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Stormarner Tageblatt

14. Dezember 2017 | 22:07 Uhr

Bargteheide : Musikalische Scheuklappen besiegt

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Beim Konzert des Schleswig-Holstein-Musikfestivals mit „Passo Avanti“ für neugierige und offene Musikfans war das kleine Theater nicht ausverkauft.

shz.de von
erstellt am 31.Jul.2017 | 06:00 Uhr

Kreative, Arrangements und Interpretation auf hohem musikalischen Niveau oder „Zerstörung klassischer Werke“ ? Die Urteile über den Auftritt des Quartetts „Passo Avanti“ im „Kleinen Theater“ gingen weit auseinander. Die Menge der begeisterten Zuschauer im gut gefüllten Theatersaal überwog dabei allerdings sehr deutlich.

Das Schleswig-Holstein Musikfestival ist bekannt dafür, virtuose Musiker zu präsentieren, die auch gerne mal eigene und neue Wege bei der Interpretation der Werke gehen. Mario Korunic (Violine), Alexander von Hagke (Klarinette, Bassklarinette, Flöten und Moderation) sowie Vlado Grizlji (Gitarre) und Eugen Bazijan (Violoncello) passen genau in dieses Anforderungsprofil. Schon an der Besetzung lässt sich leicht erkennen, dass man es hier mit einem nicht alltäglichen Quartett zu tun hat. Und das unterstreichen die vier Musiker mit ihrem Motto „Kammermusik unlimited - Konzerterlebnis der nächsten Generation“ auch. Die meisten Zuhörer in Bargteheides schönstem Saal sollten also gewusst haben, auf was sie sich einließen. Vielleicht lässt sich in der Beschreibung auch der Grund dafür erkennen, dass mancher Klassikpurist bewusst dem Abend fern blieb und nicht alle Plätze besetzt waren. Für die, die sich das Konzerterlebnis gönnten, bot sich ein abwechslungsreiches und wohl einmaliges Konzert.

Ob Bach oder Mozart – die Musiker präsentierten eigenständige Arrangements, die zum Teil überraschende Wendungen nahmen. Plötzlich bogen die oftmals zunächst klassisch intonierten Stücke ab und uferten in einem Jazz-Jam aus. In welchem Konzert erlebt man schon das Zusammenspiel auf klassischer Grundlage mit einer angezerrten Jazz-Gitarre?

Einer der Höhepunkte des Konzerts war die Neu-Interpretation des Kanons in D-Dur (P37) des Barockkomponisten Johann Pachelbel. Zunächst ließ von Hagke des Publikum mehrstimmig das weltbekannte Motiv anstimmen. Die gekonnte Publikumsanimation lockerte die Stimmung . Gemeinsam mit dem Quartett wurde der Kanon angestimmt, um dann überraschend in einem Off-Beat-Reggae zu münden, bei dem Bazijan das Violoncello auf ungewöhnliche Weise auf dem Schoß liegend spielte und das Ganze mit Bob Marley -haften „Oh oh oh oh“ Rufen anreicherte. Mit Sicherheit konnte sich Pachelbel beim Schreiben seines Werks im 17. Jahrhundert nicht vorstellen, dass es jemals so zur Aufführung gebracht werden würde. Ob es ihm trotzdem gefallen hätte?

In der Pause mischte sich unter sehr viele positive Stimmen auch Kritik. Mancher Besucher meinte, Respektlosigkeit beim Umgang mit den Werken festgestellt zu haben oder dass sie durch die Neuinterpretation „zerstört“ würden. Die Gesamtstimmung im Saal wurde aber nach der Pause immer besser. Wer den Grundansatz des Quartetts kennt, der darauf beruht, dass man Improvisation, Innovation, Spielfreude und auch Offenheit für Neues als Basis der klassischen Komponisten sieht, konnte feststellen, dass genau dieser Ansatz konsequent und vor allem auch musikalisch hochklassisch umgesetzt wurde. So wird im Endeffekt die interessante Frage aufgeworfen, ob klassische Komponisten vielleicht ihre Werke heute sogar als Jazz- oder Reggaestück arrangiert hätten.

Dass Quartett-Leader von Hagke selbst ein versierter Komponist ist, bewies er unter anderem mit einem Stück über den Sommer im schwedischen Schonen, das Erinnerungen an Werke der berühmten Jazzmusiker Charlie Haden und Pat Metheny hervorrief. „Ich bin sehr froh, dass ich diese tollen Musiker um mich habe“, lobte Hagke seine virtuosen Mitstreiter.

Das Publikum würdigte den Auftritt mit großem Applaus und ließ das Quartett erst nach mehreren Zugaben gehen.  

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