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Bargteheide / Köthel : Mobile Fürsorge auf vier Rädern

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Zwei Stormarner Ärzte engagieren sich für Obdachlose in Hamburg – dort, wo die Menschen sie brauchen.

Jeden Tag rücken die mobilen Arztpraxen des Caritasverbands Hamburg aus, um Obdachlosen eine medizinische Grundversorgung anzubieten und Präventionsarbeit in sozial benachteiligten Stadtteilen zu leisten. Auch zwei Ärzte aus Bargteheide und Köthel engagieren sich ehrenamtlich.

  Beide sind dankbar für das Glück, das sie im Leben hatten und wollen etwas zurück geben. Sie fangen bei denen an, die ihre Hilfe dringend brauchen: Obdachlose.

 Die Patienten im Zahnmobil müssen sich nicht ausweisen. Sie werden aber mit dem Namen registriert, mit dem sie sich vorstellen und in einer Akte als Patienten geführt. „Jeder wird behandelt“, erklärt der in Köthel lebende Zahnarzt Dr. Wolfgang Kaiser, der regelmäßig im Zahnmobil des Caritasverbandes Hamburg tätig ist. „Natürlich fragen wir beispielsweise Aids oder Hepatitis ab. Aber diese Krankheiten sind kein Grund eine ärztliche Versorgung abzulehnen.“

 Agata (Name von der Redaktion geändert) war eine Woche zuvor schon einmal im Zahnmobil behandelt worden. Sie war mit einem Abszess an der Zahnwurzel und starken Schmerzen gekommen. Das ist nicht nur äußerst schmerzhaft, sondern kann auch gefährlich werden, erklärte Dr. Kaiser. In der zweiten Behandlung spülte er den Wurzelkanal und füllte ihn mit einer medikamentösen Einlage. Mit im Zahnmobil saß Jacek Muller. Er übersetzte für Agata. Er spricht neben seiner Muttersprache Polnisch und Deutsch noch Englisch, Slowakisch, Russisch und Französisch. Der Verkäufer bei Hinz&Kunzt, dem Hamburger Straßenmagazin von obdach- und wohnungslosen Menschen, hilft regelmäßig als Übersetzer bei Arztbesuchen. Er hielt auch Agata die Hand als er merkte, wie sie sich während der Behandlung unwohl fühlte und flüsterte ihr beruhigend auf Polnisch zu.

  Im Zahnmobil wird normalerweise nur Notversorgung geleistet. Das bedeutet füllen oder ziehen. Doch Agatas kranker Zahn ist ein „Frontzahn, der Eins-Zweier“, wie Dr. Kaiser im zahnmedizinischen Jargon erklärt. Deshalb erhielt sie ausnahmsweise eine Wurzelkanalbehandlung. Für die nächsten beiden noch folgenden Behandlungen bekommt Sie einen Termin in der festen Praxis des Caritasverbandes in der Seewartenstraße. Im Gebäude des ehemaligen Hafenkrankenhauses werden Obdachlose seit September auch stationär versorgt. Dort sind auch Röntgenaufnahmen möglich, die in mobilen Praxen nicht erlaubt sind.

 Ganz anders war das 1981 auf den Seychellen, erinnert sich der in Jena geborene Dr. Kaiser. Der heutige Wahl-Kötheler hat vor heute fast 40 Jahren schon einmal ein Zahnmobil konzipiert, finanziert und ausgebaut. Mit zwei Kollegen hat er eine mobile Praxis in einem alten Lieferwagen zusammengestellt und es auf die Seychellen verschifft.

Am 6. Juni 1981 eröffnete der damals in Glinde gegründete Verein zur Unterstützung der zahnmedizinischen Versorgung in Ländern der Dritten Welt die mobile Zahnarztpraxis. Immer einer der drei Zahnärzte aus dem Team war ehrenamtlich vor Ort. Die beiden anderen finanzierten den Dritten auf den Seychellen durch ihre Arbeit in der Praxis in Glinde. Die Seychellen gaben sogar einmal eine Sonderbriefmarke zu Ehren des Vereins heraus, berichtet Dr. Kaiser: „Wir wollten etwas für Menschen tun, die es nicht so gut haben wie wir in Deutschland. Der Gedanke treibt mich heute noch an, wenn ich im Zahnmobil der Caritas tätig bin.“

 Der nächste Patient war Zeno (Name von der Redaktion geändert). Nun half Torsten Woelk, Mitarbeiter des Caritasverbandes und Fahrer im Zahnmobil, bei der Verständigung. Zeno wurde in Rumänien geboren und ist als Kind mit seinen Eltern nach Portugal ausgewandert. Heute lebt er in Deutschland. Und er hat starke Zahnschmerzen. Dr. Kaiser musste den Backenzahn ziehen. Torsten Woelk übersetzte im fließenden Spanisch, was dem Portugiesischen so ähnlich ist, das Zeno ihn gut versteht.

 „Übersetzen, fahren, Termine vereinbaren. Ich bin hier quasi die Sprechstundenhilfe“, scherzte Woelk. „Er ist hier die gute Seele!“, intervenierte Tanja Wieland-Lieb. Die zahnmedizinische Fachangestellte ist eine von fünf Assistentinnen im Zahnmobil. Sie assistiert den ehrenamtlich tätigen Zahnärzten und sorgt für die Hygiene. „Die Standards sind genauso hoch wie in jeder normalen Praxis“, erklärte sie.

Die Instrumente sind steril verpackt und werden nach jeder Schicht im Hygieneraum in der Seewartenstraße wieder gereinigt. Zwischen den Behandlungen befreien Dr. Kaiser und Tanja Wieland-Lieb die Flächen und den Zahnarztstuhl von möglichen Keimen. Immer wieder klopften Bedürftige an die Tür und fragten nach einer Zahnbürste, die kostenlos ausgegeben werden. 20 bis 50 Stück werden täglich verschenkt. „Vielleicht ist es ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Tanja Wieland-Lieb, „aber für mich ist es mein Beitrag, um die Welt besser zu machen.“
 Der Caritasverband ist für bedürftige Menschen nicht nur im Zahnmobil unterwegs. Es gibt auch ein Krankenmobil für die allgemeinmedizinische Versorgung. Hier ist auch der Bargteheider Internist Dr. Bernhard Langer regelmäßig im Einsatz. Früher war er Oberarzt an der Schönklinik in Hamburg-Eilbek. In seinem Ruhestand möchte er weiterhin Menschen helfen. Er hat Obdachlose immer schon wahrgenommen. Vor allem in Hamburg waren sie für ihn sehr sichtbar. „Ich möchte Zeit schenken und meine Ausbildung nutzen, Menschen zu helfen“, sagte er. „Ich konnte den schlechten Abzweigungen meines Lebens immer widerstehen. Das ist ein Privileg. Vielen Obdachlosen ist es anders ergangen“.
 Obdachlose, die auf der Straße leben, verlieren den Bezug zu den eigenen Bedürfnissen und zur Selbstfürsorge, weiß Cordula Henne, Mitarbeiterin in der Pressestelle des Caritasverbands aus ihrer Arbeit. Sie kämen nicht auf die Idee in eine Arztpraxis zu gehen. Wenn doch, schämen sich die meisten so sehr, dass sie sich nicht trauen. „Wir haben mit den mobilen Praxen eine Anlaufstelle für Menschen geschaffen, die hier mit ihren Bedürfnissen, Sorgen und Leiden wahrgenommen werden“, sagte sie, „und natürlich versorgen wir sie medizinisch. Aber die seelische Belastung ist meist genauso groß wie das körperliche Leid.“
Seit 2008 gibt es die mobile Zahnarztpraxis des Caritasverbands in Hamburg. 28 Zahnärzte sind ehrenamtlich tätig. 2015 wurden 965 Patienten behandelt und 520 Zähne gezogen. Unterstützt wird das Mobil von der Marke elmex, die 80 Prozent der laufenden Kosten trägt. In Hamburg sind etwa 5000 Menschen obdachlos, von denen 2000 auf der Straße leben, Tendenz steigend. „In Bargteheide weiß man bei der Stadt von 15 Menschen, die in Obdachlosenunterkünften wohnen“, erklärt Janick Sommer von der Haupt- und Ordnungsabteilung der Stadt Bargteheide. Jörg Lembke (CDU), Bürgermeister in Bad Oldesloe, kann auf Grund hoher Fluktuation nur eine Schätzung abgeben: 70 bis 75. Die Gründe für die Situation der Menschen sei sehr unterschiedlich. Hans-Werner Harmuth (CDU), Kreispräsident und Leiter der Ahrensburger Geschäftsstelle der DAK, weiß um die Herausforderungen für Obdachlose. Zwar hat jeder ein Anrecht auf Wohnraum und eine Krankenversicherung, doch die formalen Hürden sind oft zu hoch, besonders für Menschen die lange auf der Straße gelebt haben.
 Eine Sozialarbeiterin aus dem Kreis Stormarn, die anonym bleiben möchte, erklärt, dass es bei Obdachlosigkeit große Unterschiede zwischen Großstädten und der in ländlichen Regionen gibt. Großstädte seien für Menschen, die auf der Straße leben attraktiver, erklärte sie. Dort sei das Betteln lukrativ und die Infrastruktur besser. Im Kreis Stormarn sind Menschen ohne Wohnung entweder auf der Durchreise oder werden von den Ämtern versorgt. Doch auch hier sieht die Sozialarbeiterin eine steigende Tendenz, die sie eng mit der Entwicklung am Wohnungsmarkt verknüpft. Je weniger bezahlbaren Wohnraum es gebe, desto mehr Menschen würden wohnungslos. Der Bund sollte aus ihrer Sicht den sozialen Wohnungsbau stärker fördern. Auch Harmuth und Lembke sehen es so.

  Doch obdachlos ist nicht gleich wohnungslos und die Sogwirkung von Metropolen stellt Großstädte wie Hamburg vor ganz andere Herausforderungen als die umliegenden Regionen. So ist es nachvollziehbar, dass Dr. Kaiser und Dr. Langer noch immer den Weg nach Hamburg suchen, um dort den Menschen zu helfen.


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