Matratze angezündet: Neun Monate Bewährung

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23. November 2018, 15:51 Uhr

Monatelang war der Angeklagte durch Deutschland gereist. Er war obdachlos und versuchte, sich irgendwie über Wasser zu halten. Im Mai landete er in Ahrensburg, dem Ort, in dem er zuvor mit seiner Ex-Frau und seinen beiden Söhnen gewohnt hatte. Beim Rathaus fragte er nach einer Unterkunft. „Ich hatte seit vier Tagen nicht mehr geschlafen und befand mich in einer schwierigen Situation“, sagt Jali K. vor dem Amtsgericht Lübeck. Im Rathaus wies man dem 57-Jährigen eine Obdachlosenunterkunft im Reeshoop 22 zu.

Entsetzt über den angeblich menschenunwürdigen Zustand des Zimmers fühlte sich der Mann mit der iranischen Staatsbürgerschaft gekränkt. „Tiere leben so. Ich bin aber ein Mensch“, so der 57-Jährige. Er rief den Notruf und erklärte in gebrochenem Deutsch, dass er Feuer legen werde, erzählte jedoch nicht, wo genau er sich befand. Dann habe er, so gesteht er es vor Gericht, im besagten „schmutzigen Zimmer“ eine Ecke der Matratze angezündet und draußen auf die Polizei gewartet. Das Telefonat bekam die Schwiegertochter des Hausbesitzers zufällig mit und alarmierte sofort Polizei und Feuerwehr. Der Besitzer konnte indes die brennende Matratze aus dem Zimmer schleifen und ein Übergreifen auf andere Räume verhindern. Angeklagt ist Jali K. wegen versuchter schwerer Brandstiftung in Tateinheit mit Sachbeschädigung, die sich aber nur auf 100 Euro beläuft.

Vor Gericht bedauert er seine Straftat, die er mit 1,4 Promille begangen hat. Vor allem, als er bemerkt habe, dass eine Schwangere mit im Haus gewesen sei, sei er sehr bestürzt gewesen und habe sich sofort entschuldigt. Er sei überzeugt gewesen, dass jemand komme und sich um die unhaltbaren Zustände kümmere, wenn er den Notruf wähle. Diese Aussage nimmt Richterin Sabine Jansen ihm nicht ganz ab. Denn bei der Polizei habe er den Satz „Macht in diesem Land nichts aus, ob ohne oder mit Menschen brennen“ geäußert. Vielleicht habe er nach dem Telefonat mit der Polizei das Gefühl gehabt, nicht gehört worden zu sein und habe das Feuer deshalb gelegt, fragt Sachverständiger Dr. Thomas Bachmann.

Die Unterkunft befindet sich in der ehemaligen Polizeiwache und grenzt an das Wohnhaus der betreuenden Familie. Eine Polizeibeamtin aus Ahrensburg bestätigt im Zeugenstand zwei Notrufe, nach dem zweiten des Hausbesitzers sei man ausgerückt.
Der Sachverständige beleuchtet das unruhige und problematische Leben des in Abadan geborenen Iraners, der in seinem Heimatland als Immobilienmakler arbeitete und mit seiner Familie vor 15 Jahren aus politischen Gründen Asyl in Deutschland beantragte. Im Iran habe er seit seinem 19. Lebensjahr Drogen – vor allem Opium und Kokain – konsumiert. Seit 2007 lebte er von seiner Familie getrennt und konnte keinen Fuß im fremden Land fassen. Er habe Jobs abgebrochen, sei auf der Straße gelandet, wurde alkoholabhängig und depressiv, wurde in Therapie-Zentren behandelt, bekam eine Betreuerin zugewiesen – jedoch ohne Erfolg, da er die Ursache seines Problems nicht erkannt und keine Eingliederungsmaßnahme gewollt habe. Zwölf bis 17 Biere habe er täglich zu sich genommen. „Das ist meine Medizin“, sagt Jali K. In der U-Haft, berichtet der Psychiater, habe er sich aber gefestigt und weniger Anzeichen einer Depression und Abhängigkeit gezeigt, was beweise, dass eine Behandlung in einem stabilen Wohnumfeld wichtig für ihn sei. Es bestehe sonst die Gefahr, dass der Angeklagte wieder in eine ähnliche Situation gerate.

Der Verteidiger hält eine Geldstrafe für angemessen und sieht keinen Vorsatz bei seinem Mandanten. Ganz anders Staatsanwalt Martin Jochems, der von keiner Kurzschlusssituation ausgeht und ein Jahr auf Bewährung fordert. Am Ende bleibt das Amtsgericht knapp unter seiner Forderung und verurteilt den Iraner zu neun Monaten auf Bewährung wegen eines minderschweren Falls versuchter Brandstiftung.

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