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Verabredungsnetzwerk : Mit dem Rollstuhl in den Volkspark

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Das Ahrensburger Netzwerk Helikom bringt behinderte und nicht-behinderte Menschen zusammen. Redakteur Andreas Olbertz testete die Online-Plattform und verabredete sich darüber mit dem Rollstuhl-Fahrer Andreas Kauskopf. Zusammen besuchen sie das Pokalspiel Hamburg gegen Bayern.

Da, wo andere eine Schranktür haben, hängt bei Andreas Krauskopf ein Duschvorhang des HSV. In einem der Fächer für seine Kleidung ist eine Fahne mit Raute befestigt – man sieht sofort: Das Herz des 47-Jährigen schlägt für den Hamburger Sportverein. Seit 1995 ist er regelmäßig im Stadion, wie tausende andere Fans hat er eine der begehrten Dauerkarten. Das alles wäre nichts Besonderes, würde Andreas Krauskopf nicht im Rollstuhl sitzen. Alleine hat er keine Chance, von seiner Wohngruppe ins Stadion zu kommen. Er ist auf Helfer angewiesen.

„Ich könnte eine Begleitung bei der Lebenshilfe buchen“, erzählt Andreas, „aber das kostet 24 Euro pro Stunde.“ Manchmal kann er mit dem ASB fahren, bei attraktiven Spielen findet sich auch schon mal ein Kollege aus den Stormarner Werkstätten. Aber eine Dauerlösung ist das natürlich nicht. An dieser Stelle kommt die Internetplattform www.helikom.de aus Ahrensburg ins Spiel. „Ich war einer der Auslöser für das Projekt“, erzählt Andreas stolz. Umgesetzt haben es schließlich Hans und Kirstine Lechner. Sie ist Heil-Erzieherin, hat in der Wohngruppe Hagen gearbeitet und erlebt, welche Probleme Menschen mit eingeschränkter Mobilität bei ihrer Freizeitgestaltung haben. Ihr Mann kennt die andere Seite ganz genau, ist Wirtschaftsinformatiker mit langjähriger IT-Erfahrung. „Vor zwei Jahren kam die Idee zum ersten Mal hoch“, berichtet Hans Lechner: „Eine professionelle Begleitung kann sich halt nicht jeder leisten.“ Der Computerspezialist witterte eine Marktchance und stieg gleich groß ein mit einer Webseite. „Wir sind eine Art soziales Netzwerk speziell für diese Geschichte, eine Agentur, die vermittelt. ‚Ich schau mal, ob ich jemanden für dich finden kann‘“, beschreibt er das Konzept. Für 18 Euro Jahresbeitrag kann sich jeder anmelden. Ein kurzes Portrait erstellen, Vorlieben angeben oder gleich einen konkreten Wunsch für eine Veranstaltung äußern. Wer keinen Internetzugang hat oder damit nicht so bewandert ist, kann auch die Telefonhotline von Helikom nutzen.

Man muss als Nichtbehinderter-Helikom-Nutzer kein ausgesprochener Gutmensch sein, um das System gut zu finden. „Behinderte haben die Möglichkeit, kostenlos eine Begleitperson mitzunehmen“, erläutert Hans Lechner, wo der Reiz für „Normalos“ liegt. Kann das wirklich funktionieren? Ich beschließe, einen Selbsttest zu starten. Die Anmeldung bei Helikom ist schnell erledigt. Gleich beim ersten Versuch mit der Tür ins Haus zu fallen und einen konkreten Veranstaltungswunsch zu äußern, das erscheint mir dann doch etwas dreist. Ich warte lieber ab, ob was kommt.

Helikom vermittelt nicht aktiv. Suchen oder gefunden werden lautet das Motto. Also gucke ich mal, ob mich was anspricht. Und siehe da, da sucht Andreas, Begleitung für das Pokalspiel des HSV gegen Bayern. Eigentlich ein Knallerspiel. Da nehme ich doch mal Kontakt auf.

„Wir empfehlen, vorher mindestens mal zu telefonieren“, rät Hans Lechner. Andreas und ich tauschen Mails aus, ich besuche ihn in seiner Wohngruppe. Dann steht fest, den Pokalabend verbringen wir gemeinsam im Stadion.

Wir sind beide HSV-Fans, gleich alt, haben beide unseren Job; Andreas engagiert sich im Ahrensburger Behindertenbeirat, ich in der Gewerkschaft – eigentlich doch alles ganz normal. Und doch sind so ein Rolli und eine Behinderung wie eine unsichtbare Barriere. Je näher der Termin rückt, desto deutlicher wird mir meine Unbeholfenheit, ich habe Zweifel, angefangen bei ganz banalen Dingen wie der Frage, ob der Rolli wirklich in mein kleines Auto passt, bis hin zu regelrechten imaginären Schreckensszenarien, was eventuell alles schief gehen könnte. Rufe ich vorher mal bei der Lebenshilfe an und erkundige mich? Ich entscheide mich dagegen, will Andreas nicht hintergehen. Er hat gesagt, dass ich mich um nichts weiter kümmern muss, also wird das auch so sein. „Solange beide miteinander reden, ist alles super“, hatte der Helikom-Chef vorher gesagt.

„Wie ist denn das Wetter?“, fragt Andreas vor der Abfahrt: „Reicht eine Decke oder brauche ich den Fußsack?“ Nach einigem Hin und Her fällt die Entscheidung für den Fußsack. „Da zieht es ganz schön“, weiß Andreas um den größten Mangel der Rampe für die Rollifahrer in der Imtech-Arena.

Zwei Mitarbeiter der Lebenshilfe helfen Andreas beim Einsteigen ins Auto. Mir erklären sie, wie der Rollstuhl zusammengefaltet wird, wo sich überstehende Griffe einfahren lassen. Ab damit auf den Rücksitz. „Hast du deinen Drücker für die Eingangstür?“, fragen sie ihren Klienten noch, als der nickt, wünschen sie uns viel Spaß. Auf geht’s.

„Parkplatz Orange“, gibt Andreas als Fahrtziel aus: „Da vorne rechts abbiegen.“ „Geht nicht, gesperrt! Da steht Polizei.“ Andreas fummelt seinen Behindertenausweis aus der Tasche, wir werden prompt durchgewunken und dürfen direkt vors Stadion fahren. Den Rollstuhl trotz der schummrigen Beleuchtung wieder zusammenzusetzen, klappt dann doch besser als befürchtet. Ich frage nach, er macht klare Ansagen – so kriegen wir den Umstieg vom Auto in den Rolli hin. Bei mehr Licht hätte ich gleich gesehen, dass der Fußsack zwei Reißverschlüsse hat und es wäre sicher einfacher geworden, Andreas‘ Beine darin unterzubringen. Jetzt weiß ich das. Das Pärchen mit Rollstuhlfahrerin aus dem Nachbarauto ist viel schneller weg. Egal, wir haben noch genug Zeit.

Auf dem aufgeweichten Parkplatz ist es kein Vergnügen den Rolli zu schieben. Das sind so Tücken, über die man sich sonst keine Gedanken macht. „Könnte es rückwärts nicht einfacher gehen?“, fragt Andreas an. Natürlich! Da hätte ich auch selber drauf kommen können.

Vor dem Spiel eine Bratwurst. Die Sicht von der Rollirampe aufs Spielfeld ist super, aber es pfeift halt ein fürchterlicher Wind. Da tut uns beiden ein heißer Kaffee in der Halbzeitpause gut. Die Leistung des HSV ist ... nun ja ... früher war das mal ein Spitzenspiel, ein Nord-Süd-Gipfel. An diesem Abend spielt nur eine Mannschaft auf, das 0:5 spricht da eine deutliche Sprache. Aber da niemand ernsthaft mit einem Sieg des HSV gerechnet hatte, kann das die Stimmung nicht allzu stark trüben.

Die Rückfahrt nach Ahrensburg ist nur noch ein Klacks und ein Termin für den nächsten gemeinsamen Stadionbesuch auch schnell vereinbart.

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23-2176993_Bad Oldesloe_Andreas_Olbertz_Redakteur.JPG von
erstellt am 14.Feb.2014 | 06:00 Uhr

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