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Stormarner Tageblatt

18. Oktober 2017 | 02:53 Uhr

Mit Hand- und Fußfesseln ins Gericht

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Angeklagtem werden 23 Straftaten zur Last gelegt / 21-Jähriger hört Stimmen

Die Gutachterin hat keine gute Prognose für André D. (Name geändert). Der 21-Jährige muss sich wegen diverser Delikte vor dem Schöffengericht in Ahrensburg verantworten. 23 Straftaten werden ihm vorgeworfen, Diebstahl, Urkundenfälschung, aber vor allem soll er immer wieder Körperverletzungen begangen haben. Jetzt hatte die psychiatrische Gutachterin das Wort. Sie spricht von einer schweren Krankheit, von paranoider Schizophrenie. „Ich habe ihn als höchst misstrauisch, ängstlich, unruhig und aggressiv erlebt“, sagt sie. André D. höre Stimmen, die ihm Wahninhalte vermittelten, er glaube daran, Hellzusehen und Gedanken lesen zu können. Er sei auch mehrfach aus psychiatrischer Behandlung entwichen und habe Medikamente zeitweise nur unter Zwang eingenom-men. Und er habe kaum die Einsicht, dass er schwer erkrankt ist.

André D. wird aus der Psychiatrie mit Handschellen und Fußfesseln vorgeführt. Seit fünf Monaten ist er in der Forensik der Psychiatrie in Neustadt untergebracht. Dem voraus gingen mehrere Aufenthalte im Heinrich-Sengelmann-Krankenhaus in Bargfeld-Stegen. Zuerst wurden dort psychische Störungen wegen ausgiebigem Cannabis-Konsum diagnostiziert. Erst später wurde dort die Schizophrenie festgestellt. Weil es keine Hinweise auf eine Eigengefährdung gab, wurde er entlassen.

Die Fachärztin für Psychiatrie sieht aber deutliche Hinweise auf Fremdgefährdung. André D. sei eine Gefahr für seine Mitmenschen. Mindestens zweimal bedrohte er andere mit einem Messer. Der Vorsitzende Richter zeigt zwei davon und ein Pfefferspray, von der Polizei sichergestellt. „Warum haben sie das gekauft“, will er von André D. wissen. „Zur Verteidigung, weil ich obdachlos war, ich wollte es vorzeigen, wenn es Stress gibt.“ Ohne Medikamente seien in Zukunft gewaltsame, auch tödliche Übergriffe möglich, so die Gutachterin. Auch Körperverletzungen und andere Provokationen: „Es wird eher eine Zuspitzung geben, wie die Entwicklung in der der letzten Zeit zeigt.“ Seit Jahresbeginn habe André D. immer wieder andere Menschen bedroht. „Eine erheblich eingeschränkte oder aufgehobene Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit sind nicht auszuschließen“, sagt die Ärztin.

Zeitweise habe er auch seine Affekte nicht unter Kontrolle, so habe er aus Wut Autospiegel abgetreten. „Das gehört zum Krankheitsbild“, sagt sie. Er habe Konzentrationsstörungen, es gebe aber auch Phasen, wo ein vernünftiges Gespräch mit ihm möglich sei.

Die Wirkung der starken Medikamente ist André D. deutlich anzusehen. Er wirkt müde, gedämpft und sediert. Das hindert ihn nicht daran, den anderen Beteiligten immer wieder ins Wort zufallen. „Ich weiß, dass ich Medikamente nehmen muss, also bin ich doch einsichtig“, murmelt er etwa. Insgesamt sei die Prognose wegen einer Vielzahl von Faktoren ungünstig, fährt die Ärztin fort: „Er hat ein Gewaltproblem, Bewaffnungstendenzen, weil er sich bedroht fühlt, ist rücksichtslos und hat keine Arbeitsperspektive.“ Zu erwarten sei, dass er sich einer professionellen Betreuung entziehen, sich nicht an Auflagen halten und ohne Medikation weitere gewalttätige Übergriffe verüben werde. Viele jüngere Erkrankte setzten die Medikamente wegen der Nebenwirkungen ab, zu denen auch Impotenz gehöre.

Immerhin habe sich das Krankheitsbild im Vergleich zu ihrer ersten Begutachtung durch die Medikamente gebessert. Die Ärztin hatte ihn bereits im April untersucht. Auch ein vorhergehender Leistungsknick gehöre zu dieser Erkrankung, sagt sie. André D. hatte bis zur 8. Klasse ein Gymnasium besucht und dort bis dahin gute Noten erzielt. Dann wechselte er auf die Realschule, schaffte aber nur den Hauptschulabschluss. Auch beim Berufsförderungswerk scheiterte er mit schlechten Noten.

Wie sehr Wahrnehmung und Realität bei André D. auseinanderklaffen, zeigt die Befragung einer Zeugin. „Er hat meine Freundinnen angefasst und versucht mich zu würgen“, sagt eine 18-jährige Servicekraft aus. Ihr Freund habe André D. dann zu Boden gebracht. „Sie haben versucht mich zu mobben, sind zu sechst auf mich losgegangen und haben mich am Boden fixiert“, entgegnet der Angeklagte. Er habe sich nur dagegen gewehrt.







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