Landärzte kämpfen mit ihrem Image

Diskutierten mit den Bundestagskandidaten Dr. Karin Thissen (SPD), Eka von Kalben (Grüne), Mark Helfrich (CDU) und Anita Klahn (FDP, hinten v.li.) über aktuelle Probleme in der Gesundheitspolitik: Dr. Jörg Wendtland und Dr. Augusto Palatsik (l.).
Diskutierten mit den Bundestagskandidaten Dr. Karin Thissen (SPD), Eka von Kalben (Grüne), Mark Helfrich (CDU) und Anita Klahn (FDP, hinten v.li.) über aktuelle Probleme in der Gesundheitspolitik: Dr. Jörg Wendtland und Dr. Augusto Palatsik (l.).

Diskussionsrunde mit Bundestagskandidaten: In Steinburg droht ein dramatischer Ärztemangel

shz.de von
24. Juni 2013, 03:59 Uhr

Kreis Steinburg | "Der Landarzt hat nicht nur beim ZDF ausgedient" - mit diesen Worten brachte Moderator Lars Bessel eines der größten Sorgenkinder der Steinburger Ärzte auf den Punkt. Doch der Nachwuchsmangel war nicht das einzige, was den Medizinern derzeit auf den Magen schlägt. Regressforderungen, unsinnige Bürokratie, Budgetierungen und Korruptionsvorwürfe erschwerten nicht nur den Arbeitsalltag, sondern führten dazu, dass der Beruf zunehmend unattraktiver werde. Zusammen mit den vier Bundestagskandidaten Dr. Karin Thissen (SPD), Eka von Kalben (Grüne), Mark Helfrich (CDU) und Anita Klahn diskutierten deshalb die Mitglieder des Vereins niedergelassene Ärzte der Kreise Steinburg und Dithmarschen im Itzehoer Café Schwarz über aktuelle Probleme in der Gesundheitspolitik.

Rund 90 Hausärzte gebe es zurzeit im Kreis Steinburg. Noch. Denn weil 40 Prozent davon bereits zwischen 60 und 70 Jahren alt sind, könnte das in nur fünf Jahren schon ganz anders aussehen. "Der Worst Case wäre, wenn alle gleichzeitig in den Ruhestand gehen", so Dr. Klaus-Heinrich Heger. Die Zahl der Landärzte könnte sich damit um fast die Hälfte verringern - weil der Nachwuchs fehle. Für den Mediziner aus Glückstadt ist in erster Linie das schlechte Image Schuld. "Die Ärzte stehen öffentlich nicht gut da, weil von der Politik und von den Kassen ein schlechtes Bild erzeugt wird. Das ist ein Abschreckungsszenario ersten Grades", so Heger.

Das Image-Problem ist für Dr. Karin Thissen (SPD) hingegen nicht der Hauptgrund für das Nachwuchs-

Problem. In ihren Augen führt der hohe Frauenanteil unter den Medizinstudenten dazu, dass sich die Bedingungen für angehende Ärztinnen ändern müssten. Und das sei kein politisches, sondern ein gesellschaftliches Problem. "Wir müssen uns attraktiver machen und eine bessere Infrastruktur schaffen." Durch frühe Praktika während des Studiums sollten junge Akademiker außerdem die Vorteile kleiner Praxen kennen lernen und so Vorurteile und Ängste abbauen, schlug Grünen-Politikerin Eka von Kalben vor.

Für Gesprächsstoff unter den Medizinern sorgte auch das Thema Krankenkassen. Vor allem die von den Kassen erhobenen Korruptionsvorwürfe sorgten für Ärger. "Die Ärztekorruption wird oft als Rammbock benutzt", klagte Mediziner Christoph Schäfer. "Ich fühle mich einfach ungerecht behandelt." Und damit war er nicht der einzige. "In der Bevölkerung ist gar nicht bekannt, was für Machtverhältnisse zwischen Patienten, Kassen, Ärzten und Politikern hier herrschen", monierte auch Dr. Augusto Palatsik. Dazu gehöre auch die immer größer werdende Zweiklassengesellschaft innerhalb des Gesundheits systems. Eine mögliche Bürgerversicherung - wie von SPD und Grünen gefordert - sei jedoch keine Lösung, sagte Anita Klahn (FDP). "Das ist nichts anderes als eine Erschließung zusätzlicher Geldquellen." Auch für die Mediziner sei dies keine Lösung. Denn die seien in den meisten Fällen von Privatpatienten abhängig, um neben den laufenden Kosten für die Praxis überhaupt Gewinn zu machen. Eine gerechte Entlohnung werde dadurch nicht geregelt.

Kopfzerbrechen bereiteten den Ärzten auch die Berge an Formularen, die bei jeder Behandlung auszufüllen seien, sowie Regressforderungen durch Budgetierungen. Deren Verwaltung koste unterm Strich mehr Geld, als durch Regresse und Einsparungen wieder in die Kassen komme, wie ein Teilnehmer aus dem Publikum auf den Punkt brachte. Da konnte auch Landrat Torsten Wendt, der ebenfalls an der Diskussionsrunde teilnahm, nicht widersprechen. "Viele Bereiche sind total überreguliert." Mark Helfrich (CDU) hatte zumindest für dieses Problem eine Lösung im Kopf. "Ich werde für Gesetze mit Verfallsdatum kämpfen."

Eines war am Ende des Abends jedenfalls klar: An Verständnis für die Probleme der Mediziner mangelte es den Politikern nicht. Dem Schlusswort von Landrat Wendt konnte jedenfalls auch Moderator Lars Bessel nichts hinzufügen: "Der zentrale Punkt des Abends ist die Frage nach Gerechtigkeit. Die Politik muss dafür jetzt den Rahmen setzen."

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