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Stormarner Tageblatt

23. September 2017 | 20:17 Uhr

Bad Oldesloe : Migration mal schmackhaft

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Das Buch „Über den Tellerrand“ kombiniert Lebensgeschichten mit Rezepten. Offizielle Vorstellung ist am Sonntag im Oldesloer Bürgerhaus.

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erstellt am 12.Sep.2017 | 06:00 Uhr

So richtig heimisch werden sie hier wohl nie. 23 Migrantinnen aus 15 Ländern hat Oldesloes Gleichstellungsbeauftragte Marion Gurlit für ihr neues Buch interviewt. Egal wo die Frauen mal herkamen, egal wie lange sie bereits in Oldesloe oder Umgebung leben – bis auf ganz wenige Ausnahmen schlägt das Herz immer noch stark für das Herkunftsland, Oldesloe ist in den seltensten Fällen echte Heimat geworden.

„Über den Tellerrand“ heißt das Buch, für das Marion Gurlit sich die Lebensgeschichte von mehr als 23 Frauen erzählen ließ und sie in der Ich-Form niederschrieb. Das Ganze wird kombiniert mit einem Lieblingsrezept der Frau aus ihrem jeweiligen Heimatland. „Für viele Deutsche ist das ein niedrigschwelliger Zugang, wenn es ums Essen geht“, erklärt Marion Gurlit.

Migranten – da denken viele neuerdings in erster Linie an Flüchtlinge. Doch das trifft auf dieses Buch nicht zu. Die Interviews fanden bereits 2015/16 also vor der großen Fluchtbewegung statt. Die Frauen stammen aus Russland, USA, Thailand, Polen, Frankreich, Belgien der Türkei – das sind nicht die klassischen Fluchtländer. „Keine kommt nur aus Jux und Dollerei, sie haben die unterschiedlichsten Gründe hier her zu kommen“, erzählt Marion Gurlit. Mal ist es die Liebe, mal das Studium, mal sind sie mit dem Mann nachgekommen. Natürlich spielen auch Flucht und Vertreibung eine Rolle.

Über die unterschiedlichsten Kanäle hat die Gleichstellungsbeauftragte die Frauen gefunden. Zum Teil war viel Überzeugungsarbeit nötig. Einige Frauen hätten gerne ihre Geschichte erzählt, wollten etwas derart persönliches aber nicht gedruckt sehen. Bei anderen kam das Veto des Manns dazwischen. Eine Gesprächspartnerin schied aus, weil sie lediglich etwas auftauen wollte, anstatt ihr Lieblingsrezept selber zu kochen.

Weil einige Frauen nicht mit vollem Namen genannt werden wollten, sind die Nachnahmen auf den Anfangsbuchstaben reduziert. Für einige dürfte es überraschend sein, dass auch Elisabeth S(cherrer) in dem Buch auftaucht. Viele Jahre hat sie sich für die CDU in der Kommunalpolitik engagiert. 20 Jahre war die inzwischen 80-Jährige Stadtverordnete und sogar Oldesloes erste Bürgerworthalterin. Elisabeth Scherrer ist Gründungsmitglied von „Frauen helfen Frauen“, der erste Frauennotruf in der Stadt war ihr Privatanschluss. Was vermutlich die wenigsten wissen: Sie hat ungarische Wurzeln. Ihr Vater floh als Jude vor den Nazis nach Ungarn und lernte dort ihre Mutter kennen. Da viele Deutschstämmige deportiert wurden, reiste die Familie nach Deutschland aus. Über Franken kam sie nach Hamburg, wo sie ihren Mann kennen lernte. Als die beiden 1957 heirateten, zogen sie auf den Hof der Schwiegereltern nach Rethwischfeld. Willkommen war sie in diesem Umfeld lange nicht. „Du gehörst hier nicht her“, sei ihr sehr deutlich gemacht worden. „Wenn ich in der Puszta bin, dann macht es ‚klack‘ und ich verspüre ein großes Glücksgefühl“, erzählt sie. Es seien die Kinder und Enkel, die sie hier hielten.

Die Geschichten und Rezepte werden von einfühlsamen Portraits und Fotos der Gerichte begleitet. Rahel Zander, Bildredakteurin aus Hamburg, hat die Aufnahmen gemacht. Im Rahmen der Interkulturellen Woche stellt Marion Gurlit das Buch am Sonntag, 17. September von 16 bis 18 Uhr im Bürgerhaus erstmals öffentlich vor. Viele der Protagonistinnen werden dann dabei sein und auch etwas von ihren Lieblingsgerichten zum Probieren anbieten. Das Buch kostet 10 Euro.

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