Rethwisch : Mit Pompfen Jagd auf den Jugg

Der Rettungswagen musste trotz des martialisch anmutenden Spiels nicht zum Einsatz kommen.  Fotos: Neimeier
Der Rettungswagen musste trotz des martialisch anmutenden Spiels nicht zum Einsatz kommen. Fotos: Neimeier

Rethwisch richtet Norddeutsche Jugger-Meisterschaften aus

shz.de von
12. Juli 2015, 12:18 Uhr

Auf den ersten Blick sah es fast schon bedrohlich aus, was sich am Wochenende auf dem Sportplatz Rethwisch abspielt. Menschen rennen aufeinander zu, manche von ihnen schreien dabei, sie schwenken große Stäbe und schwingen drohend eine Kugel an einer Kette über ihrem Kopf. Anschließend greifen sie sich gegenseitig mit diesen „Waffen“ an, während Rasen und Staub aufgewirbelt wird.

Doch was im ersten Moment wie eine gewalttätige, kriegerische Auseinandersetzung wirkt, wenn man die Sportart nicht schon kennt, sind die Nordeutschen Jugger-Meisterschaften, die in Rethwisch über die Bühne gingen.

Diese besondere, exotische Sportart erfreut sich beim VfL Rethwisch schon seit vielen Jahren einer großen Beliebtheit. Tatsächlich gibt es dort sogar eine Sparte mit rund 50 Mitgliedern, die sich nur diesem Sport widmet. Zwei Erwachsenen- und zwei Jugendmannschaften aus dem Stormarner Dorf gingen auch bei den Schleswig Holstein Meisterschaften mit an den Start.

„Jugger ist eine Sportart, in der niemand komisch angeschaut wird. Es kommen hier viele unter, die in anderen Sportarten nicht so klar kamen oder gar keinen anderen Sport getrieben haben. So wie ich halt“, sagt Erik Klein von den Rethwischer Jugger-Spielern. Lachend zeigt er auf seinen Bauchansatz. „Leute werden sehr schnell in die Gemeinschaft aufgenommen. Es gibt keine Vorurteile. Männer und Frauen spielen zusammen. Jugendmannschaften treten gegen Erwachsene an und so weiter. Es gibt ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl in der Szene“, ist Klein begeistert.

Rethwisch stellt aktuell die Teams der deutschen Jugend- und Kindermeister. Nach außen wirke der Sport oft etwas brutal , aber das sei er auf gar keinen Fall. Verletzungen treten nicht durch Schläge mit den „Waffen“ ein, die dick gepolstert sind, sondern eher – wie in anderen Sportarten auch – durch Umknicken, Risse der Muskulatur oder unglückliche Stürze, die es eben im Fußball oder beim Handball auch geben könnte. „Es gilt bei uns und in der gesamten Jugger-Gemeinde eine feste Regel: fair im Wettkampf, freundlich danach“, so Klein weiter.

Das konnte man auch in Rethwisch beobachten, als sich zwei Berliner Teams nach einem harten Match, gegenseitig in den Armen lagen. „Endlich habt ihr es mal geschafft, gegen uns zu gewinnen“, sagte einer der Verlierer lachend zu seinem Gegenüber. Es folgte eine herzliche Umarmung. „Stoßen wir später drauf an“, war die Antwort – in welchem Sport gibt es das schon?

Für Besucher und Zuschauer wirkt das Spiel manches Mal auf den ersten Blick gefährlicher als es ist. „Hier in Rethwisch haben sich die Leute im Verein und die Anwohner längst an uns gewöhnt. Man ist nicht mehr überrascht, das sieht dann bei Turnieren in anderen Städten schon mal anders aus“, erklärt er. Das Match an sich sei auch viel mehr, als einfach nur Draufhauen und Hoffen, dass man gewinnt. „Viele Teams haben ihre bestimmten Stärken und Schwächen. Je nach Taktik werde defensiver oder offensiver gespielt.

Während immer mehr neugierige Fans sich für den Sport interessieren, schreitet die Professionalisierung auch langsam voran. „Die Strukturen werden immer besser, aber auch klarer. Bisher gibt es zum Beispiel keine klare Schiedsrichterausbildung, das ändert sich gerade, weil ein verbindliches Regelwerk offiziell verfasst wird“, so Klein. Denn bei allem Spaß dürfe man auch nicht vergessen, dass es für viele Jugger-Spieler auch sportlichen Ehrgeiz gibt.

Die Professionalisierung der Strukturen sei ein wichtiger und normaler Prozess, allerdings zerstöre er hier und da einen Teil typischer Erscheinungsbilder. „Das gemeinsame Zelten am Rande von Turnieren direkt am Spielort, wird weniger. Oft werden andere Unterkünfte angemietet oder zur Verfügung gestellt“, nennt Klein ein Beispiel. „Aber der Spaß steht weiterhin im Mittelpunkt. Das Miteinander bleibt entscheidend.“ 

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