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Bargteheide : „Mama, ich habe alles im Griff“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Im Mordprozess gegen Sven S. aus Bargteheide vor dem Lübecker Landgericht sagten jetzt die Eltern des Opfers aus.

Es ist ein schwerer Gang für die Eltern von Svea T., die am 12. August 2016 von ihrem Ex-Freund mit drei Pistolenschüssen niedergestreckt und getötet wurde. Am achten Verhandlungstag des Prozesses gegen den mutmaßlichen Täter Sven S. aus Bargteheide sagen die Eltern des Opfers im Zeugenstand aus.

Sichtlich bewegt nehmen sie all ihre Kräfte zusammen, um die Befragung durch den vorsitzenden Richter Christian Singelmann zu überstehen. Im Gerichtssaal sind viele Freunde des Opfers als seelischer Beistand. Die Bluttat starke Anteilnahme ausgelöst, die bis heute anhält. Unter Vortäuschung falscher Tatsachen – so sieht es die Staatsanwaltschaft – habe Sven S. seine ehemalige Freundin in seine Wohnung in der Alten Landstraße gelockt und sie mit drei Schüssen niedergestreckt. Staatsanwalt Nils-Broder Greve plädiert auf Mord, Verteidiger Dr. Jan Markus Schulte hofft auf ein milderes Urteil wegen Totschlags.

Die Mutter, die ein sehr enges und inniges Verhältnis zu ihrer Tochter hatte, erzählt von den letzten Momenten mit ihrer Tochter. Wenige Stunden vor der Tat habe sie sie zuletzt gesehen. Svea sei früh aus dem Haus gegangen, um noch vor der Arbeit auf dem Erdbeerhof bei ihrem Pferd im Stall vorbeizuschauen. Um 10.30 Uhr – kurz vor dem grausigen Geschehen – habe sie eine letzte Nachricht bekommen. Die Mutter erinnert sich an das erste Zusammentreffen mit dem neuen Freund ihrer Tochter vor rund vier Jahren. Sie habe den mutmaßlichen Täter als „nicht angenehm“, „muskulös“ mit einer „starke körperlichen Darstellung“ empfunden. „Ich mochte ihn von Anfang an nicht“, sagt sie. Doch ihre Tochter schien „ziemlich verliebt“ und habe damals einen glücklichen Eindruck gemacht. Immer wieder habe sie ihre Tochter im Laufe der Zeit gefragt, ob alles in Ordnung sei. Svea habe geantwortet: „Bleib locker, Mama. Ich habe alles im Griff“. Doch schon nach ein paar Monaten habe sie gemerkt, dass Sven „abgedreht“ und „gefährlich, aggressiv und brutal“ sei. Immer wieder habe sie versucht, Svea von ihm abzubringen – vergeblich. Ihre Tochter habe sogar für viele Monate den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen – wohl auf Weisung ihres Freundes. „Da bin ich ganz hellhörig geworden“.

Dann seien erste Drohungen von Seiten des Angeklagten gekommen, berichtet die Mutter de Getöten. Sie habe sich aus seinem Leben herauszuhalten, er sei „Herr im Haus“ und bestimme über Svea. Sie habe weiterhin Kontakt zu ihrem Kind gehalten, doch alle Nachrichten seien vom Angeklagten gelesen worden. „Das zog sich so massiv über ein Jahr hin – bis die Tochter mitten in der Nacht im Frühjahr 2016 vor ihrer Tür gestanden und nicht mehr weiter gewusst habe. Sie habe sich aus Angst von ihm getrennt. Sven S. habe die Trennung nicht wahr haben wollen, habe ihre Tochter gestalkt, bedroht, verfolgt, wüste Drohungen wie „Ich schlachte euch alle ab“ ausgestoßen, ihr Pferd mit dem Messer attackiert. „Er hat uns ganz massiv mit dem Tode bedroht“, so die Mutter. Sie habe gewusst, dass das Ganze außer Kontrolle gerate. Man habe die Kripo um Hilfe gebeten, Anzeigen geschaltet, eine einstweilige Verfügung erwirkt. Auf die Frage, warum die Tochter am Tattag für ihren Ex-Freund einkaufen gewesen sei – Einkaufstüten wurden vor der Tatwohnung gefunden – hat die Mutter keine Antwort. Sie vermutet, dass sie es auf Druck des Angeklagten und nicht freiwillig gemacht habe. „Da lief nichts mehr zwischen den Beiden“, beteuert sie.

Während der Angeklagte unentwegt in Prozessakten blättert und nicht eine Sekunde den Kopf hebt, wird der Vater des Opfers in den Zeugenstand gerufen. Auch er kann sich nicht erklären, warum seine Tochter nach monatelanger Trennung Besorgungen für den Ex-Freund getätigt habe. Er vermutet Angst und das Bestreben, endlich Ruhe zu haben. Die Kripo in Bad Oldesloe habe geraten, die Situation zu „deeskalieren“. Seiner Tochter habe immer mal wieder auf seine permanenten Nachrichten geantwortet – um ihn ruhig zu stellen. Bereits kurz nach dem Kennenlernen habe Svea den neuen Freund vorgestellt und auch von seiner „nicht so rosigen Vergangenheit“ erzählt. Er saß fünf Jahre lang im Gefängnis, mehrere Prozesse wegen weiterer Delikte sind noch anhängig. Da seine Tochter ihn wohl geliebt habe, habe er Sven S. finanziell unter die Arme gegriffen, dem jungen Paar geholfen. Er und seine Frau hätten versucht, ihn zu „resozialisieren“. Aber sobald es nicht nach den Vorstellungen des Angeklagten gegangen sei, habe er Drohungen ausgesprochen, woraufhin er Anzeige erstattet habe, die er auf Bitten seiner Tochter habe vergeblich wieder zurückziehen wollen. Er berichtet von diversen weiteren, bedrohlichen und aggressiven Vorfällen. Aus einem Urlaub sei Svea mit blauem Auge zurückgekommen. Er ist sich sicher, dass Sven S. ihr die Verletzungen zugefügt hat. „Die körperliche Liebe war wohl stärker als die Kopfliebe“, vermutet er. Schließlich hätten er und seine Frau sich für „Deeskalation“ entschieden – auch um ihre Tochter nicht zu verlieren. Der Vater berichtet von einem in seinen Augen fingierten Einbruch in die Wohnung des Paares und vermutet Sven S. und Komplizen hinter der Tat. Letztere stehen deswegen bereits vor Gericht.

Der Vater kann seine Tränen nicht verbergen, wenn er an den Abend denkt, an dem seine Tochter völlig aufgelöst in der Tür gestanden habe. „Papa, es geht nicht mehr, er hat mir gedroht. Wann wird er endlich weggeschlossen?“ habe sie zu ihm gesagt. Nach der Trennung habe sich ein „Verfolgungschat“ aufgebaut, Bedrohungen, Beschimpfungen übelster Art. Der Angeklagte habe sich „hochgradig manipulativ“ verhalten, habe wohl selbst daran geglaubt, dass seine Tochter und er noch ein Paar seien. „Er lebte in seiner eigenen Welt, hatte eine andere Wahrnehmung“, so der Vater. Die Familie habe „auf Zeit gespielt“, da man gehofft habe, dass der Angeklagte Ende des Jahres bei einem weiteren Prozess hinter Gittern landen würde. Dann wäre ihre Tochter endlich von ihrer Qual erlöst und hätte ohne permanente Angst in die neue Wohnung ziehen können. Dazu kam es aber nicht mehr: Die 28-jährige junge Frau musste auf grausame Weise ihr Leben lassen.



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