Missbrauch: Opfer-Protest gegen Urteil

Anselm Kohn.  Foto: Blase
Anselm Kohn. Foto: Blase

"Zeugen und Opfer wurden nicht gehört"

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10. Dezember 2012, 08:04 Uhr

Ahrensburg | Missbrauchsopfer haben dagegen protestiert, dass das Kirchengericht das Disziplinarverfahren gegen den Ruhestandspastor Friedrich H. (71) eingestellt hat. "Es ist für uns nicht nachzuvollziehen, dass Herr H. Gelegenheit erhielt, Stellung zu beziehen und ihn selbst Entlastendes vorzubringen, während die Zeugen nicht angehört wurden. Auch die Opfer des Missbrauchs-Skandals bekamen keine Chance, ihre Aussage zu bekräftigen oder diese um weitere, möglicherweise entscheidungsrelevante Angaben zu ergänzen", so Anselm Kohn in einer Erklärung des Vereins "Missbrauch in Ahrensburg", die von sechs Missbrauchszeugen unterstützt wird.

Das Gericht der Nprdkirche hatte das Verfahren Mitte November ohne Beweisaufnahme eingestellt. Eine Entfernung aus dem Dienst sei aus Gründen der Verhältnismäßigkeit "nicht gerechtfertigt", hatte der Vorsitzende Richter Bernd Wrobel erklärt. Vorgeworfen wird H., den vielfachen sexuellen Missbrauch seines Pastorenkollegen Dieter Kohl jahrzehntelang vertuscht und seinerseits junge Mädchen seiner Jugendgruppen sexuell missbraucht zu haben. Das Landeskirchenamt hatte Friedrich H. "schwerwiegende Amtspflichtverletzungen" vorgeworfen und beim unabhängigen Kirchengericht seine Entfernung aus dem Dienst beantragt.

Wenn das Kirchengericht entlastend anführe, dass der ehemalige Pastor unter einer "Hetzkampagne" gelitten habe, werde übersehen, dass Friedrich H. selbst mit widersprüchlichen Aussagen an die Presse gegangen sei. "Wie kann es sein, dass auch zum damaligen Zeitpunkt schwerwiegende Amtsvergehen durch Jahre unauffälligen Verhaltens entschuldigt werden? Wie kann es sein, dass die für Menschen so leidvollen Konsequenzen durch die Gerichtsentscheidung so gering geschätzt werden?" fragt Kohn.

Andererseits habe der Richter es dem ehemaligen Pastor hoch angerechnet, wenn dieser sich auf selbst erlittenes Leid beruft. Kohn: "Dies hat er nun freilich selbst zu verantworten." 2010 sei Friedrich H., ohne Zeit belastet zu sein, unter Offenlegung seiner Identität mit widersprüchlichen Aussagen in die Presse gegangen. "Die Folgen aus seinem Verhalten als Hetzkampagne zu bewerten, ist eine Verzerrung der Tatsachen und dokumentiert eine offenkundige Parteilichkeit des Richters", heißt es in der Erklärung.

Die Entscheidung des Gerichts habe H. die Möglichkeit eröffnet, Taten auch als falsche Behauptungen von sich zu weisen, "der Wahrheitsgehalt unserer Aussagen, die in schriftlicher Form dem Gericht vorlagen, bleibt indessen gänzlich unberührt", kritisiert Kohn. Dabei hätte die Kirche Opfern und Zeugen "Hoffnung gemacht, durch ihre Aussagen Licht in das System Hagen der 70er/80er Jahre zu bringen und Gerechtigkeit herstellen zu können", zieht Kohn eine "traurige Bilanz".

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