Bad Oldesloe : Letzte Chance für ein Gleis

Stahlträger werden per Laster angeliefert. Vor einem Jahr ging das noch per Zug.
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Stahlträger werden per Laster angeliefert. Vor einem Jahr ging das noch per Zug.

Wo der Lkw mühsam rangieren muss, wurde der Stahl vergangenes Jahr noch auf Zügen angeliefert. Gibt es eine Chance, das seit Januar stillgelegte Oldesloer Industriegleis wieder zu reaktiven?

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12. Dezember 2017, 06:00 Uhr

Eigentlich war die Zeit des Oldesloer Industriegleises schon vorüber. Vor mehr als 30 Jahren wurde die alte EBOE-Trasse verlängert. Die Grundstücke im neuen Gewerbegebiet Sandkamp sollten nur an Betriebe vergeben werden, die den Gleisanschluss nutzen. Das war die Idee, die Realität sah anders aus. Im Sandkamp tat sich mehr als 20 Jahre nichts, lediglich gegenüber im Rögen nutzen zwei bis drei Firmen das Gleis.

Davon ist nur Arcelor-Mittal, ehemals Pätau-Possehl, übrig geblieben. Zu wenig für ein Gleis, das pro Jahr Kosten von mehr als 80 000 Euro für die Unterhaltung verursacht. Zwar zahlte der Stahlhändler pro Jahr durchschnittlich 30 000 Euro, das städtische Defizit pendelte sich aber bei 50 000 Euro ein. Für Sanierungen war da nichts übrig, und als dann Kosten von bis zu einer halben Million Euro für die Weichen, neue Schwellen, die Ampelanlage auf der B  75 und die Bestebrücke anstanden, zog die Politik vor anderthalb Jahren die Reißleine. Mit dem Jahreswechsel 2016/17 wurde das Gleis stillgelegt.

Arcelor-Mittal sah das nicht gerne, die Firma wollte aber auch keinen Blanko-Scheck unterschrieben, künftig die Hälfte aller Kosten für das Industriegleis zu übernehmen. Die Geschichte schien endgültig zu Ende, doch zufrieden war man bei dem Stahlhändler nicht. Ein Zug pro Woche mit sieben Waggons kam im Durchschnitt im Rögen an. Das ist ein Viertel der Gesamtmenge von 1000 bis 1200 Tonnen pro Woche und entspricht 28 voll beladenen 40-Tonnern.

„Wir wachsen kontinuierlich und wollten die Anlieferung über die Schiene eigentlich erweitern“, sagt Niederlassungsleiter Sascha Höltig. Die Auslieferung geht nur mit Lkw, weil kaum ein Kunde über einen Gleisanschluss verfügt. Das Thema ist auch für den Gesamtkonzern von großer Bedeutung. „Bei neuen Standorten ist unsere erste Frage, ob es ein Gleis gibt“, sagt Yvo Van Werde, operativer Geschäftsführer des Konzerns. Arcelor-Mittal ist der drittgrößte Kunde der Bahn und möchte den Transport auf Schienen noch ausbauen.

Nicht nur weil Stahl nach der Produktion ohnehin auf Waggons verladen wird und jedes Umladen Geld kostet, sondern vor allem mit Blick auf die Zukunft: „Es gibt bereits heute Probleme, Lkw für eine Lieferung zu bekommen. Nächstes Jahr scheiden 35 000 Fernfahrer aus, und es kommen nur 20 000 nach. Es gibt immer weniger Fahrer und Frachtraum“, sagt Yvo Van Werde. Er war in den Rögen gekommen, weil die Oldesloer FDP-Landtagsabgeordnete Anita Klahn Verkehrsminister Bernd Buchholz gebeten hatte, sich des Themas anzunehmen. Gemeinsam mit den Firmenvertretern, Landrat Henning Görtz, WAS-Chef Detlev Hinselmann und Bürgermeister Jörg Lembke wurde nach Möglichkeiten gesucht, das Industriegleis doch irgendwie zu erhalten.

Das ist angesichts der Kosten und der in den vergangenen Jahren bereits unternommenen Versuche ein ambitioniertes Unterfangen. „Die Deutsche Bahn hatte großes Interesse an dem Gleis, aber übernehmen wollten sie es nicht“, sagt Lembke. Die Versuche, weitere Nutzer zu finden, waren erfolglos. Vor wenigen Wochen hatte sich zwar bei Arcelor-Mittal ein Unternehmen gemeldet, das ein Grundstück mit Gleisanschluss wie die ehemalige Boltze-Halle suchte, aber da war das Gleis ja bereits außer Betrieb.

Arcelor-Mittal wäre grundsätzlich bereit, sich stärker an den Kosten zu beteiligen, ohne weitere Nutzer würde das aber nicht reichen. Und die brauchte es auch, wenn das Land die Sanierung des Industriegleises mitbezahlen wollte. „Infrastrukturprojekte sind förderfähig, aber nicht, wenn davon nur ein Unternehmen profitieren würde“, so Verkehrsminister Buchholz.

„Wir wollen alle, dass mehr Gütertransporte von der Straße auf die Schiene verlagert werden“, sagten sowohl Anita Klahn als auch Landrat Henning Görtz, der die Problematik auch aus seiner Zeit als Bürgermeister in Bargteheide kennt. „Wenn man zu einer moderaten Unterdeckung kommt, wäre die Politik vermutlich bereit, die Stilllegung zurückzunehmen“, sagte Jörg Lembke. Ob die Chance dafür besteht, soll sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Denn eines sei klar, so Yvo Van Werde: „Wenn ein Gleis erstmal weg ist, kommt es nie wieder.“

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