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Flüchtlingsschicksal : Mehr als nur ein Sommermärchen

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Fußball im VfL Oldesloe bringt der 13-jährigen Fatima aus Afghanistan Freude zurück und liefert einen wichtigen Beitrag zu ihrer Integration.

shz.de von
erstellt am 08.Nov.2015 | 11:57 Uhr

Sie lächelt. Nicht höflich oder angestrengt, sondern warm. So aufrichtig. Dabei hat Fatima mit ihrer Flucht aus Afghanistan ihre Heimat verloren und Schlimmes erlebt. Ihr Lächeln hat sie sich bewahrt – selbst als sich in Erinnerung an die Flucht ihre Augen mit Tränen füllen. Im Gespräch über ihre Geschichte soll sie einfach „weiter“ sagen, wenn ihr etwas zu nahe geht. Sie benutzt dieses Wort kein einziges Mal.

Fatima ist 13 Jahre alt und lebt in Bad Oldesloe. Die Welt der meisten Mädchen in ihrem Alter dreht sich um Shopping, Stars und Smartphones. Ihre nicht. Fatimas Welt dreht sich um Fußball. Dort ist für sie alles in Ordnung. Auf dem Platz kann sie alles hinter sich lassen. Sie ist Mittelstürmerin. „Richtig gut“, betont ihre Trainerin beim VfL Oldesloe, Caro Relling: „Erst am Wochenende hat sie wieder ein Tor geschossen.“ Fatima spricht gern über Fußball. Die 13-Jährige hat aber auch schon eine andere Welt erlebt. Und sie möchte, dass alle ihre Geschichte erfahren.

Fatima stammt aus Herat. Die mit 300  000 Einwohnern nach Kabul und Kandahar drittgrößte Stadt Afghanistans wurde einst das „Florenz Asiens“ genannt. Herat war über die Region hinaus bedeutend für Kultur, Handel und Finanzen. Doch das ist lange her. 1995 wurde die Stadt im Nord-Westen Afghanistans von den Taliban erobert. 2001 gewann die Nordallianz sie zurück. Die Welt, in der Fatima aufwuchs, war geprägt vom Bürgerkrieg. Vor drei Jahren entschied ihre Mutter, mit der damals Zehnjährigen und dem drei Jahre älteren Bruder, aus dem Land zu flüchten, in dem der Vater sein Leben schon gelassen hatte.

Ihre Flucht führte sie wochenlang durch den Iran. Zu Fuß. Rund 2000 Kilometer – eine Strecke von Flensburg bis nach Barcelona. Über feuchte Gebirgsketten, durch trockene Täler. Klima und Geographie brachten die Flüchtenden an ihre Grenzen. Nach ihrer Ankunft in der Türkei ging es weiter ans Mittelmeer. Die schwerste Etappe. Wieder 2000 Kilometer. „Wir mussten wieder über Berge und durch Dschungel“, erzählt Fatima von der Odyssee: „Aber man konnte auch nicht zurück.“ Immer wieder musste der Treck anhalten. Eine Zeit der Ungewissheit, ehe es weiter ging. Wer bleibe, sterbe, so die Ansage der Schlepper. An der türkischen Küste stieg die Familie in ein Boot nach Griechenland. „Eigentlich durften nur vier Leute mitfahren. Wir waren aber mindestens zwölf. Keiner konnte schwimmen“, flüstert Fatima. Die Tränen nehmen ihr die Stimme. Sollte jemand ins Wasser fallen, sei er verloren. „Sie haben zu uns gesagt, wir müssen stark sein. Wenn wir versuchen, jemanden zu retten, sterben wir auch.“ Fatima und ihre Familie schafften es. Der Preis für die ungewisse Reise in eine bessere Welt: rund 40  000 Euro, die Fatimas verzweifelte Mutter den Schleppern im Voraus gezahlt hatte.

In Griechenland nahm die Familie ein Flugzeug nach Deutschland. Das Geld für die Tickets musste die Mutter selbst zahlen – das war nicht in dem Preis für die Schlepper enthalten. Zu Beginn ihrer Flucht waren sie 40 Personen. In Deutschland kamen nur 15 an. Nach einigen Wochen in einer Erstaufnahmestation kam die Familie letztlich nach Bad Oldesloe, wo sie ein neues Zuhause gefunden hat. Eine bessere Welt.


Vorbild für andere


Dort kam Fatima auch zum Fußball, dem sie so viel zu verdanken hat. Ihr Bruder fing kurz nach ihrer Ankunft beim VfL Oldesloe an und nahm sie irgendwann mit zum Training – entgegen aller traditionellen Wertevorstellungen in seiner Heimat. Viele ihrer Landsleute trauen Mädchen und Frauen körperbetonte Beschäftigungen nicht zu. „Ich möchte ein Vorbild für andere Mädchen sein“, erklärt Fatima. In Afghanistan ist Fußball nichts für Mädchen.

Ganz anders in Deutschland: Der Deutsche Fußball-Bund hat über eine Millionen weibliche Mitglieder, die Nationalmannschaft der Frauen ist zweifacher Weltmeister und achtfacher Europameister. Die 13-Jährige begreift das als Chance. Fatima möchte Profi-Fußballerin werden. Wenn das nicht klappt, Make-Up-Artist. Trotz aller Träume: Ihre Heimat fehlt ihr. Vor allem das afghanische Essen, das schöne Haus der Familie, die heißen Sommer und ihre Freunde, mit denen sie jeden Tag nach der Schule gespielt hat.

Dennoch liebt sie Deutschland. Sie liebt, dass sie in ihrer neuen Heimat alles schaffen kann, was sie sich wünscht. Und sie liebt, dass Deutschland sicher ist. Sicherheit und Chancengleichheit: Fatima weiß zu schätzen, was für die meisten Deutschen selbstverständlich ist. Fatimas Geschichte ist eine von erfolgreicher Integration. „Fußball hat mir sehr geholfen, hier anzukommen und Freunde zu finden“, betont die 13-Jährige. Nach nur drei Jahren in ihrer neuen Heimat spricht Fatima nahezu akzentfrei Deutsch. Nur selten unterläuft ihr noch ein Grammatikfehler. Sie weiß, was für ihre Integration wichtig war: „Sprache lernen, Freunde finden, Fußball spielen.“

Die 13-Jährige geht gern zur Schule. Noch lieber aber genießt sie ihre Freizeit, trifft sich mit Freundinnen. „Am allerliebsten aber spiele ich Fußball“, betont sie. Zwei Mal pro Woche steht Training beim VfL Oldesloe an, am Wochenende ein Spiel. Mit dem Ball am Fuß blitzt immer wieder dieses aufrichtige Lächeln in ihrem Gesicht auf. Sie hat einfach Spaß.

Genauso wenig wie in der Schule ist Fatima in ihrer Mannschaft eine Außenseiterin. Ihre Teamkolleginnen strömen auf sie zu, umarmen sie zur Begrüßung. „Sie ist ein fester Bestandteil der Mannschaft und wird von allen Spielerinnen sehr geschätzt“, erzählt Caro Relling, die Fatima attestiert, bescheiden und herzlich zu sein. Natürlich dürften auch Fatimas fußballerischen Qualitäten zur schnellen Integration beigetragen haben. „Sie besitzt eine Menge Talent“, versichert ihre Trainerin.


SHFV sieht Chance


Auch der Schleswig-Holsteinische Fußballverband (SHFV) hat erkannt, wie wichtig Fußball für Integration sein kann. Der Verband hat zu dem Thema eine Informationsbroschüre herausgegeben. Außerdem veranstaltet der SHFV den Sparda-Bank Integrations-Cup und hat das Projekt „Mädchen kicken cooler“ ins Leben gerufen. Vereine können sich beim Verband beraten lassen und an Qualifizierungsmaßnahmen teilnehmen. Der DFB hat in Zusammenarbeit mit Aydan Özoguz, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, ebenfalls eine Broschüre für Sportvereine herausgegeben, in der Wege aufgezeigt werden, um Geflüchteten den Weg in den Sportverein möglichst leicht zu machen.


Es geht nur um Fußball


Ein Club, der sich diesem Thema in Schleswig-Holstein längst angenommen hat, ist der SV Türkspor Bad Oldesloe (SVT). Der Verein, der sich für Menschen mit Migrationshintergrund engagiert, hat das Projekt „Fußball mit Flüchtlingen“ in Zusammenarbeit mit dem Kinderhaus St. Josef realisiert. Die Mitgliedschaft, die Trainingsausrüstung und die Kosten für Fahrten und Ausflügen sind für die Jugendlichen des Teams beitragsfrei. Jeden Freitag trainiert die Mannschaft im Kurparkstadion unter Anleitung von Trainerin Jatta Aalto. Die Finnin, ehemalige Nationalspielerin, kommt gut mit den Jungs klar. „Hier geht es einfach nur um Fußball“, sagt Aalto, die ihr Team selbstsicher im Griff hat. Ihr zu Seite stehen Masood Hamdart und Roman Ismailov. Hamdart ist angehender Polizist und spricht afghanisch. So überwindet der Verein Sprachbarrieren leichter. Die Mitglieder der so genannten „Flüchtlingsmannschaft“ kommen aus Afghanistan, Eritrea, dem Irak und Syrien. Jatta Aalto spricht so oft es geht deutsch mit ihren Schützlingen. Wo Sprache versagt, gehe es „mit Händen und Füßen“ weiter. Das verstehe jeder. Neben dem Training bietet das Projekt auch Gesprächsgruppen und Ausflüge an. Ende September veranstaltete der SVT außerdem ein islamisches Fest zum Fastenbrechen für das Team: Bayram.


Barrieren überwinden


   Auch Fatimas Verein, der VfL Oldesloe, leistet seinen Beitrag zur Integration. Mittlerweile spielen bereits acht Geflüchtete in der zweiten Herrenmannschaft. „Direkt nach der Ankunft in Deutschland gibt es für Flüchtlinge erst einmal wichtigere Herausforderungen, als ein Hobby zu finden. Das ist dann aber oft schon der zweite Schritt“, berichtet Gudrun Fandrey, 2. Vorsitzende beim VfL. „Und Sport überwindet sprachliche Barrieren schnell. Bewegung bedeutet in allen Ländern der Welt das Gleiche. Kommunikation entsteht dann über den Spaß am Fußball.“ Der Beitrag für Geflüchtete im VfL bleibt frei. Der Verein finanziert diese Mitgliedschaften durch Fonds, Stiftungen und Spendengelder. „Zur Zeit reiche das Geld für 20 Mitgliedschaften, da ist aber noch Luft nach oben“, erklärt Fandrey. Trotz begrenzter Ressourcen will der Verein noch mehr Möglichkeiten insbesondere für die Menschen schaffen, die in den vergangenen Wochen in Bad Oldesloe angekommen sind.


Chance genutzt


Integration ist ein sperriges, abstraktes Wort. Im Duden ist Integration bildungssprachlich als „Einbeziehung, Eingliederung in ein größeres Ganzes“ definiert. Soziologisch beschreibt der Duden Integration als „Verbindung einer Vielheit von einzelnen Personen oder Gruppen zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Einheit“. Wie Integration im Alltag aussehen kann, zeigen viele Vereine in Schleswig-Holstein. Für Fatima, das Mädchen das trotz ihrer Erlebnisse so ehrlich lächelt, war der Fußball die Eintrittskarte zur Integration. Die Mädchen in ihrer Mannschaft sind Teil ihrer Welt geworden und umgekehrt. Sie ist angekommen in Deutschland. Mitten in unserer Gesellschaft. Sie hatte die Chance sich zu integrieren – und hat sie genutzt.

 

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