Lähmende Zukunftsangst

Angebändelt: Devid Striesow als Ivanov und mit Aenne Schwarz als Sasa.
Angebändelt: Devid Striesow als Ivanov und mit Aenne Schwarz als Sasa.

Das Ensemble um TV-Star Devid Striesow glänzt in der Premiere von Tschechows „Ivanov“ am Hamburger Schauspielhaus

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19. Januar 2020, 18:38 Uhr

Hamburg | Wäre Ivanovs Seele ein Raum, er sähe wohl aus wie die Bühne in Karin Beiers Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus: dunkel, kahl und leer. So leer, dass niemand im Programmheft für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet. Und doch ist gerade diese Bühne klug gewählt, lässt sie doch die Figuren selbst dann noch einsamer, noch verlorener wirken, wenn sie sich Strategien ausdenken, um nicht unterzugehen in dem dunklen Nichts.

Anton Tschechov hatte bereits als Arzt gearbeitet, als er 1887 mit „Ivanov“ sein erstes Theaterstück schrieb. Er hatte Menschen erlebt, die wie seine Titelfigur am Leben verzweifelten und weder Energie noch Empathie aufbringen konnten in einem Russland, das nach dem Ende des Zarenreichs nicht den erhofften Aufschwung erlebte, sondern in ungesunde Starre verfiel. „Ivanov“ beschäftigte den Autor so sehr, dass er die ursprünglich als Komödie untertitelte Fassung mehrmals überarbeitete, so dass letztlich vier unterschiedliche Fassungen entstanden.

Karin Beier und Rita Thiele (Dramaturgie) haben nun aus all diesen Fassungen eine eigene geschaffen. Klug und ganz und gar unangestrengt erhellt sie die Aktualität dieses Stückes, das eine uns bekannte Wirklichkeit mit sich selbst fremd gewordenen Menschen zeigt. Dazu lässt die Regisseurin die Figuren hin und wieder an der Rampe Überlegungen zum Zustand der Welt anstellen, die sich nahtlos in den Lauf des Stückes einfügen, oder die den Zuschauer zum Komplizen machen.

Da ist zunächst Ivanov (Devid Striesow). Schon wie sich Striesow zu den melancholischen Saxophontönen des Musikers (Vlatko Kucan) über die schier endlose Bühne schleppt, ahnt man die Schwere, an der er trägt. Vor nicht allzu langer Zeit war er noch ein ganz Anderer, hatte sich politisch engagiert, soziale Projekte gefördert, geheiratet. Aber jetzt ist ihm alles egal, er hat eine Depression, die ihn nicht über das eigene Befinden hinaus blicken und damit auch zu einem unerträglichen Egoisten werden lässt.

Seine Frau Anna (Angelika Richter) leidet an Tuberkulose, aber Ivanov kann dieser sterbenskranken, so viel stärker wirkenden Frau nicht einmal richtig zuhören, seine Gedanken kreisen ausschließlich um ihn selbst. Ihm ist auch egal, dass er bis zum Hals in Schulden steckt.

Sein aufgekratzter Verwalter Boris Michail (Bastian Reiber) präsentiert in Dauerbeschallung tausend super Vorschläge, bis Ivanov buchstäblich verwelkt, aber er ändert nichts, hält nichts aus, flieht von zu Hause hin zu den reichen Lebedevs.

Dort feiert Saša (Aenne Schwarz) ihren 18. Geburtstag, richtig harmonisch geht es jedoch nicht zu. Die Mutter (Eva Mattes) denkt nur ans Geld, der Vater (Michael Wittenborn) beklagt, dass die Leute heutzutage nur saufen und sich nicht wie er „fachmännisch betrinken“ können. Er steht allein in dieser Geburtstags- und später in der Hochzeitsgesellschaft, die beide keine wirklichen Gesellschaften sind, weil ihnen das Gesellige, das Miteinander fehlt.

Diese Menschen lähmt die Angst vor der Zukunft, ihre kalte Gleichgültigkeit, ihre Depressionen sind Ausdruck davon. Dass der Abend nicht in Trostlosigkeit versinkt, sondern eine feine Balance hält zwischen komischen und tieftraurigen Momenten, ist Beiers Regie und dem hervorragenden Ensemble zu verdanken. Zu Recht gab es lang anhaltenden Beifall für alle Beteiligten.


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