Stormarner Wochenschau : Man muss eben überall Prioritäten setzen

 Karikatur: Megi Balzer
Karikatur: Megi Balzer

Betrachtungen zur Jahreswende

von
01. Januar 2018, 08:47 Uhr

Schweigsam

: Manchmal ist nicht nur das, was gesagt wird, wichtig, sondern auch, was nicht gesagt wird. Bei der IHK-Bilanz 2017 mit Ausblick auf 2018 kam das Thema Flüchtlinge nicht vor. Zwei Jahre zuvor war das ein großes Thema. Mehr als 85 Prozent der Betriebe seien bereit, Flüchtlinge einzustellen, und mit der Arbeitsagentur hatte die IHK ein Projekt gestartet, um Migranten möglichst zügig an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Bereits jetzt konnten 800 Lehrstellen nicht besetzt werden, und die Situation werde sich noch verschärfen, fürchtet die IHK. Und empfiehlt jungen Leute, die duale Ausbildung anstelle des Abiturs um jeden Preis. Und möchte gerne qualifizierte Frauen, die sich lieber um die Familie kümmern, in Arbeit bringen. Kein Wort von Flüchtlingen oder Migranten. 2016 war im Bildungsbericht der Bundesregierung von einem Lehrstellenmangel die Rede, der sich bald dramatisch zuspitzen werden, so der Göttinger Berufsbildungsforscher Martin Baethge. Die zusätzlich auf den Ausbildungsmarkt strömenden Flüchtlinge, die er als Grund für seine Prognose nannte, sucht man bei der IHK bislang vergeblich.

Verschwiegen

: 1994 war die Abwasserentsorgung Bargteheide GmbH gegründet worden, seinerzeit mit der Schleswag. Die Rohrleitungen, die schon damals verlegt waren, will Bargteheide jetzt versilbern. Das Netz wird für 16,5 Millionen Euro an die GmbH verkauft. Die Frage, wem das Geld gehört, wurde in Bargteheide nicht gestellt. Dabei war es 1996 der Vater des heutigen CDU-Fraktionsvorsitzenden und ehemalige Justizminister, der den Kreis verklagte, weil der den Erlös aus dem Verkauf ein fach behielt. Das Oberverwaltungsgericht wies die Klage zwar am Ende ab, die Richter stellten in ihrem Urteil aber darauf ab, dass zwischen Erträgen der Einrichtung und Erträgen des Einrichtungsträgers zu unterscheiden. Weder die MVA GmbH noch die Müllverbrennungsanlage seien Teil der öffentlichen Einrichtung gewesen. Das ist in Bargteheide anders. Die Kanalisation wurde von den Bürgern bezahlt, und natürlich floss auch der Wiederbeschaffungswert in die Kalkulation ein. Insofern dürfte der Sohn des damaligen Klägers heute bessere Chancen haben als sein Vater vor gut 20 Jahren. Nur dass sich nicht abzeichnet, dass irgend jemand klagen würde. Schließlich haben die Bürger ja schon den Vorteil, dass die Abrechnung jetzt einfacher wird. Und dass sie künftig auch für Regenwasser zahlen dürfen. Dass dafür schon vor Jahren mal vorab die Grundsteuer ein bisschen erhöht worden war, wurde jetzt auch nicht mehr erwähnt. Aber man muss eben Prioritäten setzen, wenn man den Marsch in neue Schulden verhindern möchte. Egal, wer es bezahlt.

Appell

Apropos bezahlen: Viele Mitbürger lassen sich ja nicht lumpen, wenn es um die Begrüßung des neuen Jahres geht. In der Nacht zum 1. Januar werden erneut viele Euros in Krach, Feuer und Qualm aufgehen. Ob man das tun darf, wenn anderswo auf der Welt Menschen hungern, war schon vor einigen Jahrzehnten Thema in Bargteheide, wo der griffige Slogan „Brot statt Böller“ erfunden wurde. Es hat sich zwar nichts geändert an Not und Elend, den moralischen Appell gibt es innerhalb der Aktion „Brot für die Welt“ aber weiterhin. Damals war er vielleicht sogar notwendig, mittlerweile kommt ja kaum eine Organisation ohne ständige Appelle an das schlechte Gewissen aus, das man angesichts des Zustands der Welt doch eigentlich immer haben müsste. In der Realität nutzen Unternehmen das gerne aus, um sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Immerhin geben sie selbst Geld. Fernsehen und Radio schmücken sich auch noch mit fremden Federn, wenn sie die von ihnen „erzielten“ Summen verkünden. Und wie viel davon wo landet und ob es wirklich hilft, ist durchaus auch fraglich. Bei Silvester-Feuerwerk weiß man, was man (nicht) hat. Das verbrennt die Euros sicher und erzeugt nach ein bisschen Spaß viel Qualm und Dreck.

Namentlich

: Offiziell ist seine Liste nicht, aber Knud Bielefeld aus Ahrensburg wertet seit Jahren aus, welche Vornamen Eltern ihren Kinder geben. Dass seit sieben Jahren die meisten ihren Sohn Ben nennen, dürfte in Einkaufszentren noch zu Problemen führen. Bei den Mädchen hat Emma Mia, hoffentlich wegen Harry Potter und nicht wegen Alice Schwarzer. Ansonsten bleiben die Top-Ten-Namen bei Mädchen (Hannah, Mia, Sofia, Emilia, Lina, Anna, Marie, Mila, Lea) und Jungs (Jonas, Leon, Paul, Finn, Noah, Elias, Luis Felix, Lukas) ziemlich zweisilbig. Komplett abgeschlagen sind Helmut und Angela. Den Ex-Kanzler kennen wohl Jüngere vermutlich viele nicht mehr, während Kanzlerin Merkes Satz „Sie kennen mich“ offenbar doch nicht stimmt.
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