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Nach Bombenfund in Oldesloe : Nervenkitzel dauerte 86 Minuten

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Der Blindgänger wurde erfolgreich entschärft, drei Schaulustige störten allerdings die gefährliche Arbeit. 2000 Menschen mussten aus der Gefahrenzone rund um den Masurenweg evakuiert werden.

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erstellt am 22.Aug.2014 | 06:00 Uhr

Punkt 15.26 Uhr ist der Spuk vor. Eine grüne Leuchtrakete steigt hinter dem Oldesloer Bahnhof auf und signalisiert, dass die britische 500-Kilo-Fliegerbombe aus dem zweiten Weltkrieg erfolgreich entschärft ist. Die Straßensperrungen werden aufgehoben, der Zugverkehr läuft wieder an, und rund 2000 Menschen dürfen in ihre Häuser und Wohnungen zurück.

In einem 500-Meter-Radius um die Fundstelle herum ist alles abgesperrt. Supermärkte und Autohäuser müssen schließen. Rund 70 Polizisten sind unterwegs, um an jeder Haustür sicherheitshalber noch mal zu klingen. Zahlreiche Straßen, darunter auch die Ratzeburger und die Industriestraße, sind gesperrt. Und trotzdem schaffen es drei Männer vermutlich alkoholisierte Männer an den Bombenfundort am Masurenweg vorzudringen und die Entschärfung zu stören. Die gefährliche Arbeit muss unterbrochen werden bis die Störer von der Polizei abgeführt sind.

Schon am Morgen laufen die Vorbereitungen an. „Wir haben Stress hoch fünf“, stöhnt Tierschutz-Vorsitzende Heike Reher. Da auch das Tierheim in der Gefahrenzone liegt, lässt sie ihre vierbeinigen Schützlinge in Sicherheit bringen. „Es wäre doch ein Unding, wenn ich meinen Arsch rette, aber die Tiere hier lasse“, macht sie ihren Standpunkt klar. Die Tiere können in der Maschinenhalle des Friedhofs kurzfristig Asyl bekommen. Doch dafür müssen sie alle einzeln in Transportboxen gesperrt werden.

Punkt 12 Uhr schließt Alfons Stratenschulte die Supermarkt-Tür ab. „Wir machen leider schon zu“, entschuldigt sich der Plaza-Marktleiter. Auch sein Supermarkt ist von der Evakuierungsanordnung betroffen. Das griechische Restaurant im Haus hat erst gar keinen Fleischspieß in den Grill gehängt, auch bei der benachbarten Bäckerei geht der Rollladen herunter. Die letzten Kunden verlassen den Laden, die Mitarbeiter der Frühschicht machen Feierabend. „Wenn die Bombe entschärft ist, geht die Telefonkette los. Die Kollegen der Spätschicht stehen auf Abruf bereit“, erklärt Marktleiter Stratenschulte.

Gerda Jorga klopft an die Tür des Nachbarschaftszentrums Schanze. „Werden hier noch Asylsuchende aufgenommen?“, fragt sie in die Runde. Schnell wird der Seniorin ein Stuhl angeboten, kaum dass sie sitzt, gibt es schon einen Kaffee und die Besucher kommen ins Gespräch. Die 82-Jährige muss nicht nur wegen der Entschärfung ihr Haus verlassen, sie ist auch Augenzeugin der Bombardierung 1945. „Ich war zur Schule. Als der Alarm losging, wurden wir einfach alle nach Hause geschickt“, erinnert sie sich. Sie schaffte es heil nach Schmachthagen, von wo aus sie das Elend mit ansah. In einer Tasche hat die Oldesloerin jetzt nur das Nötigste dabei. „Ich habe zwei, drei Flaschen Wasser eingepackt und ein paar Brote geschmiert“, erzählt sie: „Man weiß ja nicht, wie lange das dauert.“

Offizielle Notunterkunft ist die Sporthalle der Kurparkschule. Der ASB kümmert sich dort um gut 30 Menschen. Iris Borsch und Günther Schönfeldt sitzen an einem der Tische – mit Zeitung, Rätselheft und viel guter Laune. „Jetzt fehlt nur noch ein Stück Pflaumenkuchen“, scherzt Iris Borsch. Mit Humor wird viel überspielt. „Im ersten Moment ist es ein Schock“, gesteht Günther Schönfeldt, „da stehen zwei Polizisten vor der Tür und sagen, dass man morgen um 13 Uhr raus muss.“

Obwohl die Bombe einen „kleinen Bauchplatscher“ hingelegt hatte, wie Kampfmittelräumer Georg Ocklenburg erklärt, und deshalb etwas verzogen ist, ließ sie sich gut entschärfen. „Das Zündsystem war noch in gutem Zustand, alles noch gängig.“ Weil sich das britische Zündsystem sehr gefährlich entwickelt, musste ein Teil des Zünders vor Ort gesprengt werden.

Im April 1945 sind binnen 20 Minuten 1560 Bomben über Bad Oldesloe abgeworfen worden. 700 Menschen starben, ein Drittel aller Gebäude wurde zerstört. Noch heute ist die Gefahr allgegenwärtig. „Bad Oldesloe ist Gefährdungsgebiet“, erläutert Bürgermeister Tassilo von Bary. Bauherren dürfen erst mit den Arbeiten beginnen, wenn es eine Freigabe der Kampfmittelräumer gibt.

Im konkreten Fall konnte der Eigentümer nicht warten. Die Bodenplatte war schon gegossen, als die Bombenentschärfer anrückten, weil sie auf einem Luftbild einen verdächtigen Punkt entdeckt hatten. Auf der Suche nach dem Blindgänger wurde der Beton perforiert, Leitungen mussten rausgerissen werden und schließlich eine tiefe Grube ausgehoben werden. „Das wird eine teure Tasse Tee“, prophezeit der Verwaltungs-Chef: „Der Bauherr hat nicht nur den Schaden, eventuell kommt noch ein Bußgeld auf ihn zu.“

 

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