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Stormarner Tageblatt

16. Dezember 2017 | 14:01 Uhr

Ahrensburg : Künstlicher Eklat im Marstall

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Baldur Burwitz provoziert mit Performance bei der willkürlich „VIP-Tickets“ vergeben werden

Sigrid Kuhlwein war nicht wirklich amüsiert. Die Kreispolitikerin, Ausschussvorsitzende des Kultur- Schul- und Bildungsausschuss, Kunstliebhaberin und Mitglied in der Jury der Sparkassen-Kulturstiftung, blieb bei der Ausstellungseröffnung des Hamburger Künstlers Baldur Burwitz der Zutritt zum VIP-Bereich verwehrt. Sie hatte am Eingang keines der limitierten Tickets erhalten. Und so zog sie es vor, relativ zeitig den Heimweg anzutreten. Diese Entscheidung trafen am Sonntagmorgen auch eine ganze Reihe weiterer Kunstfans, die zum Teil zu den Stammgästen im Marstall gehören.

Doch wie konnte das geschehen? Burwitz ist für seine ausgefallenen Performances bekannt. Und im Marstall wurde jeder Besucher Teil seiner Inszenierung. Der Kunstbetrieb ist ja in vielen Bereichen elitär. Und genau das führte die Ausstellungseröffnung vor: Ein Absperrband teilte den Ausstellungsort in zwei Hälften. Hier das normale Kunstvolk mit Bockwurst und Getränken aus der Flasche, dort die VIPs mit Häppchen und Sektempfang an Stehtischen

Kartenabreißerinnen achteten darauf, dass auch wirklich nur Inhaber der richtigen Tickets den Bereich des Sektempfangs betraten. Und dabei gab es gleich mehrere sehr interessante Aspekte zu beobachten. Im Prinzip ist so eine Art der intellektuellen Klassengesellschaft im Bereich von vielen öffentlichen Veranstaltungen gar nicht so ungewöhnlich. Doch nie wird das so plakativ vorgeführt. Was dabei nicht vorkommt, ist, dass die Karten für den VIP-Bereich vollkommen zufällig verteilt werden. So kam es dazu, dass gerade die Kunstliebhaber sich auf den Schlips getreten fühlten, die ansonsten – und auch nach dem eigenen Selbstverständnis – eher zur vermeintlichen VIP-Riege gehörten. Kartenabreißerin Klara war erstaunt, wie sehr manche Besucher auch ohne Ticket Eintritt in die abgesperrte Zone verlangten. „Türsteherin wäre kein Job für mich. Das ist ziemlich unangenehm, wie manche sich verhalten“, sagte sie erstaunt.

Im Abschnitt für die „Normalsterblichen“ gab es bei Bockwurst einen kurzen Film über Ahrensburg zu sehen. Im Bereich der „Auserwählten“ gab es neben dem Sekt und den Schnittchen Zeichnungen des Künstlers, von denen sich jeder Inhaber der speziellen Einladungskarte eine kostenlos mitnehmen durfte. Das erhöhte natürlich die Empörung auf der anderen Seite des sozialen Experiments nur weiter.

Für erbostes Kopfschütteln sorgte bei einigen Anwesenden auch, dass der Künstler sich Erklärungen entzog. Von Landrat Klaus Plöger aufgefordert doch ein wenig Rede und Antwort zu stehen, entgegnete Burwitz „Nein, ich finde, dass die Ausstellung für sich selbst stehen soll.“ Die Nachfrage einer Besucherin nach einer Erklärung zum Titel „weltberühmt und heiß begehrt“, bügelte er mit Sonnenbrille im Haar und leicht arrogantem Lächeln mit einem „So ist halt der Name“ ab und unterband direkt weitere Fragen: „Das ist keine Pressekonferenz.“ War auch dieses Verhalten ein Teil der Performance? Unsicherheit griff um sich.

Diese führte dazu, dass sich Anwesende fragten, ob der begeisterte aber fast schon klischeehaft wirr wirkende, einführende Vortrag des Kunstexperten und studierten Philosophen Ludwig Seyfarth ernst gemeint war oder nicht. Schließlich berichtete er von einer anderen Ausstellung Burwitz´ bei der dieser als Ausstellungsobjekt eine ICE-Strecke quer durch eine Ausstellungshalle umleiten wollte. Das musste doch ein Scherz gewesen sein, oder nicht? Und warum saß überhaupt eine verkleidete Gummipuppe mit im Publikumsraum?

„Nichts hier ist zufällig. Der Tresen nicht, die Würstchen nicht und auch die Stehtische nicht“, so Burwitz. „Vielleicht müssen manchen von Ihnen Ihren Kunstbegriff ein wenig erweitern“, sagte er in Richtung fragender Blicke und machte sich damit nicht unbedingt neue Freunde. Die Provokation funktionierte bemerkenswert gut.

Einige der rund 100 Besucher nahmen es mit Humor, ein Teil war sehr interessiert, aber viele Beteiligten fühlten sich vorgeführt und vor den Kopf gestoßen und verließen die Eröffnung relativ schnell. Das galt übrigens für beide der getrennten Bereiche. Denn aus dem VIP-Abschnitt konnte man den Ahrensburgfilm nur schlecht und lediglich von hinten sehen. „Das läuft hier alles für mich sehr überraschend anders, als gedacht“, sagte Landrat Klaus Plöger. Viel mehr wolle er dazu nicht ausführen. Er hoffe nur, dass sich nicht zu viele für Kunst engagierte Stormarner wirklich vor den Kopf gestoßen fühlten. Das könnte langfristig kontraproduktiv sein.

„Ich stehe voll hinter zeitgenössischer Kunst und voll zu solchen Ausstellungen. Man muss sehen, wie es ankommt. Wir wollen natürlich nicht mutwillig Kunstinteressierte vertreiben“, so Katharina Schlüter, Kuratorin der Sparkassen-Kulturstiftung. „Zeitgenössische Kunst ist eben mehr als nur Malerei oder Fotografie. Ich finde es wichtig, dass das hier stattfindet. Vielleicht ist Stormarn manch mal noch nicht ganz soweit oder man muss sich auch ein neues Publikum erschließen. Mir selbst gefällt die Performance sehr gut“, so Schlüter.

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