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Mord in Bargteheide : Mithäftling packt vor Gericht aus

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Neunter Verhandlungstag im Mordprozess gegen Sven S. Der Angeklagte sei gar nicht deprimiert, eher gut drauf, sagt ein Zellennachbar aus. Er wird seit seiner Aussage hinter Gittern bedroht.

shz.de von
erstellt am 12.Okt.2017 | 06:00 Uhr

Mit Hochdruck geht der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder Sven S. im Landgericht Lübeck weiter. Der grausame Tod der 28-jährigen Svea T., die auf dem Erdbeerhof Glantz in Delingsdorf arbeitete und allseits beliebt war, hatte für großes öffentliches Aufsehen und starke Anteilnahme gesorgt, die bis heute anhalten. Unter Vortäuschung falscher Tatsachen – so sieht es die Staatsanwaltschaft – habe Sven S. seine ehemalige Freundin in seine Wohnung in der Alten Landstraße gelockt und sie dort mit drei Schüssen niedergestreckt. Staatsanwalt Nils-Broder Greve plädiert auf Mord, der neue Verteidiger Dr. Jan Markus Schulte hofft auf ein milderes Urteil wegen Totschlags. Mitte Dezember – so die Planungen – soll das Urteil endlich fallen. Doch noch sind längst nicht alle der 40 Zeugen geladen worden. Deshalb folgt nun ein Termin auf den anderen.

Am 9. Verhandlungstag nach Wiederaufnahme des Prozesses gegen den 36-jährigen Angeklagten aus Bargteheide wird ein Mithäftling in Handschellen in den Zeugenstand gebracht. Der wegen Betruges zu fünf Jahren Haft verurteilte Zellennachbar des Angeklagten habe erst aus Angst nicht aussagen wollen, sein Anwalt habe ihm jedoch dazu geraten.

Regelmäßig habe man sich beim sogenannten Umschluss, im Kraftraum und beim Volley- und Fußball getroffen und schnell angefreundet. Sven S. habe ihm erzählt, dass er seine Freundin umgebracht habe. Er habe sich unter Drogeneinfluss erschießen wollen, dabei sei es zu einem Handgemenge gekommen, wobei sich tödliche Schüsse gelöst hätten. Der Angeklagte sei „wie im Rausch“ gewesen. Am Abend vor der Tat habe der Angeklagte in ein Hotel – vermutlich im Ausland – zurückgewollt, es aber nicht mehr geschafft und sei in seiner Wohnung an der Alten Landstraße geblieben. Näher sei er auf die Tatumstände nicht eingegangen. Sven S. habe nicht deprimiert oder depressiv gewirkt. Im Gegenteil: Man habe viel zusammen gelacht, er sei „gut drauf gewesen“. „Man hätte nicht gedacht, dass so eine Tat passiert ist“, sagt der Zeuge.

Nur einmal, als Sven S. seine Anklageschrift gelesen habe, sei er in Tränen ausgebrochen. Entzugserscheinungen habe er ebenfalls nicht feststellen können. „Er war nicht drogenabhängig“, ist der Zeuge sich sicher. Wohl aber habe er in seiner Pokerhalle in Lasbek Kokain verkauft. Er sehe es den Häftlingen an, ob sie drogensüchtig sind. Auch habe Sven S. nie nach Drogen gefragt, die in der JVA leicht zu bekommen seien.

Er habe für den Angeklagten mit seiner Familie telefoniert und auch Briefe für ihn entgegengenommen. Doch dann sei die Situation gekippt. Als er gegen den Angeklagten aussagen wollte, habe dieser ihn immer wieder bedroht. Es sei auf der Station danach „die Hölle auf Erden“ gewesen. „Wir finden dich“ und „Ich werde deine Familie f….“ habe Sven S. ihm im Falle einer Aussage gedroht und ihn gebeten, nicht gegen ihn auszusagen.

Woher der Angeklagte die Waffe habe, will der Vorsitzende Richter Christian Singelmann wissen. Angeblich habe er sie für 2500 Euro von einem Kumpel gekauft. Dieser sitzt inzwischen auch in Haft. Sven S. habe in der JVA Lübeck regelmäßig Kontakt zu ihm. Besagter Kumpel sei wohl auch in den Versicherungsbetrug mit involviert.

Der Angeklagte habe ihm anvertraut, „auf krank machen“ zu wollen, damit er auf eine mildere Strafe von vier bis fünf Jahren hoffen könne. „Er wollte es so hindrehen, dass er wegen seines Kokainkonsums weniger Strafe bekommt“, so der Zeuge. Er habe sogar bereits Pläne mit einer neuen Frau gemacht – als wäre es „eine Kleinigkeit“. Während der Aussage schüttelt der Angeklagte immer wieder mit dem Kopf, berät sich mit seinem Anwalt, der am Ende eine Beiziehung der Krankenakte des Angeklagten fordert. Sven S. erklärt sich damit einverstanden, seine Ärzte von ihrer Schweigepflicht zu entbinden, damit bewiesen werden könne, dass er doch unter Entzugserscheinungen gelitten habe. Der Prozess wird heute fortgesetzt.











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