polizisten getroffen wurde. Um den Obdachlosen herum stehen drei Beamte und machen: nichts. Keiner der Polizisten leistet Erste Hilfe oder versucht eine Reanimation. So zeigt es das Video eines Anwohners, das unserer Zeitung  vorliegt.

 

Die tödlichen Schüsse von Bad Oldesloe – was genau ist am Sonntag in der Schützenstraße passiert?

Laut Staatsanwaltschaft Lübeck war um 11.25 Uhr ein Notruf bei der Polizei eingegangen: Ein Zeuge meldete, er habe bei der Schwimmhalle einen jungen Mann mit einem Messer gesehen. Christian Braunwarth, Sprecher der Staatsanwaltschaft Lübeck: „Aufgrund der Personenbeschreibung bestand bei den Polizeibeamten die Vermutung, dass es sich um einen amtsbekannten und psychisch kranken 21-jährigen Oldesloer handeln dürfte.“

Weiträumig abgesperrter Bereich: Polizei am Tatort.
Patrick Niemeier
Weiträumig abgesperrter Bereich: Polizei am Tatort.
 

Streifenwagen fuhren zur Schwimmhalle. Die Polizisten suchten nach Robin L., den sie kurz darauf in der Schützenstraße entdeckten und verfolgten. In der Hand hatte er ein Messer mit einer 18 Zentimeter langen Klinge. „Es wurde ein Warnschuss abgegeben“, sagt Braunwarth. Der Obdachlose sei mehrfach aufgefordert worden, das Messer wegzuwerfen, zudem sei Pfefferspray eingesetzt worden, das jedoch nicht gewirkt habe. Robin L. soll mit „gegen den Oberkörper gerichteten Stichbewegungen“ auf die Polizisten zugegangen sein.

Ein Beamter (32) des Polizeireviers Bad Oldesloe gab in diesem Moment zwei Schüsse ab. „Sie trafen den 21-Jährigen von vorne in den Oberkörper“, so Braunwarth. „Um 11.38 Uhr ist der Rettungswagen gerufen worden.“ Der junge Mann sei  jedoch noch vor Ort an den Folgen der Schussverletzungen gestorben.

Blumen und Grablichter an der Schützenstraße.
Patrick Niemeier
Blumen und Grablichter an der Schützenstraße.

Keine Erste Hilfe geleistet?

Unbeantwortet blieb die Frage, warum Robin L. aus der kurzen Distanz nicht in die Beine geschossen wurde – und warum die Polizisten keine Erste Hilfe leisteten, stattdessen die Straße absperrten. Anwohner bestätigen, was das Video zeigt: „Die haben sich gar nicht um ihn gekümmert, kein bisschen“, sagt ein junger Mann. Erst der Rettungsdienst habe dann „endlich mal versucht“, den Obdachlosen zu reanimieren. Doch bis dahin seien etliche Minuten vergangen.

Von der Staatsanwaltschaft heißt es, grundsätzlich sollte Erste Hilfe geleistet werden. Zu dem konkreten Sachverhalt will Braunwarth aber keine Stellung nehmen. „Ich kenne das Video nicht. Damit steht auch nicht fest, zu welchem Zeitpunkt es aufgenommen wurde.“

Wer war Robin L.?

Für die Polizei kein Unbekannter. Kurz vor Weihnachten 2017 zündete er vor dem Blockheizkraftwerk des Schwimmbads seinen Schlafsack an, die Flammen breiteten sich bis unter das Dach der Anlage aus. Er soll mehrmals Autos für Spritztouren gestohlen haben, aktenkundig ist zudem der illegale Besitz einer Gaspistole und eine Bedrohung mit einem Messer.

Oldesloer, die mit Robin L. Kontakt hatten, beschreiben ihn als Menschen, der zwar eindeutig psychisch krank aber eher ruhig und introvertiert gewesen sei. „Ich kannte ihn sehr gut“, sagt Liridon M. „Er hätte nie einen Menschen verletzten wollen.“ In der Vergangenheit habe Robin L. große Drogenprobleme gehabt, seine Eltern hätten ihn deshalb vor die Wahl gestellt: Entweder Entzug in einer Klinik oder raus aus dem Haus. Liridon M.: „Er hat sich gegen den Entzug entschieden, fühlte sich alleine und im Stich gelassen.“

Eine Anwohnerin, die dem jungen Obdachlosen manchmal etwas zu essen gab, erzählt: „Von Drogen und Alkohol war er so gut wie weg. Er wollte vor allem seine Ruhe haben.“ Eine weitere Anwohnerin sieht die Behörden mit in der Verantwortung: Sie hätten von Robins Zustand gewusst, seien aber nicht tätig geworden. Für viele Bewohner der Schützenstraße ist die Eskalation unverständlich, sie fragen sich, ob es nicht möglich gewesen wäre, den schmächtigen Obdachlosen zu überwältigen. „Robin stand mit dem Rücken zu einem Zaun, als er erschossen wurde. Dass Pfefferspray gesprüht wurde, habe ich nicht gesehen“, sagt ein Mann.

Die Leiche von Robin L. wird jetzt obduziert. Die Kollegen des Beamten, der geschossen hat, haben am Montag ihre Aussagen gemacht. Der Polizist selbst hat sich noch nicht zu dem Vorfall geäußert, er hat sich einen Anwalt genommen.

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